Der Bergfried mit dem Banner „Kulturwissenschaft“ ragt aus der Landschaft. Als Teil der Domäne Marienburg vor den Toren Hildesheims wacht er über die junge deutsche Gegenwartsliteratur. Seit 1999 wird in Hildesheim literarisches Schreiben gelehrt, Anfang der 2000er richtete sich das Literaturinstitut auf der Domäne aus dem 14. Jahrhundert ein. In erstaunlich rascher Zeit entwickelte sich Hildesheim zu einer Art Kaderschmiede für den deutschsprachigen Literaturbetrieb, die etablierte Stimmen wie Leif Randt hervorbrachte. Aber was beschäftigt eigentlich junge Menschen, die später einmal hauptberuflich schreiben wollen? 

Besuch auf der „LitGlow“, einer von Institutsstudenten organisierten dreitägigen Literaturtagung. Freitagnachmittag, in der „Steinscheune“ in der Mitte der Domäne läuft House-Musik. Ein DJ-Pult, ein Büchertisch, Lametta-Fäden an den Wänden. Es gibt Bagels, vegetarisch und vegan. Annette Pehnt, Leiterin des Instituts, ergreift zur Begrüßung erst das Mikrofon und dann das Wort. Es gehe der Tagung darum, nach neuen Formen und Stimmen zu suchen, das Glühen (den „glow“) zu finden und Funken sprühen zu lassen, die man nicht vorhersehen kann. „Die Zufälligkeit des Brennens kann man nicht kalkulieren“, so Pehnt, die selbst bereits etliche Romane veröffentlicht hat und 2018 den Institutsgründer Hanns-Josef Ortheil als Leiterin ablöste.

In Workshops mit Namen wie „Zweifel & Halluzination“ oder „Pleasure Politics“ können Besucher in den folgenden Tagen den Einfluss von großen Sprachmodellen auf den Schreibprozess ergründen oder sich mit identitätspolitischen Fragen um das beliebte Genre der New-Adult-Literatur befassen.

Den Auftakt an diesem Freitagabend macht der Autor Phillipp Weiss. Im voll besetzten Saal des brutalistisch aussehenden „Burgtheaters“ referiert Weiss über das „Anthropozän“ in der Literatur. „Anthropozän“, ist das nicht eines dieser modernen Buzzwords, die vor einigen Jahren aus dem Nichts auftauchten und irgendwie nach „ARD-junge-Leute“-Sprech klingen, wie der Moderator eingangs selbstironisch bemerkt?

Das „Burgtheater“ auf dem Gelände der Domäne Marienburg

Weiss kreist um die Frage, wie ein Roman in einer Zeit aussehen könne, in der „der Mensch selbst zum geologischen Faktor“ und die „Bühne selbst zum Akteur“ geworden sei. „Was wir heute emittieren, wird erst übermorgen Konsequenzen haben, wie lässt sich das erzählen?“, so Weiss, den das Thema bereits in seinem Tausend Seiten umfassenden Debütroman „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ umtrieb. Bei seiner Suche nach der verlorenen Stimme wird Weiss unter anderem bei der Struktur von Pilzgeflechten fündig. Das Myzel als Sprachkörper, das ausstreut, Sporen bildet, ein polyphoner Raum der Stimmen, der keinen Klimax und nur Fragmente kennt.

Pause in der Steinscheune, wo die Besucher bei Tomaten-Kichererbsensuppe mit Mehrkornbrötchen weiter um Formen und Perspektiven diskutieren. „Von welchem Standpunkt aus lässt sich noch schreiben, wo die Gegenwart doch so voller Brüche ist und eine Krise die nächste jagt?“, fasst eine Studentin den Grundkonflikt junger Autoren zusammen. Sie ist nicht leicht, die Suche nach dem „glow“ in einer Welt, die doch vermeintlich schon längst in Flammen steht.

Hildesheim, das ist auch zum eigenen literarischen „Topos“ geworden. Was ist dran an dem fast selbst schon wieder Klischee gewordenen Vorwurf des „Hildesheim-Sounds“? Eine „Institutsprosa“, die klingt wie ein Potpourri der geltenden Herrschaftsdiskurse? Florian Kessler, Lektor beim Hanser-Verlag und selbst Hildesheim-Absolvent, schrieb vor einigen Jahren einen – ironischerweise in der „Zeit“ erschienenen – Text darüber, der sich als bissige Abrechnung mit dem eigenen Milieu liest. „Kreatives Schreiben studiert habe ich meiner Erinnerung nach mit Lehrerkindern und Ärztekindern und noch mehr Lehrerkindern und noch mehr Ärztekindern“, so der Professorensohn Kessler damals. Das Ergebnis sei eine „brave und konformistische Gegenwartsliteratur“, die daher rühre, dass die Absolventen „alle aus demselben saturierten Milieu kommen.“

Wird auf der Domäne Marienburg also literarische Stallhaltung zum Preis von stilistischer Vereinheitlichung und unterschwelligem Konformitätsdruck betrieben? Oder ist der „Hildesheim-Sound“ gar kein Stil, sondern ein System? Eines, das Abweichung erlaubt, solange sie anschlussfähig bleibt und somit Literatur als Variation innerhalb eines gut austarierten Rahmens hervorbringt?

Nein, auf gar keinen Fall, heißt es tags darauf bei den „LitTalks“, einer Gesprächsrunde mit Hildesheimer Alumni, die mittlerweile als Lektoren, Literaturkritikerinnen oder sonst irgendwo im „Betrieb“ tätig sind und bei der auch Kessler zu Gast ist. Früher habe es vielleicht einen Hang zur stilistischen Vereinheitlichung gegeben, heute gehe es jedoch viel demokratischer zu. Es gebe die unterschiedlichsten Strömungen. Statt ästhetische Normen zu vermitteln, setze Hildesheim darauf, die individuelle Form auszuprägen. Es ist ein „glow“, der an diesem Wochenende dann doch erstaunlich kontrolliert vor sich hinglimmt.

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