Wenn ein Film die Gemüter spaltet, ist das oft ein gutes Zeichen. Die Familiensatire „Rosebush Pruning“ feierte auf der Berlinale Premiere, wo sie, obwohl es sich um einen der am meisten mit Stars besetzten Filme des ganzen Festivals handelte (Elle Fanning, Pamela Anderson, Bond-Anwärter Callum Turner), ohne Bär nach Hause ging.

Eine Überraschung war das nicht unbedingt, denn von Tag eins an hagelte es Verrisse, gegen welche die sich vereinzelt einmischenden Lobeshymnen nicht viel anrichten konnten. „Filmstarts“ sprach von einem „unausstehlichen Film über unausstehliche Menschen“, „Kino-Total“ bemängelte „abstoßende Dekadenz ohne Fallhöhe“, der „Guardian“ fand ihn „plump und unbeholfen“, und „Deadline“ argumentierte, dass es ein „What the actual f*ck?“ nicht mal ansatzweise treffe.

Von Wölfen gefressen? Pamela Anderson (Mutter)

„Rosebush Pruning“, was so viel wie „Rosenstrauch beschneiden“ bedeutet, ist ein Film, der provozieren will und dem das auch gelingt. Kein Wunder, denn das Drehbuch stammt von dem Griechen Efthimis Filippou, der für viele der früheren (und besseren) Lanthimos-Drehbücher verantwortlich zeichnet, darunter die ebenfalls als morbid-skurrile Thriller angelegten Familienaufstellungen „Dogtooth“ und „The Killing of a Sacred Deer“.

Ähnlich klaustrophobisch geht es auch jetzt zu, wo Filippou erstmals mit dem brasilianischen Regisseur Karim Aïnouz („Motel Destino“) zusammenarbeitet. Was ist das für eine Familie, die hier in einer abgeschiedenen katalanischen Villa in Reichtum und Luxus badet? Ein Vater, eine Tochter, drei Söhne – und eine neue Schwiegertochter. Die Mutter ist verstorben, von den Wölfen gefressen, angeblich.

Mit Menschen außerhalb ihrer Designer-Blase haben die Geschwister kaum zu tun, also sehnen sie sich nach – auch sexueller – Bestätigung untereinander. Dabei kommen allerlei wilde Vorlieben zum Vorschein, die jedes Register gegenwärtiger Fetisch-Trends im Kino („Pillion“, „Wuthering Heights“, „One Battle After Another“, „Babygirl“) kreativ sprengen. Wo Kinks oft mit einer seltsam bürokratischen Formelhaftigkeit einhergehen, fordert „Rosebush Pruning“ Sehgewohnheiten und Moralverständnis auf wahrhaft transgressive Weise heraus. Statt Leder und Peitschen gibt es hier Inzest, Vampirismus und Massenmord zu bestaunen.

Langeweile unter Geschwistern

Das klingt härter, als es ist. Denn das lose Remake von Marco Bellocchios italienischer Vorlage „Mit der Faust in der Tasche“ von 1965 geht visuell so surrealistisch-verträumt vor, dass man trotz vorgeführter Wohlstands-Verwahrlosung und monströser Dekadenz mit den Figuren zwar nicht unbedingt mitfühlt, ihr Schicksal aber verblüfft-interessiert verfolgt.

Drei große Trends

Im Prinzip reitet die schwarzhumorige Erotik-Persiflage drei Trend-Wellen gleichzeitig: Erstens stellt sie sich in die Tradition der griechischen, von Lanthimos angeführten „Weird Wave“. Zweitens schreibt sie die Eat-the-Rich-Bewegung à la „Saltburn“, „The White Lotus“ und „Triangle of Sadness“ fort. Und drittens nimmt sie den aktuellen Schwiegereltern-Kennenlernen-wird-zum-Horror-Hype auf, wie er in Filmen wie „Get Out“ und „Ready or Not“ sowie der neuen Netflix-Serie „Something Very Bad Is Going to Happen“ zum Tragen kommt. Die Szene, in der Jack (Jamie Bell) seine neue Freundin Martha (Elle Fanning) mit nach Hause nimmt und zum ersten Mal seiner schrägen Familie vorstellt, verdichtet passive Aggressivität mit subtilen Grenzüberschreitungen hin zu einem zynischen Realismus erster Klasse.

Da der Vater (Tracy Letts), das zwielichtige Familienoberhaupt, nämlich blind ist, fordert er seine Kinder auf, ihm Martha bis ins Detail zu beschreiben. Er habe schließlich auch ein Recht darauf, zu erfahren, wie seine Schwiegertochter aussieht. Das Kleid sei wahrscheinlich von Zara, vermutet Anna (Riley Keough). Auch Marthas Körbchengröße ist Gegenstand angestrengter Spekulationen. Martha erträgt es stoisch, denn sie liebt Jack – oder ist es die Aussicht auf ein Luxus-Anwesen, die sie trotz aller überdeutlichen Warnsignale an ihm festhalten lässt? „Ich habe es satt, ständig um Kleinigkeiten zu kämpfen“, wirft sie ihm einmal vor und meint damit die Villa, die er ihr doch bitte endlich kaufen soll.

Bleibt zu klären, warum der Vater blind ist: Allabendlich, beim Zähneputzen, lässt er seine Söhne seinen Penis mit Zahnpasta einreiben und ihn dann oral befriedigen. Am Ende mischt sich das Sperma mit der Zahnpasta, was für die glänzend weißen Zähne der Familienmitglieder sorgt. Als die Mutter (Pamela Anderson) diese Aufgabe noch übernahm, richtete sie einmal eine Taschenlampe auf ihren Mund und blendete damit ihren Mann so stark, dass dieser sein Augenlicht verlor. Vielleicht ist es also nicht die Liebe, die sprichwörtlich blind macht, sondern die Gier.

Der Film „Rosebush Pruning“ läuft ab dem 23. April im Kino.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.