Wie farbige Wolken, die vor der untergehenden Sonne und der längst unsichtbaren Welt schweben. Oder wie ausgerissene Stoffreste, die sich in wuchernden Farbfäden verfangen. So muss man sich diese Bilder vorstellen: Farbfluten, die wie Wetterfronten über riesenhafte Leinwände ziehen. Und ganz klein, rechts unten, in dünner Schrift hat Helen Frankenthaler ihren Namen unter die visuellen Ereignisse gesetzt. Als sollte vom somnambulen Gleichgewicht aus Denken und Träumen nicht allzu viel Herkunft verraten werden.

Spektakulär, nichts weniger, ist die Ausstellung der amerikanischen Malerin im Kunstmuseum Basel. Es ist im andächtigen Fluss der Inszenierung wie kostbares Andenken an einen Triumph der gegenstandslosen Moderne. Längst hat man sich ja an den Verschleiß der Abstraktion gewöhnt, an die ungezählten Entlehnungen, Repliken und Verwertungen, sodass einem die Erinnerung an die einst großen Augenblicke des bestimmenden Idioms des 20. Jahrhunderts wie Wunder vorkommen.

Helen Frankenthaler, Tochter einer reichen, kunstaufgeschlossenen Familie, hat ihr Werk in den frühen 1950er-Jahren im Kreis der amerikanischen abstrakten Expressionisten begonnen. Bekannt und befreundet mit Künstlern wie Jackson Pollock, Lee Krasner, Willem de Kooning, Adolph Gottlieb, Arshile Gorky oder Morris Louis gehörte sie zum Inner Circle der sogenannten New York School, die ihr Partner, der Kritiker Clement Greenberg zur Referenzgröße des zeitgemäßen künstlerischen Fortschritts promotete.

Lee Krasner, Clement Greenberg, Helen Frankenthaler und Jackson Pollock, 1951

Mit herrischer Geste haben die USA den Führungsstab von Europa übernommen. Und es hat gar nicht ausbleiben können, dass die meist monumentalen Abstraktionen der New Yorker Maler und Malerinnen, verbunden mit dem nicht weniger monumentalen Anspruch ihrer künstlerischen Letztbegründungen, zu Langstrecken-Waffen im Kalten Krieg wurden.

An der Front freilich hat sich Helen Frankenthaler nicht aufgehalten. Die ersten Bilder aus dem Jahr 1951 verraten noch die Nähe der Freunde, die Schule des Wildmalers Pollock, den sie „Jack the Dripper“ nannten, die expressiven Formauflösungen, die All-over-Struktur, die gestische Intuition, die Greenberg als „Action-Painting“ beschreiben wird. Aber schon Monate später ist die Künstlerin auf ihrer eigenen Spur. Sie breitet ihre Leinwände auf dem Boden aus und begießt sie mit stark verdünnter Farbe, die mit Händen oder Bürsten über die nicht grundierten Flächen gelenkt wird. Tief dringt das Kolorit ins Gewebe ein, wobei die verblassenden Töne diese eigentümliche Nebel-Stimmung erzeugen.

Helen Frankenthaler malt ihre selbstbegründete Welt

Dass die entstehenden Bilder Namen haben – „Open Wall“, „Shatter“, „Eden“, „Mediterranean Thoughts“ –, ist wohl unvermeidlich. Unser Sehen ist von Geburt an gegenständlich konditioniert. Es gibt keine genuin abstrakte Wahrnehmung. Erkenntnis ist immer mit Assoziationen verbunden. Assoziationen, die sich einstellen, wenn die Malerin auf ihren Leinwänden kniet oder sich über sie beugt. „Mediterranean Thoughts“ ist 1960 in Italien entstanden, wo Helen Frankenthaler mit ihrem Mann, dem Maler Robert Motherwell den Sommer verbrachte. Anders als ihr Titel führt die aufgeregte Komposition aber nicht gerade nach Alassio ans Meer. An Ferienruhe, genüssliche Entspanntheit denkt man beim Aufruhr der wie abgerissen wirkenden Farbfetzen zuletzt. Allenfalls sie, die Blau- und Braunakkorde, lassen an Meer und Sand denken.

