Erinnert sich noch jemand? Die Achtzigerjahre erlebten einen Boom der Vaterbücher. „Vati“ nannte der jüngst verstorbene Peter Schneider beispielsweise lakonisch seinen Beitrag zum Genre. „Der Vater eines Mörders“ von Alfred Andersch beschäftigte sich mit dem Vater von Heinrich Himmler, den er in der Schule als Lehrer gehabt hatte. Aber nicht nur der Nazi-Väter wurde damals, die große Geschichte auf das private Leben herunterbrechend, gedacht. Auch die politisch unbedenklichen, aber eben oft auch abwesenden, an ihren Kindern desinteressierten oder zumindest so wahrgenommenen Väter wurden heraufbeschworen. Das schönste Buch in diesem Zusammenhang hat damals zweifellos der Schwabe Peter Härtling geschrieben. Es trug den programmatischen Titel „Nachgetragene Liebe“.
Erich Fried, der von 1921 bis 1988 lebte, der ein äußerst produktiver Dichter, politischer Aktivist, aber auch aufmerksamer Leser war, dürfte den Trend der Vaterbücher damals durchaus registriert haben. Dass nun sein jüngster Sohn sich gleichfalls in nachgetragener Liebe versucht, wäre ihm daher, lebte er noch, vermutlich plausibel vorgekommen.
Ob er mit dem Ergebnis zufrieden gewesen wäre? Die Frage stellt sich tatsächlich, denn Sohn Klaus hat keine Hommage gedreht. „Friendly fire“ nennt er seine Arbeit, einen Ausdruck benutzend, der das (versehentliche) Geschützfeuer auf die eigenen Leute bezeichnet.
In den begleitenden Interviews zu seinem Werk betont Klaus Fried: „Ich habe kein einziges Bild meines Vaters in meiner Wohnung aufgehängt.“ Und in einer der letzten Szenen liest Klaus einen Brief seines Erzeugers vor, der an den Neonazi Michael Kühnen adressiert ist. Mit dem richtete der alternde Erich Fried seine Verständigungsbemühungen auf einen besonders hartnäckigen Fall. Der Engländer Klaus Fried liest also diesen Brief mit einem „thick German accent“ vor. Und man weiß nicht so recht: Will der Regisseur damit den Hitler-Fan und Holocaustleugner Kühnen parodieren oder den eigenen Vater, der als Wiener Jude, der gerade noch rechtzeitig nach London entkam, den Tonfall seiner Muttersprache aber niemals ablegte, wenn er sich im fremden Idiom ausdrückte?
Als Klaus dann das Blatt Papier sinken lässt, auf dem Erich Fried seinen Briefpartner beschwört, die sogenannte „Auschwitzlüge“ noch einmal zu überdenken, kommentiert der Sohn nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit: „Mir hat er keine solchen Briefe geschrieben.“
Andererseits ist da nun dieser Film entstanden. Eine spielerische Annäherung an einen, wenn nicht übermächtigen, so doch mit einer ganzen Generation von aufmüpfigen Jugendlichen geteilten Vater. Spielerisch auch in einem wörtlichen Sinn, denn Klaus ahmt nicht nur den Akzent des Herrn Papa nach. Er geht auch gern mit Stock durchs Bild, so wie der Alte in den letzten Jahren.
Klaus, das wird schnell deutlich, ist als Letztes von Erich Frieds Kindern, 1969 geboren, das typische hübsche Nesthäkchen. Trotz seiner mehr als 50 Jahre jugendlich, um nicht zu sagen kokett wirkend, auf liebenswerte Weise chaotisch (den Schnitt überließ der erprobte Filmemacher und Filmdozent der Kollegin Julia Albrecht) und immer darauf bedacht, die tiefe Traumatisierung des Vaters, dessen Eltern von den Nazis umgebracht wurden, aber auch das Pathos seiner politischen Botschaften durch sarkastischen Witz zu konterkarieren.
Und so ist die Arbeit von Klaus dann eben eine nachgetragene Liebe geworden, die auch von Enttäuschung über Liebesentzug, ja Eifersucht gekennzeichnet ist. Und die lange braucht, sich an den großen Mann heranzupirschen. Die gesamte erste von zwei Stunden ist nämlich der Familienaufstellung gewidmet. Da werden Onkel, Tanten, Halbgeschwister endlos befragt nach ihren Erinnerungen, sodass man schon befürchtet, die ganze Sache versinke in Familiensimpeleien. Erst in der zweiten Hälfte kommt Klaus endlich zur Sache.
