Neulich wollte die gute alte Tante „Tagesschau“ mal Jugendsprache sprechen: „Marie-Louise Eta eskaliert“, kommentierte ein Sprecher, als die besagte Frau nach dem ersten Tor für Union Berlin überschwänglich feierte. Früher hätte man wohl gesagt, sie sei „ausgerastet“. Aber auch das hätte in den Zeiten, als die „Tagesschau“ noch die amtliche, allseits geachtete Hauptnachrichtensendung Deutschlands war, einem Karl-Heinz Köpcke oder einer Dagmar Berghoff kein Skriptautor in den Mund gelegt.
Das Verb eskalieren ist übrigens ziemlich genauso alt wie die 1952 erstmals ausgestrahlte „Tagesschau“. Die Duden-Redaktion schreibt, es sei „in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem englischen to escalate entlehnt“. Diesem Zeitwort wiederum liegt – wie fast allen englischen Wörtern, die nichts mit Ackerbau, Viehzucht und den alltäglichsten Verrichtungen zu tun haben, ein französisches Wort zugrunde: escalade („Erstürmung einer Mauer, einer Festung mithilfe von Leitern“), das wiederum zu lateinisch scalae („Leiter, Treppe“) gehört.
Der frankolateinische Ursprung muss denjenigen, die das Verb ins Deutsche entlehnten, noch klar gewesen sein. Nicht umsonst bekam es die bildungssprachliche Verb-Endung -ieren, mit der meist Fremdwörter aus dem Lateinischen oder Französischen eingedeutscht werden.
Zuerst eskalierten nur Situationen und vor allem Kriege. Einer der ältesten auffindbaren Zeitungsbelege für den Gebrauch des deutschen Verbs bezieht sich auf den Vietnamkrieg, über den es 1968 heißt: „Da die USA den Krieg kontinuierlich eskaliert haben, müssen die USA ihn deeskalieren.“ Man sieht daran, dass eskalieren sowohl intransitiv („Wal vor Poel: Streit im Experten-Team eskaliert“) als auch transitiv gebraucht werden kann. Belege für die transitive Bedeutung findet man aber in jüngeren Quellen seltener. Nur dort, wo man noch dem Marxismus alter Schule anhängt, hält man auch am veralteten Sprachgebrauch fest: „Deutschland bestellt russischen Botschafter ein und eskaliert Konfrontation mit Moskau“, barmt die Web-Seite „World Socialist Forum“.
Die Bedeutung ist ohnehin die gleiche: (sich) verschärfen, (sich) ausweiten. Grammatisch gibt es allerdings einen feinen Unterschied, wie der „Duden“ aufklärt: „Im intransitiven Gebrauch des Verbs funktioniert die Perfektbildung übrigens sowohl mit haben als auch mit sein, wobei die Kombination mit sein die etwas häufigere ist.“
Doch all das ist sicher nicht gemeint gewesen, als es in der „Tagesschau“ hieß, Marie-Louise Eta, die erste Trainerin eines Vereins der ersten Bundesliga, würde „eskalieren“. Und die Nachbarn, die einen WELT-Kollegen vor ihrer „Sommer-Eskalation“, einer größeren Feier, warnten, bei der es eventuell etwas lauter werden könnte, meinten damit gewiss nicht dasselbe wie Verteidigungsminister Boris Pistorius, der jüngst ein „Eskalationsverfahren“ gegen Bürokratie bei der Bundeswehr androhte.
Die Bedeutung „ausrasten“, die sowohl bei der Trainerin als auch bei der Party gemeint war, hat sich, laut „Duden“ erst „in letzter Zeit“ entwickelt – und zwar „in der Umgangs- und vor allem auch Jugendsprache“. Zu diesem Bereich gehören sowohl die Meldung „Offenburg: 19-Jähriger eskaliert mehrfach – Polizei greift ein“ als auch die Ankündigung der Fan-Beauftragten von Eintracht Frankfurt, die vor dem Europa-League-Finale 2022 ankündigte: „Dann holen wir das Ding – und dann wird wahrscheinlich die komplette Nacht durchgefeiert und eskaliert.“
Gelegentlich wird das Verb in solchen Jargons auch im Sinne von „Riesenerfolg haben, durch die Decke gehen“ gebraucht. So freute sich der mecklenburgische Hobbymusiker Stefan Jürß über den Erfolg seiner Stadthymne „Schwerin, du kannst so schön sein“: „Ich hätte nie gedacht, dass das so eskaliert.“
Die neue umgangssprachliche Verwendung hat sich schon in den 1970er Jahren vorbereitet. Wie bei allen Verben, die eher Abstraktes oder schwer definierbare Psychophänomene beschreiben, liegt es auch bei eskalieren besonders nahe, es auf neue Phänomene zu übertragen. In seinem „Manifest für den freien Mann“ schrieb der männerbewegte Bestsellerautor Volker Elis Pilgrim 1977 über die unangebrachten Reaktionen auf manche Ideen: „Dabei braucht kein einzelner zu eskalieren.“
Pilgrim war jemand, der in all seinen Büchern vor traditioneller Männlichkeit warnte. Was er wohl gesagt hätte, wenn er sehen würde, dass eskalieren mittlerweile vor allem im Fußballdeutsch zur Beschreibung eigener Befindlichkeiten üblich ist. Nicht nur bei „Tagesschau“-Sportreportern und Eintracht-Frankfurt-Fans, sondern auch bei Spielern. Der Nationalspieler David Raum beschrieb die unbändige Freude über seine geglückte Flanke, die Niclas Füllkrug 2024 gegen die Schweiz zum Ausgleichstor verwandelte: „Ich bin total eskaliert.“
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