Meine Mutter und ihre Cousine kamen vom Frühlingsspaziergang zurück. Sie hatten es nicht eilig, wieder in die Wohnung zu gehen, standen vor dem Hauseingang, redeten und lachten. Sie war 19, es war 1986, das Jahr, in dem meine Eltern heirateten.

Für meine Mutter war es ein glücklicher, aufregender und doch noch verspielter Frühling. Sie arbeitete als Pionierleiterin und studierte an der Linguistischen Fakultät in Kiew. Und auch der sprichwörtliche Frühling war da: Er eroberte die grauen, vielstöckigen, sozialistischen Wohnblöcke eines westukrainischen Regionalzentrums zurück, in dem sie damals lebten. „Mädchen, kommt rein“, sagte eine ältere Nachbarin. Ihr Mann erklärte: „Geht nicht mehr raus. Bleibt zu Hause. Schließt alle Fenster. Die Strahlung ist sehr hoch.“

„War das am 26. oder erst am 27. April?“, frage ich meine Mutter. „Ich weiß es nicht mehr, vielleicht sogar erst am 28. Vorher wussten wir nichts“, sagt sie über den Moment, in dem sie von der Explosion in Tschernobyl erfuhr. „Wir sind drei Tage lang nicht aus dem Haus gegangen.“ – „War er Physiker, der Mann?“ – „Er arbeitete für den Geheimdienst, für den KGB. Die wussten es als Erste.“

Wenn ich an mein Bild von Tschernobyl als Jugendliche denke, taucht zuerst etwas anderes auf. Gerade war das Computerspiel „S.T.A.L.K.E.R.“ erschienen, und der abstrakte Ort der Katastrophe aus dem Geschichtsunterricht bekam etwas Aufregendes. Gefahren und Geheimnisse. Dazu passten die Witze über radioaktive Mutationen. Einer ging so: „Ein kleiner Junge zeigt in eine Richtung und fragt seinen Großvater: ‚Was ist dort, Opa?‘ – ‚Das ist Prypjat, mein Junge‘, sagt der Großvater und streichelt ihm über den Kopf. ‚Und was ist das für eine Stadt, Opa?‘ – ‚Das ist Tschernobyl, mein Sohn‘, sagt der Großvater und streichelt seinem Enkel über den zweiten Kopf.“

Meine Mutter machte Tschernobyl für die endokrine Erkrankung meiner Schwester verantwortlich. Anfang Mai 1986 fuhr sie zu ihren Prüfungen an die Universität nach Kiew, wo niemand die Parade zum 1. Mai abgesagt hatte. Sie erinnert sich, wie an der Uni ständig die Räume gewischt wurden. Auch Straßen und öffentliche Verkehrsmittel wurden fortwährend gereinigt. „Wir trugen immerzu Socken, sogar in Sandalen, gegen die verstrahlten Pfützen“, erzählt sie. Ich erinnere mich an ihr besorgtes Gesicht, wenn sie meine ältere Schwester zu den Ärzten brachte und mit meiner Tante über das Wort „Krebs“ tuschelte. Dank der Liebe und Hingabe meiner Mutter verschwanden die Symptome irgendwann. Die Strahlung blieb uns.

Im Frühjahr 2021 zögerte ich, als unsere kleine Künstlergruppe eingeladen wurde, bei einer Gedenknacht zum 35. Jahrestag der Katastrophe aufzutreten. Ich war nicht sicher, ob wir das konnten oder überhaupt sollten. Keiner von uns war zum Zeitpunkt der Explosion schon auf der Welt gewesen. Unsere Erfahrung mit Tschernobyl bestand aus dem Nachhall von Erinnerungen, dummen Witzen, Angst und Trauer. Wir erhielten eine Genehmigung und fuhren nach Prypjat, in die Geisterstadt neben dem zerstörten Atomkraftwerk.

Wir passierten die Kontrollpunkte, die Straße war frisch asphaltiert und leer. Przewalski-Pferde überquerten gemächlich vor uns die Fahrbahn, drehten ihre Köpfe und sahen uns amüsiert nach. Rehe und Hasen kreuzten. Hinter einem weiteren Kontrollposten gelangten wir in eine Stadt, die von wildem Grün überwuchert war. Büsche schlugen gegen die Windschutzscheibe, Gras brach durch den Asphalt, und aus den hohlen Augen der zerbrochenen Fenster sahen uns die Häuser an. Es war die postsowjetische Variante der Postapokalypse, in der sich die Natur das geometrische Territorium zurückholte.

Unser Guide war Oleksandr Syrota, Vorsitzender des Öffentlichen Rates der staatlichen Agentur für die Verwaltung der Sperrzone und lokaler Aktivist. Er selbst war ein Vertriebener aus Prypjat und gehörte zu jenen, die den Ort vor illegalen „Stalkern“ und rücksichtslosen Geschäftsinteressen schützen wollten. Er erklärte uns die Sicherheitsregeln. Die streunenden Hunde, die von den Wachleuten gefüttert wurden, sollten wir keinesfalls anfassen, weil sie Tollwut haben könnten. Gar nichts anfassen sollten wir, weder Pflanzen noch Gegenstände, und Gebäude nicht betreten.

