Schwarz-Weiß, Dreißigjähriger Krieg, Sandra Hüller, Cross-Dressing: Markus Schleinzers österreichisches Historien-Drama „Rose“ klingt vielleicht spröde und erwartbar. Doch der erste Eindruck täuscht. Denn die Geschichte über eine Frau, die es genauso gegeben haben könnte, sprüht vor originellen Einfällen, überraschenden Wendepunkten und philosophischen Gedanken.
Zeitgeistige Aufreger-Thesen über die Gewalt des Patriarchats, die Unerheblichkeit des biologischen Geschlechts oder die Performativität von Gender drängen sich keineswegs mit dem moralischen Holzhammer in den Vordergrund. Sie werden elegant mit zeitlos großen Fragen nach Identität, Wahrheit und Freiheit verknüpft.
Spannender als das inzwischen fast inflationär durchgekaute Problem, was eine Frau von einem Mann unterscheidet, erscheint etwa die Erörterung der Legitimität einer Lüge, die allen nützt, sowie die einer Wahrheit, die allen schadet. Denn davon, dass sich Rose (Sandra Hüller) als männlicher Soldat und Erbe eines alten Hofes ausgibt, profitieren im Endeffekt alle: das Dorf, dem sie mit ihrer harten Arbeit zu Wohlstand verhilft, die Dorfbewohner, denen sie Arbeit verschafft und Lesen beibringt, sowie ihre Frau Suzanna (die faszinierende Newcomerin Caro Braun), der sie ein sorgloses Leben im Schutzraum der Ehe ermöglicht.
Eigentlich gefährdet Rose mit ihrer Täuschung niemanden, denn der eigentliche Erbe des Hofes ist im Krieg gefallen. Lange kommt niemand hinter ihr Doppelleben, nicht einmal ihre junge Gattin, deren Eheschließung ihr prompt zu noch mehr Ansehen im Dorfgefüge verhilft – aber auch neue Schwierigkeiten mit sich bringt. Anfangs entschuldigt Rose ihren Nicht-Vollzug der „ehelichen Pflicht“ noch mit der Reinheit Suzannas, die sie nicht gefährden wolle. Doch als Suzanna das Problem schließlich ihrem Vater meldet, droht dieser Rose damit, die Ehe aufzulösen, wenn Rose ihr Versprechen nicht bald ordnungsgemäß einlöse.
Es ist Regisseur Schleinzer, der das Drehbuch gemeinsam mit Alexander Brom verfasste, hoch anzurechnen, dass er die darauffolgende eheliche Vergewaltigung weder voyeuristisch ausschlachtet noch überhaupt klar als solche einordnet (auch spätere offensichtliche Vergewaltigungen geschehen im Off). Denn wer missbraucht hier eigentlich wen, wenn Suzanna ihren „Ehemann“ mit einer Drohung zum Geschlechtsverkehr drängt, und daraufhin Rose eine hölzerne Penis-Attrappe schnitzt, die sie nachts ohne Vorankündigung von hinten in ihre Ehefrau rammt?
Sandra Hüller kann alles
Statt sie mit einem leidvollen Trauma zu beschweren, gönnt Schleinzer seinen Heldinnen überraschend leichte und witzige Pointen. Denn Suzanna verhält sich von nun an ungewohnt fröhlich, kokett und überschwänglich. Beschwingt lässt sie ihren „Mann“ schon kurz nach dem Akt wissen, dass sie in anderen Umständen sei. Rose weiß natürlich, dass das nicht sein kann, reagiert also unwirsch auf die Naivität ihrer Gattin. Doch dann gebiert Suzanna wirklich ein Kind, das das Glück der Familie vervollständigt. Ergibt Lüge plus Lüge Wahrheit? Und lebt es sich unter dem Deckmantel der Täuschung, geschützt vor den Blicken und Anforderungen der Authentizität, womöglich freier? Oder kann etwas, das im Geheimen stattfindet und sich vor der Öffentlichkeit verstecken muss, nie echte Freiheit sein?
„Rose“ orientiert sich stark an historischen Quellen und Tatsachenberichten, wirkt aber gleichzeitig sowohl gegenwärtig-zeitgenössisch als auch theatralisch-märchenhaft. Wie die Menschen zu Beginn des 17. Jahrhunderts gesprochen haben, lässt sich nicht exakt rekonstruieren. Die von Schleinzer entworfene Kunstsprache wirkt reduziert und kühl. Die auktoriale Erzählstimme (Marisa Growaldt), die schon das Ende des Films vorwegnimmt und von vornherein die Faktizität des Dargestellten behauptet, gehört zu den wenigen kommentierenden Off-Stimmen der Filmgeschichte, die einen Mehrwert bieten, statt als bloße Notfalllösung herzuhalten.
Rose (Sandra Hüller) verkleidet sich als MannDass Sandra Hüller („Project Hail Mary“, „Anatomie eines Falls“, „Zone of Interest“) ausnahmslos alles spielen kann, gehört zu den unumstrittensten Film-Gemeinplätzen, wird aber von „Rose“ nur wieder aufs Neue bestätigt. Auf der Berlinale wurde die 1978 in Thüringen geborene Theater- und Filmschauspielerin für ihre Fähigkeit, Frau und Mann zugleich, und noch dazu im 17. Jahrhundert zu mimen, mit dem Silbernen Bären für die beste Schauspielleistung ausgezeichnet. In einem dramatischen Monolog fragt Rose am Ende die vor ihrem Haus versammelten Bürger, die sie schreiend auffordern, die Hose herunterzulassen, ob die Wahrheit, dass es ihnen durch sie besser gehe, nicht schwerer wiege als die Wahrheit ihres Geschlechts. Aber gegen das Gefühl, hintergangen worden zu sein und sich durch eine Strafe von dem Betrug reinwaschen zu müssen, kommt sie mit keinem noch so vernünftigen Argument an.
Bevor sie gehängt wird, darf Rose auf eigenen Wunsch hin ihre Hinrichtung wie ein Theaterstück üben. Ist also alles nur Spiel und Performance – das Mannsein, das Vatersein, sogar das Sterben? Mit „Rose“ ist Schleinzer ein märchenhafter, gewagter und eindringlicher Film gelungen, der viele wichtige Fragen unserer Zeit mit einer erfrischenden Unvoreingenommenheit verhandelt.
Wer ihr die Erlaubnis erteilt habe, in Hosen zu steigen, fragt am Ende der Richter. Sie selbst habe es sich erlaubt, entgegnet die Angeklagte. Vielleicht könne sie sich ja auch Flügel wachsen lassen und dem Gefängnis entfliegen, lacht der Richter. Das kann sie natürlich nicht. Aber ihre Geschichte aufschreiben und der Nachwelt hinterlassen, das geht.
Der Film „Rose“ läuft ab 30. April im Kino.
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