Helen Frankenthaler träumt, was sie malt. Aber sie malt nicht, was sie träumt. Das gibt ihrem Werk diesen unverwechselbaren Zauber. Und der Verlass auf die letztlich unzugängliche Regie der Phantasie, das Vertrauen auf die Magie aus Steuern und Gewährenlassen bewahrt dieses Werk auch vor der Erstarrung im Muster. Es gibt nicht diese Frankenthaler-Marke – so wie man einen Pollock ziemlich sicher als Pollock oder einen Rothko gleich als Rothko identifizieren kann. Die wie zufällig anmutenden Berührungen der formlosen Farben, die Flucht der Linien über weite Bildstrecken, das Aufeinandertreffen der herkunftslosen Bilddinge, ihre fast scheue Verdichtung zur Atmosphäre – das alles macht diese Bilder zu Inszenierungen von singulärer Kraft. Wenn es einmal gelungen ist, das Bild gänzlich vom Abbild zu lösen und es in zeichenlose Freiheit zu entlassen, dann in diesem Werk.

Ganz anders als das Label „abstrakter Expressionismus“, der in den 1950er-Jahren „state of the art“ war und als offizielle Kunstsprache zum Signum des „freien Westens“ wurde, erklärte sich Helen Frankenthaler völlig unzuständig für die künstlerische Systemkonkurrenz. Ohne alles Pathos, ohne den Anspruch, die Kunst an ihr letztmögliches Ende gebracht (wie Ad Reinhardt) oder sie à fond neu erfunden zu haben (wie Barnett Newman) malt die Künstlerin ihre eigene, ihre selbstbegründete Welt.

„April Mood“ von Helen Frankenthaler, 1974„Blue Moon“ von Helen Frankenthaler, 1963

Eine Welt, zu der sehr wohl auch die Geschichte gehört. Früh schon hat sich die Malerin von Museumsbesuchen auf ihren Europareisen anregen lassen und die empfangenen Eindrücke und Gedanken in scheu angelegten Allusionen verarbeitet. Dann ist aus Tizians „Dame in Weiß“ in der Dresdener Gemäldegalerie eine Komposition aus vertikal und horizontal geschichteten Grau- und Weisstönen entstanden, die sich ganz ausdrücklich „Portrait of a Lady in White“ nennt. So eindeutig indes ist die Zuordnung meist nicht. Die Ausstellung geht da etwas kühn vor, indem sie mögliche, aber kaum einmal gesicherte Vorlagen auswählt und so eine Methode Frankenthaler insinuiert, die es so nicht gegeben hat.

Dass die Mobile-artige „Hommage à H.M“ Matisse meint, kann man allenfalls ahnen. Mehr als Ahnung soll nicht sein. Und mehr als atmosphärische Verwandtschaft, Gefühlsnähe soll nie verraten werden. Es gelten für die gelegentlichen Paraphrasen keine anderen Regeln als für die frei assoziierten Bilder. Ob Erinnerungen oder Eindrücke, Erlebnisse oder Einbildungen, Erregungen oder Erfahrungen – es sind alles keine Bildbausteine, es ist nie etwas anderes als Energiezufuhr für Frankenthalers Malerei. Lieder ohne Worte: Vielleicht lässt es sich so am besten sagen.

Das Werk ist von Beginn an hoch respektiert worden – von den männlichen Kollegen geradeso wie vom Kunstmarkt. Bereits 1951 hatte die junge Künstlerin ihre erste Soloshow in der Tibor de Nagy Gallery in New York, wo sie dann Jahr für Jahr ausstellen wird. Und wenn es auch sicherlich ihrem hochtalentierten Impresario Clement Greenberg zu danken ist, dass gleich einmal das Whitney Museum, das Jewish Museum und das Museum of Modern Art in New York auf Frankenthaler aufmerksam geworden sind, dann zeigt der frühe Hype doch auch, wie stark diese Bilder empfunden worden sind. Nicht zuletzt auch in Europa, wo die Malerin 1959 zur Teilnahme an der documenta II in Kassel eingeladen war. Und bis in die letzten Jahre hinein gab es hierzulande immer wieder retrospektive Ausstellungen. Unvergessen die imposante Werkschau 1969 in der Berliner Kongresshalle.

Helen Frankenthaler war nie das Opfer eines maskulin dominierten Kunstbetriebs – auch nicht in Europa, wie jetzt vom Baseler Kunstmuseum unterstellt wird, wo die neue Direktion mit beeindruckender Zeitgeist-Geschmeidigkeit sich mehr für „Geister“ und „Homosexuelle“ zu interessieren scheint als für das Erbe der einzigartigen Sammlung des Hauses und ganz entsprechend nun auch in Helen Frankenthaler einen Fall feministischer Wiedergutmachung erkennt. Ein Trost nur, dass die grandiose Ausstellung doch noch einmal an die alten Tugenden des ehrwürdigen Hauses anschließt. Helen Frankenthaler braucht nicht wiederentdeckt zu werden. Ihre Bilder sind immer noch und immer wieder zum Erstaunen.

„Helen Frankenthaler“, bis 23. August 2026, Kunstmuseum Basel

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.