MTT at SSO. Michael Tilson Thomas at San Francisco Symphony. Das war jahrzehntelang in der San Francisco Bay ein Werbeslogan, als man grad erst begann, Klangkörper auch aggressiv zu vermarkten. Und der am 21. Dezember 1944 in Los Angeles geborene Michael Tilson Thomas hat das lässig erfüllt. Er gab dieser Stadt ganz im Westen der USA, die als Hippiemythos berühmt war, einen hochkulturellen Anstrich, weltweit, aber mit Swing, Witz und immer zeitgenössischem Anspruch.
Die blaugespülten Society-Ladys konnten gar nicht schnell genug ihre Scheckbücher zücken, um diesen charmanten, offen schwulen Sonnyboy, der stets mit seinem Partner Joshua Robinson (der zur vorgerückten Stunde hinreißend steppte) und Königspudel Sheena auftrat, zu unterstützen. MTT folgte dem seriösen Schweden Herbert Blomstedt nach, der das Orchester während zehn schöner Jahre klangoptimierte (und gerade fast 99-jährig bei den Berliner Philharmonikern am Pult steht), bevor er es selbst massiv ins 21. Jahrhundert wuppte.
Der große, schlaksige Michael Tilson Thomas, der anfangs immer ein wenig im Windschatten seines Mentors Leonard Bernstein gestanden hatte, war – wie dieser beim New York Philharmonic in den Swinging Sixties – im San Francisco der beginnenden Nullerjahre der richtige Mann am richtigen Ort. 25 Jahre lang war seine klug kuratierte, immer überraschende, alle mitnehmende Symphony-Zeit ein ewiger Honeymoon, aber nicht selten mit Hardcore-Moderne. Bis zum Schluss.
Nur das Abschiedskonzert konnte wegen der Pandemie erst in der Folgesaison nachgeholt werden. MTTs Nachfolger, der in Los Angeles lange ein ähnliches Programm durchziehende Finne Esa-Pekka Salonen, blieb nur fünf Jahre: Das Klima und die Finanzen hatten sich in San Francisco radikal geändert. Die Silicon-Valley-Milliardäre spenden nichts für alte Hochkultur mit Radical Chic.
Michael Tilson Thomas, der einer Familie des New Yorker russisch-jüdischen Theateradels entstammte und deren Erbe später immer wieder Programme widmete, war Pianist, Komponist und Dirigent. Er war ein intellektuelles Wunderkind, studierte bei John Crown und Ingolf Dahl, spielte mit Gregor Piatigorsky, Jascha Heifetz und Igor Strawinsky. 1966 war er Assistenzdirigent in Bayreuth, ab 1971 wurde er Chefdirigent des Buffalo Philharmonic, sehr lange des London Symphony Orchestra und schließlich des San Francisco Symphony. Enge Verbindungen hatte er nach Frankreich, zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, auch zu den Berliner Philharmonikern.
Michael Tilson Thomas, genannt MTT, in den SixtiesEr schätzte Mahler und die russische Musik, aber auch andere Rauschmittel: 1978 wurde er am New Yorker Flughafen wegen illegalen Drogenbesitzes verhaftet. Aber vor allem förderte er das amerikanische Klangerbe vehement – Charles Ives und Aaron Copland waren seine Idole, doch er hat auch eine immense Menge zeitgenössischer Musik auf den Weg gebracht.
Er dirigierte so, wie er selbst war: fettfrei, strukturiert, aber mit Wärme und Witz. Er war kein Zelebrator romantischer Vergangenheit, deswegen konnte er mit Wagner und Strauss eher wenig anfangen. Doch auch sein Beethoven hatte klassisch geradlinige Größe und federnde Architektur. Erst bei den Amerikanern aber wurde er zum Rhythmus-Baby, jede Faser seiner hageren Gestalt wurde von Klangimpulsen durchzuckt.
MTT war zudem ein begnadeter Vermittler, wieder folgte er dabei dem Vorbild Bernstein, sprach im Fernsehen und im Radio, produzierte beim eigenen Orchesterlabel (auch das eine Pioniertat) pädagogische DVDs, hielt Vorträge und Masterclasses. Mit seinem Multimedia-Projekt „Keeping Score – Die Partitur im Visier“ war er digital aufgestellt, 2009 leitete er das erste Konzert des YouTube Symphony Orchestra, das global geklickt wurde.
Schon 1987 hatte Michael Tilson Thomas zudem in Miami das New World Symphony Orchestra gegründet, ein Profi-Jugendorchester, das erfahrenen Musikstudenten den Übergang in den Beruf erleichtern sollte. Mit dem Geld eines Kreuzfahrt-Unternehmens wurde 2011 auch dessen eigener Konzertsaal New World Center eröffnet, den Frank Gehry mitten in South Beach entworfen hatte. Eine Agora vor dem Gebäude für Live-Übertragungen aus dem Saal inklusive.
Und sein altes Wohnhaus auf dem Nob Hill in San Francisco war immer offen für Partys und Freunde. In den letzten Jahren kämpfte er tapfer und öffentlich gegen einen aggressiven Gehirntumor. Als nun auch noch kürzlich sein Mann unerwartet starb, hat Michael Tilson Thomas offenbar der Lebensmut verlassen. Am 22. April ist er in San Francisco gestorben. Er wurde 81 Jahre alt. In Europa war er berühmt, in Amerika wurde er als Legende verehrt.
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