Rund fünfzig Galerien machen traditionell mit, und auch bei der mittlerweile 22. Ausgabe des Gallery Weekend Berlin, das vom 1. bis 3. Mai 2026 stattfindet, soll es bei dieser runden Zahl bleiben. Das stellt die Veranstalter vor große Herausforderungen. Denn das Format ist sehr erfolgreich, und immer mehr Teilnehmer wollen dabei sein – und zwar offiziell. Trittbrettfahren ist gratis.
Die teilnehmenden Galeristen zahlen ihren Beitrag (der nicht öffentlich gemacht wird) jedoch wohl bereitwillig. Profitieren sie doch von dem gewachsenen Netzwerk und dem Renommee des Events, das längst von vielen Städten kopiert wird. Während etwa das London Gallery Weekend, mit mehr als 120 Teilnehmern aus allen Nähten zu platzen droht, will Antonia Ruder, die künstlerische Direktorin in Berlin, dass ihr Gallery Weekend an drei Tagen zu schaffen bleibt.
Trotzdem wird es in diesem Jahr – neben einem umfangreichen Talk-Programm mit Künstlern, Kuratoren und Sammlern – ein neues Format geben, mit zusätzlichen, jährlich wechselnden Galerien. „Perspectives“ ist ein Kompromiss, um auch den Kunsthändler-Nachwuchs teilhaben zu lassen. Gut für die jüngeren Galeristen: Ihre Teilnahmegebühr ist reduziert.
Berlins in den 1990er- und 2000er-Jahren entstandene Strahlkraft wird inzwischen gern mal in Zweifel gezogen. Beim Gallery Weekend ist die optimistische Bewegung der hiesigen und aus aller Welt angereisten Kunstszene aber immer noch zu spüren – so gewiss auch am kommenden Wochenende.
Was also sehen? Große Namen der Gegenwartskunst
Die Galerie Max Goelitz aus München mit Dependance in Berlin bringt einen der bekanntesten internationalen Namen zu den „Perspectives“: James Turrell. Der amerikanische Pionier der Lichtkunst wird seit Jahrzehnten von der Galerie Häusler Contemporary in Zürich vertreten, für die Goelitz lange arbeitete. In alter Verbundenheit zeigt er nun ein neues Werk aus Turrells Serie „Glass“, die das Licht selbst als unmittelbare sensorische Erfahrung in den Galerieraum bringt. Mittels modernster Technologien gelingt es dem mittlerweile 82-jährigen Künstler, seine bereits in den 1960er-Jahren entwickelten, bunt leuchtenden Innovationen ständig „state of the art“ zu halten.
James Turrell, „Small Elliptical Glass First Cause“, 2024Einen roten Faden findet man auf dem Gallery Weekend selten. Manchmal gelingt es immerhin, einige Spuren zu verfolgen – wenn Besucher das Event sportlich nehmen und versuchen, an drei Tagen möglichst viele Ausstellungen zu sehen. Es sei wie immer eine Mischung aus bekannten und weniger bekannten Künstlern, erklärt Antonia Ruder: „Aber ich würde sagen, dass diese Ausgabe mehr auf Entdeckungen setzt als auf große Namen.“ Das ist durchaus kokett, denn die Künstlerliste liest sich teilweise wie ein Who’s who der Gegenwartskunst.
Die Konrad Fischer Galerie zeigt neue Werke des notorischen Streifenmalers Daniel Buren aus Frankreich – einer modernen Ikone der Minimal Art und Konzeptkunst. Die Galerie Michael Werner verspricht anlässlich des 85. Geburtstags von Markus Lüpertz die „Überwindung der Moderne“. Bei Sprüth Magers gibt es ein Wiedersehen mit dem als Modellbauer und Fotografen weltbekannten Künstler Thomas Demand, der seit dem vergangenen Jahr eine historische Technik neu entdeckt: den Kupferdruck. Und die Galerie Judin zeigt ihre erste Einzelausstellung mit Jorinde Voigt.
