Eine Hiobsbotschaft erreicht uns inmitten der Spargelzeit. Nur ein Fünftel aller Gen-Z-Haushalte kaufte im letzten Jahr Spargel, vermeldet das Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov. Hatte die Bundesregierung nicht noch vor einigen Jahren, während der Covid-Pandemie und deshalb unter striktesten Hygiene-Auflagen ausländische Erntehelfer nach Deutschland einfliegen lassen – und damit die nationale Bedeutung des Stangengemüses zementiert? Ironischerweise, wie mancher unkte, weil den Deutschen das Spargelstechen zu mühsam ist? Jetzt also das, eine Enttäuschung, die uns erneut als leistungscheu geltende Teile der Bevölkerung bescheren.
Gen Z steht für die 1995 bis 2012 Geborenen. Also jene, die angeblich nichts anderes als Work-Life-Balance und Patagonia-Rücksäcke im Kopf haben. Die, wenn sie überhaupt lesen, zwar Tausende Seiten verschlingen, die dann aber von Drachen und Sex handeln müssen, wie man zu wissen meint. Sicher keine Leserschaft also für die 5200 Seiten der Frankfurter Ausgabe der „Suche nach der verlorenen Zeit“ (À la recherche du temps perdu, erschienen zwischen 1913 und 1927) von Marcel Proust.
Anders als uns die Schlagzeilen jetzt weismachen wollen, ist die Aversion der Jüngeren gegen den Spargel aber nichts ganz Neues: Schon im letzten Jahr fragte der NDR, ob er zum „Rentnergemüse“ geworden sei. Und dass jüngere Leser lieber zu Romantasy und New Adult als zu den Klassikern der Moderne greifen, weiß man auch schon länger. Ob gerade die Proust-Lektüre sie dem Stangengemüse wieder näher brächte? Vielleicht, schließlich spielt der Spargel hier eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Nehmen wir Band 1, „In Swanns Welt“, in dem die Köchin Françoise als übermenschliche Gestalt präsentiert wird, „wie in den Märchenspielen, in denen Riesen sich als Köche verdingen“.
Phallus-Symbol
Dass Françoise genauso unmenschlich wie übermenschlich sein kann, auch das muss der junge Marcel, Erzähler von Prousts Werk, bemerken. Und das hat mit den Spargelstangen zu tun, die sich in der Küche en masse finden: Die Küchengehilfin, „die von Françoise beauftragt war, sie zu schälen, hatte sie in einem großen Korb dicht neben sich stehen; ihre Miene war jammervoll, als trüge sie alle Leiden der Welt“. Zu allem Unglück auch noch schwanger – dass die Spargel als Phallus-Symbole taugen, entgeht dem aufmerksamen Leser nicht – ist die junge Frau allergisch gegen Spargel. Was ihrer Vorgesetzten, die hier ihre sadistische Ader offenbart, durchaus bewusst ist.
Wie Proust aber den Spargel beschreibt, ist ein Gedicht: Die „Spargel hatten es mir angetan, die wie mit Ultramarin und Rosa bemalt aussahen und deren in Violett und Himmelblau getauchte Spitze nach dem anderen Ende zu – das noch Spuren des nährenden Ackerbodens trug – lauter Abstufungen von irisierenden Farben aufwies, die nichts Irdisches hatten.“ Oder ist das eine Ekphrase, die genaue Beschreibung eines tatsächlichen Gemäldes? Möglich: Proust kannte Édouard Manets Stillleben „Spargelbündel“ von 1880 – in seinem Roman hat es, als Werk des fiktionalen Malers Elstir, sogar einen Auftritt.
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