Er kann und will erfreulicherweise nicht übersehen, dass Erich Fried nicht nur seinen Kindern gehören konnte. Er spielte in der Öffentlichkeit zumindest der Siebziger- und Achtzigerjahre eine Rolle, die man sich gar nicht wirkmächtig genug vorstellen kann. Bei allen linken Projekten war er jetzt an vorderster Front dabei. Bekannt geworden 1966 mit seinem gegen den Vietnamkrieg gerichteten Gedichtband „und Vietnam und“, wuchs Erich Fried mehr und mehr in die Position eines Übervaters jener vermeintlichen Kämpfer für eine bessere Welt hinein, die sich nun gegen Kapitalismus und Kolonialismus, Atomenergie und Waldsterben engagierten.
Verständnis für jede antibürgerliche Jugendkultur
Erich Fried, zeitweise populärer als alle anderen Mitglieder der linken Literatentruppe Gruppe 47, zu der er 1963 gestoßen war, hatte Sympathien für Rudi Dutschke und Astrid Proll, Mitbegründerin der RAF; sie durfte bei ihm in London untertauchen. Fried zeigte auch Verständnis für die APO, Hippies, Flower-Power, Drogenabhängige und so ziemlich jede andere Spielart einer auf antibürgerlich getrimmten Jugendkultur.
Und er schoss mit seiner obsessiven Antihaltung oft übers Ziel hinaus. Er machte sich die Position der Palästinenser zu eigen, ja er war sich nicht zu schade, in Gedichten und Essays die in gewissen Kreisen heute wieder so beliebte Denkfigur aufzugreifen, der zufolge Israelis die neuen Nazis seien. In seinem Gedichtband „Höre Israel“ stellte er die rhetorische Frage: „Lebt ihre Grausamkeit jetzt in euch weiter?“ Man muss es sich leider immer wieder vor Augen führen: Linker Bullshit kam nicht erst mit dem Wokismus auf.
In diesem Zusammenhang will der Film auch die kuriose späte Freundschaft mit Michael Kühnen sehen, den Fried seines „ehrlichen Charakters“ wegen schätzte. Und er erblickte einen (fehlgeleiteten) Idealisten in ihm. Les extrêmes se touchent (die Extreme berühren sich), wie die Franzosen sagen. Hauptsache, jemand ist kein „Scheißliberaler“!
Man weiß nach zwei Stunden nicht so recht, wie der Regisseur sich zu den politischen Ungereimtheiten Erich Frieds stellt. Als Klaus zu Astrid Proll sagt, die RAF hätte ja wohl den deutschen Staat erst „demokratisiert“, kann man schwer entscheiden: Macht er sich jetzt über diesen Humbug lustig, will er seine Gesprächspartnerin zum Widerspruch provozieren (was gelingt), oder glaubt er etwa selber, was er da sagt.
Das und vieles andere bleibt also in der Schwebe. Der Film meidet Urteile, Verurteilungen. Er ist multiperspektivisch angelegt, wovon auch die vielen Montagen künden. Sie haben, gerade wenn sie historische Dokumente nutzen, bisweilen etwas Witziges. Zum Beispiel, wenn sich die in Österreich 1938 einmarschierende Wehrmacht auf Wochenschauaufnahmen durch einen technischen Trick im Rückwärtsgang bewegt. Man schaut dem allem innerlich nicht unbeteiligt zu.
Erich Fried mit seinen Traumata, Idiosynkrasien, blinden Flecken: Das ist eben auch ein repräsentatives Intellektuellenleben aus dem 20. Jahrhundert. Ein Leben, das sich jedoch in seinen besten Momenten zu unvergesslichen Zeilen aufschwingen konnte. Nehmen wir Frieds vielleicht einprägsamstes Gedicht „Was es ist“. Es beginnt mit den Worten „Es ist Unsinn / sagt die Vernunft. Es ist was es ist / sagt die Liebe.“ Er ist, was er ist, sagt dieser Film einer nachgetragenen Liebe über Erich Fried.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.