Am 22. April 2026 gab die Biennale von Venedig bekannt, wer bei der 61. Internationalen Kunstausstellung die Goldenen Löwen vergeben wird. Die Jury, besetzt mit fünf Kuratorinnen und Kunsthistorikerinnen – Solange Oliveira Farkas, Zoe Butt, Elvira Dyangani Ose, Marta Kuzma und Giovanna Zapperi –, soll traditionell das tun, was sie immer getan hat: künstlerische Leistungen beurteilen. Einen Tag später zeigte sich, dass sie etwas anderes vorhat.
In einem auf der Plattform „e-flux“ veröffentlichten Statement erklärte die Jury, sie wolle mit ihrer Preisvergabe ihr „Engagement für die Verteidigung der Menschenrechte zum Ausdruck bringen“ und den „Geist von Koyo Kouohs Projekt würdigen“. Die künstlerische Leiterin der diesjährigen Biennale, Koyo Kouoh, war während der Vorbereitungen im Juni 2025 verstorben. Man werde „davon absehen“, so die Jury, „jene Länder zu berücksichtigen, deren führende Repräsentanten derzeit vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind“. Gemeint sind offenkundig Russland und Israel.
Derzeit bestehen gegen den russischen Machthaber Wladimir Putin und gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu Haftbefehle vom Internationalen Strafgerichtshof. Angeklagt sind Putin und Netanjahu allerdings nicht – Anklagen können erst erhoben werden, wenn Verdächtige festgenommen wurden.
Biennale beginnt im Mai
Mit dem Vorstoß verschiebt die Jury ihre Rolle grundlegend. Ein ästhetisches Urteilsgremium versteht sich als ein politischer Akteur. Künstler werden nicht mehr allein nach künstlerischen Kriterien ausgezeichnet, sondern auch aufgrund der Bewertung ihrer Herkunftsstaaten. Die Preisverleihung wird zum politischen Instrument – noch bevor die Ausstellung eröffnet ist und bevor die Jury überhaupt Kunst gesehen hat. Die Biennale eröffnet am 9. Mai 2026.
Begründet wird das mit dem Verweis auf Koyo Kouoh. Deren Konzept für die Ausstellung „In Minor Keys“ ist tatsächlich von einer sensiblen Reflexion über Gewalt und Würde getragen. „Indem wir das Spektakel des Grauens ablehnen, ist es an der Zeit, auf die Molltöne zu hören, uns sotto voce auf das Flüstern und die tieferen Frequenzen einzustimmen; die Oasen und Inseln zu finden, wo die Würde aller Lebewesen gewahrt bleibt“, heißt es in ihrer poetisch-programmatischen Erklärung.
Doch aus dieser Haltung folgt nicht zwingend die Zensur künstlerischer Beiträge aufgrund kollektiver Schuldzuschreibungen. Die Jury aber formuliert eine solche Form der Verlagerung von Verantwortung – sie nimmt den einzelnen Künstler in Haftung für das Handeln von Regierungen.
Bemerkenswert ist, dass diese Jury auf eine Biennale trifft, die selbst einen entgegengesetzten Kurs eingeschlagen hat. Vor wenigen Wochen hatte der Präsident der Biennale-Stiftung, Pietrangelo Buttafuoco, angekündigt, Russland wieder teilnehmen zu lassen. Seit dem kriegerischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 wurde der nationale Pavillon nicht mehr von Russland bespielt. Die Ukraine protestierte gegen die Entscheidung.
„Wir wollen niemanden ausschließen“, sagte Buttafuoco. Die Biennale solle ein offener Raum bleiben – auch für Russland, Iran und Israel, Ukraine und Belarus. Fragwürdig auch diese Entscheidung, hat sich am Grund, den russischen Pavillon vorübergehend zu schließen, doch nichts geändert. Die EU drohte den Biennale-Verantwortlichen deswegen mit der Streichung von Zuschüssen in Millionenhöhe.
Damit entsteht ein Widerspruch im Inneren der Institution. Während die Leitung wieder unparteiisch sein möchte, operiert die Jury mit Ausschluss. Während die Biennale sich als Plattform für Dialog versteht, wird der Wettbewerb politisch konditioniert. Beides gleichzeitig lässt sich nicht überzeugend aufrechterhalten.
Anmaßung von Koyo Kouohs Idee
Die internationale Kunstszene liefert den Resonanzraum für diese Entwicklung. Aktivistengruppen wie „Art Not Genocide Alliance“ fordern beharrlich den Ausschluss Israels. Offene Briefe und Boykottaufrufe gehören inzwischen zum festen Repertoire des Kunstbetriebs. Die Biennale-Jury hat diese fatale Logik nun in ihre eigene Arbeit integriert.
Von der Biennale-Leitung bekommt sie Rückendeckung. Die Jury arbeite „in voller Autonomie und Unabhängigkeit des Urteilsvermögens“, heißt es aus Venedig. Die Erklärung der Jurorinnen sei „natürlicher Ausdruck der Freiheit und Autonomie, deren Garant die Biennale ist“. Tatsächlich schränken moralische Appelle und Vorverurteilungen diese Freiheitsgarantie ein. Eine Anmaßung gegenüber der kuratorischen Idee Koyo Kouohs ist es überdies.
Das wird nicht ohne Folgen bleiben. Die Biennale von Venedig beschädigt sich selbst – noch bevor sie begonnen hat.
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