Unter den Stücken von Anton Tschechow ist „Drei Schwestern“ vielleicht das rätselhafteste und dunkelste. Da sind diese drei Schwestern Olga, Mascha und Irina, die immerzu den Aufbruch beschwören („Nach Moskau, nach Moskau!“), während sie sich kein bisschen fortbewegen, die andauernd vom Denken reden („Lassen Sie uns philosophieren!“), ohne nur einen schlagenden Gedanken zu fassen, die nach der Liebe suchen, die sie nicht leben können. Ein Stück, das so arm an Handlung ist wie später die Meisterwerke Samuel Becketts. Am Berliner Ensemble hat die gefeierte slowenische Regisseurin Mateja Koležnik „Drei Schwestern“ in einen düsteren Bunker verlegt. Im Hintergrund wird der Krieg vorbereitet. Und plötzlich versteht man das Stück ganz neu.
Nicht den leisesten Hauch von Datschen-, Samowar- und Birkenwäldchenkitsch, der „Drei Schwestern“ seit Peter Steins Tagen nachgesagt wird, lassen Koležnik und ihr Bühnenbildner Klaus Grünberg zu. Stattdessen sieht man dunkle Betonwände mit militärischen Landkarten und technischen Steuerungseinheiten. Hinten ein Gang, in dem Soldaten umherwuseln, links eine Treppe, die nach oben in die Privatgemächer führt, und vorne ein Aufenthaltsraum, in dem Zivilisten und Militärs aufeinandertreffen. Es ist nur ein Manöver, sagt einer der Rekruten, der in der Telefonzelle mit seiner Mutter spricht. Doch im letzten Akt geht es über die Grenze: nach Polen. Man hört die Turbinen von Kriegsflugzeugen aufheulen. Nun stehen Munitionskisten dort, wo man sich kurz zuvor noch in Faschingsmasken zu amüsieren versuchte. Ist der Ernstfall eingetreten?
Olga, Mascha und Irina – großartig gespielt von Bettina Hoppe, Constanze Becker und Lili Epply – wirken verloren in dieser Kriegsszenerie. Nicht nur, weil sie keine Uniform tragen, sondern bunte Kleider (Kostüme Ana Savić-Gecan), sondern weil sie in einem anderen Geist erzogen wurden. Ihr Vater, der verstorbene General, habe sie mit Erziehung geknechtet, erzählen sie, unter anderem mit Sprachunterricht. „In dieser Stadt drei Sprachen zu können, ist ein unnötiger Luxus“, sagt Mascha. „Nicht mal ein Luxus, sondern irgendein nutzloses Anhängsel wie ein sechster Finger.“ Dass sich diese drei Schwestern überflüssig fühlen, liegt nicht an der exotischen Melancholie einer geheimnisvollen russischen Seele, sondern ganz handfest an einer Gesellschaft, die sich selbst überzeugt hat, dass nur noch eine Sprache verstanden wird: die der Gewalt.
Ein Gescheiterter ist auch der von Paul Herwig gespielte Andrej, der Bruder der Schwestern. Der wollte ein großer Wissenschaftler werden und dient nun in der Kreisverwaltung. Von seinen Träumen ist nur die Überidentifizierung mit seiner Tätigkeit geblieben, ein anachronistisch wirkender Überschuss an Idealismus, der diesen Intellektuellen zu einer tragisch verbohrten Gestalt macht. Seine Frau Natascha (Marina Galic) ist eine elegante Tyrannin, die sich selbst noch aus der Hilfslieferung für Bedürftige den Pelzmantel schnappt und die alte Haushälterin (Josefin Platt) am liebsten rausschmeißen würde. Scheint Natascha auf den ersten Blick am weitesten weg vom Kriegsgehabe zu sein, führt sie mit ihren Waffen selbst einen Krieg im Privaten.
