Der Traum vom neuen Menschen gebiert Albträume, damals wie heute. So kann man „Hundeherz“, das neue Bühnenstück von Armin Petras verstehen, in dem der Autor und Theatermacher die berühmte Satire auf den neuen Sowjetmenschen von Michail Bulgakow mit einer Silicon-Valley-Dystopie zwischen „Künstlicher Intelligenz“ und „Longevity“ vermischt. Die Uraufführungsregisseurin Claudia Bauer hat daraus am Deutschen Schauspielhaus Hamburg eine musikalische Schauerrevue gemacht, bei der die Grenzen zwischen entfesselter Fantasie und bedrückender Realität verschwimmen.
Als Bulgakow 1925 seine Novelle „Hundeherz“ (in der Neuübersetzung „Das hündische Herz“) verfasste, zerlegte man in der jungen Sowjetunion gerade das Gehirn von Lenin in Tausende hauchdünner Scheiben, um das Geheimnis seiner Genialität zu entschlüsseln. Der Leichnam des Revolutionsführers wurde einbalsamiert und ist bis heute zu bestaunen. Kosmisten und Immortalisten propagierten damals nicht nur die Überwindung des Todes, sondern die Wiederbelebung der Toten – durch Technik. Alexander Bogdanow, Verfasser des Science-Fiction-Romans „Der rote Stern“, machte Experimente mit Bluttransfusionen zur Verjüngung, was später zu seinem Tod führte.
Für den Philosophen Boris Groys war der frühsowjetische Kosmismus eine radikale Avantgarde des alten Traums, das Paradies vom Himmel auf die Erde zu holen. Im 20. Jahrhundert schien die Befreiung des Menschen aus dem irdischen Jammertal plötzlich in den Bereich des Machbaren zu fallen – durch Technik. Konstantin Ziolkowski wurde von einem Autor von Science-Fiction-Romanen zum Pionier der Raumfahrt und Kosmonautik. Das sowjetische Raumprogramm war anfangs noch von dem Wunsch beseelt, unsterbliche Menschen ins All zu bringen und andere Planeten zu besiedeln.
Heute, über 100 Jahre später, lenkt der 1964 geborene Petras unseren Blick nach Kalifornien. Im Silicon Valley und in Hollywood bekommt der alte Traum von der Abschaffung des Todes, der Überwindung des Menschen und der Eroberung des Weltalls eine neue Gestalt. „Don’t die!“ ist die frohe Botschaft von Mega-Influencern wie Bryan Johnson, die das ewige Leben durch Self-Tracking und Bio-Hacking zu erreichen gedenken. Und Elon Musk will den Mars besiedeln. Sind es die Big-Tech-Kapitalisten der USA, die heute der alten Parole folgen: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen?
Die Erzählung von Bulgakow, bei der sich literarische Anleihen von „Frankenstein“ bis zu Goethes Homunkulus finden, bildet bei Petras und Bauer das Gerüst des Abends. Mit einer Hundepuppe spielt Oscar Olivo den verletzten Straßenköter, den ein mysteriöser Professor (Bettina Stucky) in seine Wohnung lockt, um ihm menschliche Organe einzusetzen. Es kommt zu einer Vermenschlichung des Hundes: Olivo trägt nun eine Hundemaske und selbst die legt er kurze Zeit später ab. Der Assistent des Professors (Maximilian David Scheidt) ist begeistert: „Gott ist ein Töpfer, Sie sind ein Schöpfer!“
Der Hundemensch hat ein paar Anpassungsschwierigkeiten in der menschlichen Gesellschaft. Fehlende Tischmanieren, zum Beispiel. Oder Onanieren in der Öffentlichkeit. Auch flucht er sehr viel. Als Nachteil erweist sich das nicht, denn so menschlich, wie sie tut, ist die Gesellschaft nicht. Der Hundemensch pöbelt, als sei er ein Twitter-Account mit Aggro-Algorithmus auf Datenbasis der neuesten Reformpakete der Bundesregierung: „Runter vom Trittbrett, du Sozialschmarotzer!“ Und so schreitet die Integration fort, bis hin zur Karriere als Säuberungsbeamter gegen „Katzenartige“.
Petras hat neues Personal hinzugefügt, darunter eine KI-Robotress (Sandra Gerling) und eine Hologramm-Sekretärin (Angelika Richter), die sich am Ende noch an einem Aufstand der Maschinen versuchen dürfen, der jedoch von der Drohnenarmee eines trumpesken „Big Daddy“ niedergeschlagen wird. Außerdem treten, beide um die 120 Jahre alt, noch Robert De Niro (Felix Knopp) und Cher (Sachiko Hara) auf, als Vorreiter des digitalen „De-Aging“ – wie in Martin Scorseses „The Irishman“ – und als Pionierin der Schönheitschirurgie, der hier die Eierstöcke einer Schimpansin implantiert werden.
Während die bildgewaltige Bühne von Andreas Auerbach mit ihren düster stilisierten Häuserfluchten und schwarzem Video-Schnee ein neoexpressionistisches Großstadtunbehagen zwischen Moskau und Gotham City aufruft, wirkt die wilde Parade des biotechnologischen Machtbarkeitswahns mit der treibenden Musik von Peer Baierlein und Andi Otto wie eine kontrapunktische Entfesselung der Bühnenfantasie. Das lässt sich als Setzung verstehen, die das Thema schärft: Je starrer und statischer die Verhältnisse erscheinen, desto bunter und irrer wird das Spektakel in ihnen.
An deutlichen Hinweisen, wohin das Ganze heute steuert, fehlt es auf der Bühne nicht. Da ist vom „finanziell-elektronischen-militärischen Komplex“ die Rede oder von einem Wahrheitsministerium für die algorithmische Steuerung öffentlicher Diskussionen, euphemistisch als „Optimierung der Meinungsmelodie“ bezeichnet. Wer abweicht, riskiert mehrjährige Haftstrafen im Demokratieförderlager. Gegen dieses Pandämonium dunkler Aufklärung ist der „Chor der solidarischen rebellierenden Unberechtigten“, der von der „Seuche der Demokratie und Technokratie“ trällert, harmlos wie Knäckebrot.
Nach knapp zwei Stunden endet die Tour de Force durch die Abgründe des Post- und Transhumanismus. Als Zuschauer weiß man zu diesem Zeitpunkt kaum noch, wo einem der Kopf steht. Immer wieder wird der Spielschwerpunkt auf der Bühne verlagert, die Fülle an Verweisen und Zitaten ist erschlagend. Sind es nun am Ende die Träume, die eigentlich gut sind, nur der Mensch ist schlecht? Das wäre die klassische Lesart. Doch wenn es die Träume sind, die nicht gut genug sind? Das wäre eine Aufgabe für die Kunst, nicht zuletzt für die vereinigten Science-Fiction-Autoren aller Länder: Träumt besser!
„Hundeherz“ läuft am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.
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