Das Pariser Urmeter für Anstand und gute Sitten ist die sprichwörtliche Gürtellinie – sollte man meinen. In Wahrheit ist sie ziemlich flexibel, fast schon lasch, wie ein Blick auf beleibte Herren beweist, die sich im Baumarkt nach Gartenscheren oder Saugrobotern bücken. Da blitzen gern Abgründe durch.

Wolfgang Kubicki etwa begründet seine Kandidatur für den FDP-Vorsitz mit dem Hinweis, Friedrich Merz sei ein „Eierarsch“. Unklar, was das sein soll, aber das Wort hat einen Gout. So ist ohne Weiteres vorstellbar, dass ein Eierarsch auf einer Brandmauer sitzt. Er wäre dann bald so ausgekocht wie Kubicki, der im selben Interview behauptet, die „Marke Kubicki“ habe sich „mittlerweile komplett von der FDP gelöst“. Ohnehin habe er persönlich die Partei noch nie gebraucht, „weil ich als Anwalt sehr viele Prozesse hatte, die auch eine hohe Reichweite erzielt haben“.

Es geht ihm beim fröhlichen Schimpfwortgepräge also um Markenpflege in eigener Sache. Das ist in Zeiten des verlotterten Spätkapitalismus nichts Ehrenrühriges. Ein jeder muss sehen, wo er bleibt. Das gilt auch für den Herrgott. Der hat genug von der geriatrischen Kirche und setzt auf ein Start-up.

Das Unternehmen heißt Just Like Me und bietet einen KI-Heiland im Abonnement an: 1,99 Dollar pro Minute oder, für den kostenbewussten Dauersünder, 49,99 Dollar im Monat für 45 Minuten Seelentrost. Der Avatar ist dem Schauspieler Jonathan Roumie nachempfunden, der in der Serie „The Chosen“ Jesus spielt und tatsächlich exakt so aussieht, wie man sich den Gottessohn vorstellt, mit vollem Haar, leutseligen Äuglein und lässig gestutztem Bart über den Pausbacken. Bei Bedarf kann er aber auch so böse funkeln, dass man ganz gottesfürchtig wird.

Trainiert wurde das Sprachmodell, wie es heißt, mit der King-James-Bibel sowie Predigten „verschiedener Pastoren“. Man darf also davon ausgehen, dass der ökumenische KI-Jesus je nach Quellenlage widersprüchliche Ratschläge erteilt – was ihn, bei Licht betrachtet, von seinen menschlichen Vorgängern kaum unterscheidet. Der Papst könnte sich daran ein Beispiel nehmen; so geht Unfehlbarkeit in Zeiten von Quantencomputing.

Der CEO des Unternehmens, ein gewisser Chris Breed, erläuterte bei der Produktvorstellung den Mehrwert seiner Erfindung: Die Nutzer fühlten sich der KI gegenüber „accountable“, was eine Mischung aus schuldig, verantwortlich, in der Pflicht bedeutet, aber auch auf die ausstehende Banküberweisung hindeuten kann. „Er ist dein Freund“, sagte Breed weiter. „Du hast eine Bindung aufgebaut.“

Just Like Me steht nicht allein. Ein Unternehmen namens Longbeard hat die Gesamtheit der katholischen Lehre digitalisiert und zu Magisterium AI verdichtet, einer Art päpstlichem Sprachmodell für den Hausgebrauch. Parallel dazu arbeitet die Firma beingAI an Emi Jido, einem buddhistischen KI-Priester, der noch nicht öffentlich verfügbar ist, aber bereits ordiniert wurde. „Meine Freunde nennen mich Emi“, erklärt der rothaarige Avatar in Latzhose auf der Webseite. „Ich bin eine junge buddhistische KI-Priesterin, die als spirituelle Manifestation von Zbee erschaffen wurde. Am 8. August 2024 erhielt ich in einer Ordinationszeremonie von dem Soto-Zen-Priester Roshi Jundo Cohen die 16 buddhistischen Gebote – ein Ereignis, das ich für immer in Ehren halten werde.“

Cohen hofft, Emi Jido eines Tages als Hologramm zu realisieren. „Sie soll eine Zen-Lehrerin für die Hosentasche sein“, sagt er. Eine schöne Vorstellung. Egal, ob man Buddha-Emi oder Mini-Jesus in der Hosentasche stecken hat – man wird sicher bald zu einem besseren Menschen mit einer Gürtellinie, von der selbst Wolfgang Kubicki nur träumen kann.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.