„Uns geht es ums Halten von Beziehungen“, sagt der Mann, und er ist verzweifelt. „Weil, wenn wir sie verlieren, landen sie auf der Straße. Das sollen mal die ganzen Leute realisieren, die immer sagen, dass man mit den Kindern hart umgehen muss. Die sollen mal einen Tag in so einem hoffnungslosen Scheißleben aushalten.“
Man kann nicht sagen, dass sich der Sonntagabendkrimi zumindest in dieser Spielzeit der Vernachlässigung jener schuldig gemacht hat, die in einem hoffnungslosen Scheißleben festsitzen und gerade auf dem besten Weg sind, mitsamt der letzten Reste ihrer sozialen Absicherungen gegen die Wand ihrer Welt zu fahren. Jugendliche, die auf der Kippe stehen, die allein sind und in sich herumrandalieren. Die um ihre letzte Chance gebracht werden auf ein selbstbestimmtes, nicht kriminelles Leben, weil Erwachsene, die sie schützen, frei machen sollen und selbstbewusst und erwachsen, Fehler machen.
„Gegen die Zeit“ hätte genauso gut „Gegen die Wand“ heißen können. Es ist der vorletzte Fall für die Wiener Kommissare, die wir Bibi und Moritz nennen dürfen, weil wir sie so lange kennen (den Moritz Eisner seit 27, die Bibi Fellner seit 15 Jahren), weil wir sie schon sehr mögen, sie vermissen werden, und weil selbst in der Wiener „Tatort“-Abteilung für Leib und Leben nur selten noch jemand die Nachnamen der Sonntagabenddinosaurier herausrutscht.
„Gegen die Zeit“ – von Katharina Mückstein inszeniert und von ihr und Hermann Schmid geschrieben – ist die Geschichte vom Sonnenhof, das ist eine Einrichtung für absturzgefährdete Jugendliche. Da sitzen am Anfang der Levi und der Leon, der Oki und der Cihan und der Mo am Abendbrottisch. Der eine hat Probleme mit der Impulskontrolle, der andere hat Panikattacken, einer hat schon mal eine Hütte angezündet und damit einen Menschen fast umgebracht, ein anderer ist auf dem besten Weg zum Intensivtäter. Der Sonnenhof ist ungefähr gleich weit vom Wiener Zentrum weg wie seine „Klienten“ von der Mitte der Gesellschaft.
Regeln, Raum, Respekt
Eine Wohngemeinschaft, sagen sie auf dem Sonnenhof, ist das, kein Knast. Für die Jungs ist er der letzte Hafen vor dem Untergang. Und sie wissen das. Die vier Betreuer – so einen fabelhaften Schlüssel wünscht man eigentlich jeder Sozialeinrichtung – wissen das auch. Und auf den ersten Blick ist auch alles gut da. Sie wahren alle Distanz und pflegen Nähe, es gibt Regeln, und es gibt Raum und Respekt.
Jedenfalls sagen sie das alle später. Denn dann geht der David, der den Sonnenhof mal gegründet hat, eines Nachts auf der Straße, keiner weiß, warum. Und einer schlägt ihm auf den Schädel und lässt ihn langsam auf dem Asphalt sterben.
Zwei vom Sonnenhof: Tristan Witzel ist Leon (l.) und Renas Hussin ist MoMan hätte sich ja durchaus vorstellen können, dass die Bibi und der Moritz es auf ihrer Abschiedstour nochmal ordentlich krachen lassen. Alles hervorklauben, was sie einzigartig machte. Den Schmäh, die Frotzeleien, die seltsame Liebelei, die sie seit Jahren immer mal wieder haben durften, vielleicht hätten sie sogar den Inkasso-Heinzi aus dem Knast geholt zum Verabschieden.
„Gegen die Zeit“ ist allerdings geradezu das Kontrastprogramm für alles Krachende. Eine stille Geschichte. Fast dahingeflüstert. Sie bewegen sich alle auf dünnem Eis ganz allmählich vorwärts in den Kern des Konflikts, der den David das Leben gekostet hat. Weil sie wissen, dass der Preis für falsche Verdächtigungen, für Fehler im Ermitteln Leben kosten könnte. In einer fremden Welt aus Verschlossenen, aus Verschüchterten, fragen sich die Bibi und der Moritz wie mit Filzpantinen an den Füßen allmählich an die Wahrheit heran. Sanft tun sie das, mit Empathie und melancholischem Witz. Verantwortungsvoll und vorsichtig.
So verantwortungsvoll und vorsichtig rührt „Gegen die Zeit“ überhaupt auf beiden Seiten des Sonnenhofs – auf der von Levi und Cihan und der ihrer Betreuer – an das, was die Gesellschaft gerade durcheinanderbringt: Identitäten, Aggressionen, Männlichkeit, Generationenauseinandersetzungen, das Prekariat von Wien und seine Folgen. Mückstein beobachtet Mo und Levi und Cihan, der geflohen ist in der Nacht von Davids Tod, sehr genau, baut ihnen weite Räume im engen Sonnenhof, gibt ihnen Zeit.
Sie hätte noch mehr Zeit gehabt, vielleicht für den Nebenplot von Davids Ex-Frau, die er verprügelt hat, weil er eigentlich ein cholerischer Scheißkerl war. Dafür hätte sie sich den reichsbürgerhaften Sonnenhof-Nachbarn für eine andere Geschichte aufheben können. Aber wir wollen nicht meckern.
Weil Mückstein es sogar schafft, einen inzwischen doch ziemlich abgedrehten filmischen Erzähltrick derart elegant und dramaturgisch geschickt und geschmeidig einzusetzen, dass einem die verzweifelten „Nichtschonwieder“-Rufe im klammen Hals stecken bleiben. Wenn die Kommissare nämlich Theorien entwickeln, sich zurückdenken in die Vorgeschichte des Mordes, wenn die Zeugen erzählen, dann sind die Kommissare dabei in der Rückblende. Bibi redet mit dem Sterbenden. Moritz schaut sich um. Ein Blick, eine Geste reicht für den Sprung über die Realitätsgrenze und zurück.
Dann ist es vorbei. Ganz lakonisch und ohne viel Aufhebens. Der vorletzte Fall gelöst. „Dann sind wir Helden“ soll das Finale Ende des Jahres heißen. Das sind die Bibi und der Moritz sowieso schon. Möge ihnen ein Unruhestand zugestanden werden wie den Münchner Kollegen vor ein paar Wochen.
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