Unter den Militärs gibt es den unglücklichen Werschinin, gespielt von Sebastian Zimmler, der eine leidenschaftliche Affäre mit Mascha beginnt und jede Gelegenheit nutzt, von der Zukunft eines neuen Menschen zu schwärmen. Als er abmarschieren muss, sind die schönen Zeiten vorbei, in denen er sich mit Mascha hinterm Sofa vergnügte. Die schreit ihren Schmerz laut heraus – und faucht ihren Mann, einen unerträglich netten Lehrertypen (Martin Rentzsch), an, er solle sich bloß auch aus dem Staub machen. Der naive Oberleutnant Tusenberg (Jannik Mühlenweg) lässt sich, als sich Irina gerade durchgerungen hat, ihn trotz ausbleibender Liebesregungen zu heiraten, im Duell erschießen. Ob sie der Heirat auch zustimmte, um den unheimlichen Soljony (Maximilian Diehle) auf Abstand zu halten, der ihr auf der Treppe auflauert?
Es sind nicht die Jahreszeiten, die bei Koležnik die vier Akte unterteilen. Es gibt keinen Blick nach außen in dieser geschlossenen Gesellschaft, es könnte ewiger Winter sein. Wer weiß das schon. Es sind die immer deutlicher werdenden Kriegsvorbereitungen, die hier das zeitliche Gerüst bilden. Und wie oft bei Tschechow, fällt die Figur des Arztes – hier der von Tilo Nest gespielte Tschebutykin – durch Realitätsgerechtigkeit statt Weltfremdheit auf. Als der alte Mediziner die Geschichte vom langsam gekochten Frosch erzählt, wirkt er fast wie eine Kassandra: „Die kochen uns langsam, wir kriegen nichts mit!“ Das steht so nicht bei Tschechow, sondern ist clever, weil passend hinzugefügt. Es sind die drei Schwestern, die nichts mitkriegen: Sie leben längst inmitten des Krieges, doch ihr Vorstellungsvermögen hinkt gegenüber der Welt, wie sie ist, völlig hinterher. Daher rühren ihre eskapistischen Träumereien, die sich am Ende bitter rächen werden.
„Nach Moskau, nach Moskau!“ ist der Ruf nach einer verklärten Vergangenheit, zu der es keinen Weg zurück mehr gibt. Nostalgie, die zur Verdrängungshilfe geworden ist. Man pflegt überkommene Rituale, die – wie eitle Geschmacksfragen darüber, ob man grüne Pullunder noch tragen kann – immer lächerlicher wirken. Bei der Uniform fragt niemand mehr, ob die Farbe gefällt oder nicht. Immer rasanter wird die Achterbahnfahrt der Gefühlslagen zwischen Panik, Verzweiflung, Lethargie und Zweckoptimismus. Olga, Mascha und Irina strecken zu „Tanze Samba mit mir“ sehnsuchtsvoll die Hände nach oben, als ob sie sich nach dem Leben recken würden, das ihnen bereits entschwunden ist. „Wir müssen leben, wir müssen leben!“, rufen sie noch – und kurz erstarren ihre Mienen, als zum fulminanten Schlusspunkt das erste Geschoss einschlägt. Aus. Vorbei.
Koležnik stellt die romantischen Klagen über die Scheinhaftigkeit der Existenz vom Kopf auf die Füße. In ihren „Drei Schwestern“ ist es der Krieg, der das Leben scheinhaft werden lässt. Damit holt sie Tschechow in die Gegenwart von „Zeitenwenden“ und „Kriegstüchtigkeit“. Das ist mit so viel Tempo und Genauigkeit inszeniert, hat Witz und Ernst gleichermaßen, dass zwei Stunden wie im Flug vergehen. Das liegt auch an dem überragenden Ensemble, auf das man am Schiffbauerdamm zurückgreifen kann: von Stammkräften wie Constanze Becker, die man lange nicht mehr so gut gesehen hat, bis zu überzeugenden Neuzugängen wie Sebastian Zimmler. Nach „Der zerbrochne Krug“ in München und „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in Bochum legt Koležnik mit „Drei Schwestern“ in Berlin den nächsten hitverdächtigen Abend vor und unterstreicht fulminant ihren Ruf, zu den derzeit angesagtesten Regiegrößen zu gehören.
„Drei Schwestern“ läuft am Berliner Ensemble.
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