Die Galerie Neugerriemschneider stellt die Amerikanerin Pae White aus, die 2013 den US-Pavillon auf der Biennale von Venedig bespielte und mühelos zwischen bildender Kunst und Design mäandert. In Berlin ist sie auch durch ihren „Fliegenden Teppich“ bekannt, der über den Besuchern des Flughafens BER schwebt. Nun zeigt White opulente neue Textilarbeiten von Schnecken und Krustentieren, die einmal mehr beweisen, dass Handwerk auch eine Qualität zeitgenössischer Kunst sein kann.
Galerie Neugerriemschneider: Pae White zeigt „Pushmi-Pullyu“Die Galerie Crone stellt zwei österreichische Bildhauer erstmals im Duett aus: Franz West und Bruno Gironcoli. „Die Ausstellung war immer ein kleiner Traum von mir“, sagt Galerist Markus Peichl. Ersteren kannte er aus seiner Zeit als Chefredakteur des Magazins „Wiener“, für das West – „I brauch 100 Schilling. Loss mi’ was moin“ – Illustrationen zeichnete. Mit Gironcolis „irrwitzigen, hybriden, technomorphen Gebilden“ sei er aufgewachsen. Der Künstler war ein Kollege von Peichls Vater Gustav, Architekturprofessor an der Wiener Kunstakademie.
Die Gruppenausstellung „The Self Assessed“, kuratiert von Cornelius Tittel, Creative Director von WELT, in der Galerie Max Hetzler widmet sich der Geschichte des Selbstporträts – von radikaler Selbstbehauptung bis zu manieristischem Narzissmus. Zu sehen sind museale Werke unter anderem von Georg Baselitz, Giorgio de Chirico, Tracey Emin, Eric Fischl, Jeff Koons, Paula Modersohn-Becker, Bruce Nauman, Albert Oehlen und Rudolf Stingel.
Galerie Max Hetzler, „The Self Assessed“: Rudolf Stingel, ohne Titel, 2016Ein Wochenende als Parcours ins Ungewisse
Zu den Entdeckungen des diesjährigen Gallery Weekend darf man auch Göksu Kunak zählen, deren radikale Performances in der Tradition von Anne Imhof und Florentina Holzinger bereits auf der Berlin Art Week vor zweieinhalb Jahren für Aufsehen sorgten. Nun wird die in Ankara geborene Kunak von der Galerie Ebensperger vorgestellt.
Auch Yuji Agematsu ist es unbedingt wert, entdeckt zu werden. Der in New York lebende, 70-jährige Japaner sammelt bei seinen Spaziergängen durch den Metropolendschungel kleine Fundstücke von der Straße und arrangiert sie – in der Galerie Buchholz – zu poetischen Assemblagen in den Zellophanhüllen von Zigarettenschachteln.
Galerie Buchholz: Skulptur von Yuji AgematsuVon Agematsu ist der Weg nicht weit zu Christiane Löhr, die trotz institutioneller Ausstellungen ebenfalls noch nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die ihr gebührt. Auch diese Künstlerin findet ihr Ausgangsmaterial draußen. In der Natur sammelt sie Flugsamen oder Tierhaare und formt daraus faszinierende Gebilde – man könnte sie Architekturen oder Skulpturen nennen, wären sie nicht so fragil. Ihre neueste Ernte zeigt sie in der Galerie Levy.
Qiu Ruixiang ist in China als Maler der Schatten bekannt, der sich für seine Arbeit schon mal jahrelang in die Abgeschiedenheit eines Klosters zurückzieht. Chinesische Sammler reihen sich geduldig auf Wartelisten ein, um eines seiner düsteren Gemälde zu erwerben, die von Goya inspiriert und von existenzialistischer Philosophie durchdrungen scheinen. Die Galerie Hua International bringt sie erstmals nach Berlin.