Wir fuhren durch Prypjat, und ein Gefühl ließ mich nicht los. Es war nicht der Anblick der Verlassenheit: Als Jugendliche hatte ich mit Freunden oft in einer Fabrikruine abgehangen. Mit meinem Vater war ich in einem Wald mit einer stillgelegten Militärstation Pilze sammeln. Ich fragte mich, ob es die Angst vor der unsichtbaren Bedrohung war, vor der Strahlung, bis ich begriff: Prypjat erinnerte mich an die Stadt meiner Kindheit. Die sowjetische Stadtplanung mit ihren zentralen Plätzen, Palästen der Jugend und den avantgardistisch anmutenden Schalen der Fußballstadien, den schachbrettartigen Schlafvierteln und dem großen Zentralhotel für Parteifunktionäre oder seltene Sowjetreisende. Der Gedanke, dass dies ebenso gut meine Stadt hätte sein können, pochte im Rhythmus meines Herzschlags in meinem Kopf.

Während wir durch Prypjat gingen, schaute ich in die Fenster der Wohnungen. Dort waren Überreste eines Lebens zu sehen, das dem meinen verstörend ähnlich war. Dieselben Schränke, dieselben gepunkteten Kessel und Pfannen, dieselben Teller mit Blumenornamenten, dieselben Teppiche – überzogen von Staub und Schutt, im Chaos, das die Zeit und illegale Eindringlinge hinterlassen hatten. Überall waren Schwarz-Weiß-Fotografien verstreut. Im Erdgeschoss des Kulturpalasts ein gestürztes und verdrecktes Bild mit fröhlichen Pionieren.

Wenn ich heute Fotos aus bombardierten ukrainischen Wohnungen sehe, kehrt Prypjat, die verstrahlte Geisterstadt, in mir zurück. Leben, die abrupt beendet worden waren. Wohnungen, plötzlich verlassen. Russland wiederum scheint auch den Charakter der Sowjetunion geerbt zu haben: die Lebensverachtung. Am 2. Mai 2023 veröffentlichte die Internationale Atomenergie-Organisation die Information, dass russische Truppen Sprengstoff und Munition im vierten Block des Kernkraftwerks Saporischschja platziert hätten. Es war der vierte Reaktorblock, der in Tschernobyl explodierte.

Auch im Jahr 2026 ist das Kraftwerk noch besetzt. Mit seinen sechs Blöcken ist es das größte Kernkraftwerk Europas. Als die Ukraine unter den von russischen Angriffen ausgelösten Stromausfällen litt, kam es auch in Saporischschja zu Blackouts. Das Kraftwerk ist zwar im sogenannten Kaltstillstand, benötigt aber dennoch Energie, um gesichert zu werden. Wiederholt sich die Geschichte von Tschernobyl?

Rechtzeitige Information, sofortige Evakuierung und eine klare Kommunikation über die Strahlengefahr hätten viele Opfer von Tschernobyl retten können – wohl auch die Gesundheit meiner Schwester. Unser Guide und seine Mutter Ljubow Syrota gehörten zu jenen, die aus dem damals fast 50.000 Einwohner zählenden Prypjat evakuiert wurden. Ljubow, selbst Dichterin, war die einzige Frau, die in Rollan Serhijenkos Dokumentarfilm „Schwelle“ auftrat, der zum zweiten Jahrestag der Explosion gedreht wurde – zu einer Zeit, als die Propagandaleine am Ende der Sowjetunion allmählich länger und lockerer wurde.

In dem Film sprachen Strahlenspezialisten, Künstler und Ingenieure offen über die Wahrheit der Katastrophe. Dazu kamen Aufnahmen aus Prypjat vom 26. und 27. April. Obwohl der Reaktor bereits brannte, spielten draußen die Kinder. Niemand wurde informiert und aufgefordert, in den Wohnungen zu bleiben. Die übereilte Evakuierung von Prypjat begann erst am nächsten Tag, am 27. April. Tschernobyl selbst und die umliegenden Dörfer wurden noch später geräumt, Tage danach.

In unsere poetische Performance nahmen wir ein Gedicht von Ljubow auf, in dem der Frühling für die Idee der Erholung der Natur und für die nie versiegende Hoffnung steht. Es war ein schwieriges Projekt. Schon ihr Nachname, Syrota, bedeutet auf Ukrainisch „Waise“. Es war unerträglich, ihre Verse an einem Ort zu lesen, der für die Menschen dort von einem Moment auf den anderen aufgehört hatte, ihre Heimat zu sein.

Für unser Hauptprogramm wählten wir eigene Gedichte über Städte, Straßen und das Unbekannte. Ich erinnere mich, wie ich in der Nacht des 35. Jahrestags bei einem Grad Celsius fror, während ein Keyboard Klänge verlassener, verwaister Prypjat-Klaviere spielte und auf das Gerippe des Kulturpalasts Bilder der letzten Feier projiziert wurden, die dort stattgefunden hatte.

Ich erinnere mich an das Frösteln während des Auftritts, als ich die Worte sprach: „Nicht für uns war dieser Frühling, nicht für uns.“ Ein Jahr später verließ ich Kiew mit einer Tasche und der Katze, die meine Bühnenpartnerin bei mir zurückgelassen hatte, als sie ins Ausland ging. Ich machte Abschiedsfotos – und kehrte doch zurück. Aber 2022 gab es keinen Frühling mehr in Luftalarm und Ausgangssperren, Angst und Sorge und den Bildern einer Geisterstadt, die an Prypjat erinnerte.

Seit vier Jahren leben wir im Krieg – manche von uns seit zwölf, seit der Annexion der Krim und dem von Russland angeheizten Krieg im Donbas. Wir haben uns daran gewöhnt. Vielleicht so, wie die Natur in der Sperrzone von Tschernobyl die Strahlung als Teil ihrer selbst angenommen hat.

Irina Kupchynska, 1993 in Lutsk geboren, ist Autorin und Künstlerin. Aus dem Englischen übersetzt von Yevgeniy Breyger.

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