Wer ins Theater geht, um sich „Ödipus“ anzuschauen, kennt in der Regel die Handlung. Und weiß auch, was die Geschichte von Vatermord und Mutterehe mit dem Seelenleben des modernen Menschen zu tun hat, wie es der berühmte Ödipuskomplex von Sigmund Freud behauptet. Umso schöner, wenn selbst dieses altbekannte Drama noch für Überraschungsmomente im Saal sorgen kann, wie bei Robert Ickes „Ödipus“ am Münchner Residenztheater.

Zwei jugendliche Besucher versehen die Handlung mit geflüsterten Livekommentaren, die von einem tiefgreifenden Bildungserlebnis zeugen – von „Ey, ich glaub’, der ist safe das Baby von ihr!“ bis „Oh, my God, hat die sich jetzt echt umgebracht? Ich hab’ mich voll erschrocken!“ Beneidenswert. Denn dem informierten Zuschauer werden solche bewegenden Einsichten erspart. Bei Icke wird der radikal modernisierte Antikenklassiker stattdessen zum vernetflixten Melodram.

Icke ist für seine Klassikerüberschreibungen bekannt. Mit „Die Ärztin“ hat der 1986 geborene Brite aus Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ein cleveres Drama über Identitätspolitik gemacht, das im deutschsprachigen Theater landauf und landab die Bühnen eroberte. Bei seinem Münchner „Ödipus“ hat er nun selbst auch Regie geführt.

Das erinnert etwas an Politserien wie „House of Cards“ oder „Borgen“: Florian Manteuffel spielt Ödipus als populären Politiker am Wahlabend. Nach und nach kommen die ersten Hochrechnungen, es sieht nach einem historischen Wahlsieg aus, den Kreon (Robert Dölle) als sein Spin-Doctor mitzuverantworten hat. Doch weil sich Ödipus bei einer Rede dazu hinreißen ließ, vom Manuskript abzuweichen, nimmt das Unglück seinen Lauf. Er hat zwei folgenschwere Ankündigungen gemacht: Er will den Tod seines Vorgängers Laios untersuchen lassen und seine Geburtsurkunde veröffentlichen.

Sowohl um Laios’ Tod als auch um Ödipus’ Herkunft ranken sich Verschwörungstheorien, wie sie auch der obdachlos ausschauende Teiresias (Steffen Höld) zu vertreten scheint. Der taucht am entscheidenden Abend plötzlich in der Wahlkampfzentrale von Ödipus auf und gibt seine wirr klingenden Prophezeiungen zum Besten. Zum Beispiel, dass Kreon der Herrscher sein werde, nicht Ödipus. Der hingegen werde Mörder seines Vaters und Beischläfer seiner Mutter sein.

Kann es ein anderes Ende geben?

Kaum von der Security abserviert, tauscht der wenig beeindruckte Ödipus seinen Anzug gegen Jogginghose und Pulli ein und begrüßt seine Familie zum großen Abendessen: Iokaste, seine Frau (Barbara Horvath) mit den Kindern, der pubertär trotzigen Antigone (Linda Blümchen) und den miteinander streitenden Polyneikes und Eteokles (Dominikus Weileder und Volodymyr Melnykov), und seine Mutter Merope (Rita Russek), die etwas Dringendes mit ihm zu besprechen hat.

Nach und nach erfährt Ödipus, dass er es war, der Laios bei einem Autounfall vor 27 Jahren getötet hat, wie ihm der damalige Fahrer (Thomas Reisinger) bestätigt. Dass er adoptiert wurde, nachdem er als Baby im Wald ausgesetzt wurde, wie ihm die Frau sagt, die er zeitlebens als seine Mutter betrachtete. Dass es der treue Leibwächter Corin (Michael Goldberg) war, der ihn dorthin brachte. Dass also tatsächlich die Prophezeiungen des Teiresias zutreffen, den er als unzurechnungsfähig abgetan hatte.

Kreon (Robert Dölle), Polyneikes (Dominikus Weileder) und Ödipus (Florian von Manteuffel, v.l.)

Das ist mehr, als ein Mensch ertragen kann, und so überrascht es nur die Jugendlichen auf den Nachbarsitzen, dass sich Ödipus am Ende die Stöckelschuhe seiner Frau, leiblichen Mutter und Mutter seiner Kinder in die Augenhöhlen rammt. Die hat zu diesem Zeitpunkt ihr Hirn mittels einer Pistole schon sehr effektvoll über die gläserne Zwischenwand des sterilen, weißen Raums (Bühne von Hildegard Bechtler) und ihre grüne Abendgarderobe (Kostüme von Wojciech Dziedzic) verteilt. Oh my God, allerdings.

Irritierend an dem Abend ist nicht nur, wie glatt das antike Schicksalsdrama der „Tragödie des Urteilens“ (Christoph Menke) sich hier in die küchenpsychologische Netflix-Dramaturgie der spätmodernen Identitätssuche fügt, sondern auch, dass Icke seinen Ödipus zwar als Politiker präsentiert, das Politische aber sonst eher ausspart. Liegt die Spannung bei der Vorlage nicht auch gerade darin, dass der Herrscher die Stadt vor einer Seuche retten muss – und das nur mit der unbedingten Suche nach der Wahrheit zu machen ist?

Warum nicht Ödipus als Vertreter der progressiven Mitte und politisch Getriebenen im pandemischen Ausnahmezustand zeigen, der von einer – fabulieren wir einmal ein bisschen – richtig fiesen rechtspopulistischen Opposition mit Untersuchungsausschüssen und Social-Media-Kampagnen traktiert wird? Der eigentlich die Machtübernahme seiner Gegner verhindern will, doch über seine Selbstverkennung und die lang verheimlichten Lügen seines engsten Umfelds stolpert?

Icke traut sich nur mit der Geschichte von Iokaste etwas in die politische Gegenwart, die als minderjähriges Vergewaltigungsopfer des Herrschers Laios präsentiert wird und selbst sagt, da sei sie sicher nicht die einzige gewesen – die Epstein-Files lassen grüßen. Da wäre jedoch deutlich mehr zu holen gewesen, inhaltlich und ästhetisch. Vor allem entwickelt der Abend nichts Zwingendes. Das zeigt auch das Ende, bei dem Ödipus und Iokaste in einer Rückblende zu sehen sind. Die Wahlkampfzentrale ist noch leer, alles ist möglich. Hätte es nicht auch anders kommen können? Doch Tragödien buchstabieren die brutale logische Notwendigkeit durch, ganz ohne rhetorische Kontigenztricks. Bei Sophokles kann es gar kein anderes Ende geben.

Und was ist die Pointe bei Icke? Es kommt darauf an, welche Geschichten wir uns erzählen? Was wir wissen wollen und was nicht? Das ist Ödipus Light, ohne echte Tragödie. Da entwickelte Wajdi Mouawad mit seinem Ödipus im libanesischen Bürgerkrieg („Verbrennungen“) schon mehr Wucht. Immerhin wissen die jugendlichen Besucher beim nächsten Mal dann, worum es geht.

„Ödipus“ läuft am Residenztheater München.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.