Vielleicht hat er beim spitzen Rotmund ein wenig übertrieben und die Dame allzu sehr mit Leichen-Weiß geschminkt. Aber aufs Ganze hat der Maler das Hochrisiko-Leben seines Modells perfekt getroffen. Anita Berber war so und sah so aus, wie sie war. Ihre Nackttänze wurden Berliner Stadtgespräch, das Modejournal rühmte sie als „herbe Schlankheit“, und zuweilen soll man sie als Femme fatale auch im Smoking gesehen haben.

Unter den Nachtschattengewächsen der 1920er-Jahre war die Tänzerin Anita Berber ganz sicher die mit dem verwegensten Ruf. Pflichtmodell also für einen mit Krawallmännlichkeit bestversorgten Maler wie Otto Dix. Berber soll sich, so wird überliefert, vorzugsweise unbekleidet präsentiert haben. Und so viel ist schon richtig: Auch im durchsichtigen Rot, das ihr der Maler auf den Leib gemalt hat, erscheint sie nicht viel weniger als nackt.

Jedenfalls haben die beiden bei ihrer Session im Atelier alles gegeben. Und das Porträt ist unversehens zum Zeitbild geraten: Die Frauen, die Männer, die Kunst verschworen im denkbar heißesten Ungehorsam gegenüber sämtlichen Konventionen des bürgerlichen Lebens.

Nach dem Todesrausch des Ersten Weltkriegs genoss die exzessive Epoche ihre Lebensgier. Lang sollte es ja nicht dauern. Anita Berber starb jung, Otto Dix malte wieder Bodensee-Landschaften im Sonnenlicht, und die anderen schwuren dem Führer untertänigste Gefolgschaft. Geblieben sind die Ikonen der Zeit, unsterbliche Erinnerungen an die Ausdruckskunst einer emanzipationsseligen Saison.

Die Neue Nationalgalerie in Berlin verwahrt Premiumbilder zur Kunst der 1920er-Jahre und frühen 1930er-Jahre, wie sie kein zweites Museum in Deutschland besitzt. Unter dem Programmtitel „Ruin und Rausch“ versammelt sie nun wieder einmal Werke von George Grosz („Grauer Tag“ von 1921), Ernst Ludwig Kirchner, Lotte Laserstein („Abend über Potsdam“ von 1930), Hannah Höch („Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands“ von 1919) oder Tamara de Lempicka („Porträt (en face und im Profil)“ von 1931).

Sie alle nehmen es gelassen hin, dass die grellrote Anita Berber auf der Bühne doch die Sichtbarste geblieben ist.

Otto Dix, „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“, 1925

„Ruin und Rausch. Berlin 1910–1930“, bis zum 3. Januar 2027, Neue Nationalgalerie, Berlin

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