Kunst entdecken heißt, das Unvorhersehbare zuzulassen, sich nicht zu distanzieren, sondern sich berühren zu lassen. Als Startpunkt für das Gallery Weekend 2026 empfiehlt sich die Galerie Soy Capitán. Dort zeigt die Schwedin Camilla Steinum ihre Ausstellung „Perception Spot“. Sie lädt die Besucher ein, Kunst als einen Moment zu erfahren, in dem Bedeutung entsteht – und sich sogleich wieder verflüchtigt. woe
Das Gallery Weekend Berlin läuft vom 1. bis 3. Mai 2026 in mehr als fünfzig Kunstgalerien der Hauptstadt; zwölf Art Talks finden in der Neuen Nationalgalerie statt.
Das Kunstfestival geht aber noch weiter
Beim Berliner Gallery Weekend ging es oft um ungewöhnliche Orte voller Historie. Wem die Galerien heute zu gesettelt sind, der kann auf andere Räume ausweichen: Einer der interessantesten ist das Wanderprojekt House, das dank privater Förderer atmosphärisch eindringliche Ausstellungen an Orten zeigt, denen man ihre Geschichte ansieht. Nach einer Schießübungshalle ist nun die Halle am Berghain dran: ein altes Heizkraftwerk.
Der französische Künstler David Douard kuratiert die Schau „Gravity Ease Contract“, mit Werken u. a. von Ellen Cantor, Richard Hawkins, Estelle Hanania und Susan Philipsz. Allein diese Namen deuten darauf hin, dass man in intime, schmerzliche wie humorvolle Erfahrungswelten eintaucht, zwischen Sound und Video, voller Doppelgänger und Avatare.
House: Estelle Hanania, aus der Serie „Who’s Talking?“, 2014–16Unweit davon wird im frisch renovierten Kino International am 2. Mai um 11 Uhr der neue Spielfilm von Julian Rosefeldt vorgestellt, bekannt für seine aufwendig choreografierten Mehrkanal-Installationen. Sein Film „Manifesto“, in dem Cate Blanchett in unterschiedlichsten Rollen brillierte, wurde mit Preisen überhäuft – selbige leiht jetzt einem animierten Tiger, der einen Supermarkt plündert, ihre Stimme: „Euphoria“ versteht sich als „Tour de Force durch die Geschichte des Kapitalismus und der menschlichen Gier“ in einem postapokalyptischen New York. Ein paar Meter weiter am Strausberger Platz läuft Rosefeldts Ausstellung „Gone Astray“ in der Galerie Philippe Bober.
Die Berliner Kunstwelt wäre nicht dieselbe ohne den umtriebigen Künstler Gregor Hildebrandt. In seinem Projektraum Grzegorzki Shows, lange in einem alten Pförtnerhaus im Wedding angesiedelt, lädt er andere Protagonisten aus der Szene zu Ausstellungen ein, teils mit eigenen Werken oder Sammlungen, teils in wildesten Gruppierungen. Am neuen Standort in Reinickendorf, einer atelierhausgewordenen Konserven- und Dörrgemüsefabrik, eröffnet nun eine Retrospektive von Claus Föttinger, der Lampen und ganze Bars aus beleuchteten Fotofolien entwirft.
Eine berührende Ausstellung ist „Eine Enterbung“, die das Haus am Lützowplatz der britischen Malerin und Filmemacherin Barbara Loftus widmet. In ruhigen, aber verstörenden Bildern setzt sie sich mit der Kindheit ihrer Mutter Hildegard (1915–2007) in Berlin-Schöneberg auseinander. Sie konnte vor dem NS-Regime ins britische Exil fliehen, während ihre Eltern und ihr Bruder im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden.
Lange wusste die Malerin fast nichts über das Leben ihrer Ahnen. Die Mutter begann erst im Alter von 79 Jahren davon zu sprechen. Basierend auf ihren Erinnerungen und Nachforschungen, malt ihre Tochter Bilder, die die Vergangenheit wieder aufleben lassen – dass auch das Haus am Lützowplatz einst in jüdischem Besitz war, schließt den Kreis ein weiteres Mal. gb
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