Die Jury der Kunstbiennale von Venedig ist geschlossen zurückgetreten. Das war ihre erste richtige Entscheidung. Wenige Tage zuvor hatte sie erklärt, Länder von den Preisen – den begehrten Löwen – ausschließen zu wollen, „deren führende Repräsentanten derzeit vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind“. Gemeint waren offenkundig Russland und Israel.
Betroffen gewesen wären aber die nationalen Beiträge dieser Staaten – und damit die dort ausstellenden Künstler. Noch bevor die Biennale eröffnet war, noch bevor die Jury ein einziges Werk gesehen hatte, entschied sie bereits, wem Anerkennung prinzipiell nicht zustehen sollte. Damit hätte sie ein Gremium, das Kunst beurteilen soll, als politisches Tribunal missbraucht.
Eine Jury ist nicht dafür da, geopolitische Sanktionen im Gewand ästhetischer Urteile auszusprechen. Sie soll Werke sehen, Vergleiche treffen, Urteile begründen. Wenn sie stattdessen Herkunftsstaaten moralisch vorsortiert, entzieht sie der Kunst die Autonomie, die sie im Namen der Menschenrechte zu verteidigen vorgibt. Die Jurorinnen – Zoe Butt, Elvira Dyangani Ose, Marta Kuzma und Giovanna Zapperi unter dem Vorsitz von Solange Oliveira Farkas – haben damit selbst die viel beschworene Kunstfreiheit infragegestellt. Ihr gerade noch rechtzeitiger Abgang reiht sich in die Reihe von Expertengremien ein, die andere Großprojekte in Misskredit gebracht haben (siehe Documenta).
Tragisch wird das Ganze dadurch, dass diese anmaßende Überdehnung in Venedig auf eine Biennale-Leitung traf, die gleichzeitig das Gegenteil behauptete. Präsident Pietrangelo Buttafuoco hatte gerade die Rückkehr Russlands verteidigt und die Institution als offenen Raum beschrieben, der niemanden ausschließen wolle und keine von Italien anerkannten Staaten fernhalten könne. Während also die Leitung Inklusion predigte, praktizierte die Jury Boykott. Beides zusammen offenbart vor allem eins: institutionellen Kontrollverlust.
Seit Russlands Angriff auf die Ukraine war der russische Pavillon 2022 geschlossen, 2024 stellte dort Bolivien aus. Nun sollte Russland zurückkehren. Geleakte E-Mails mit der Kommissarin des russischen Pavillons, Anastasia Karnejewa, machten deutlich, dass daran seit Monaten gearbeitet worden war. Gleichzeitig suchte die Biennale nach einer Konstruktion, die gerade noch vertretbar wirken sollte: Der russische Pavillon soll lediglich an zwei Tagen der Preview bespielt werden, wenn nur Fachpublikum anwesend ist. Später sollen Besucher die Präsentation nur über Aufzeichnungen zu sehen bekommen. Das ist kein souveränes Konfliktmanagement, sondern improvisierte Schadensbegrenzung.
Dabei sind die Folgen längst real. Die Europäische Union hat ihre Förderung in Höhe von zwei Millionen Euro wegen der russischen Rückkehr zurückgezogen. Der italienische Kulturminister Alessandro Giuli sagte seine Teilnahme an der Eröffnung ab. Giorgia Meloni kommentierte den Rücktritt der Jury mit dem entwaffnend ehrlichen Satz, sie habe „den Überblick etwas verloren“. Das Bonmot trifft eine der bedeutendsten italienischen Kulturinstitutionen, die an ihren widersprüchlichen Ansprüchen gerade sichtbar scheitert.
Dass ausgerechnet der Name, der während der Vorbereitungen 2025 verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh für diese Verwirrung herhalten musste, macht die Sache nicht besser. Unter dem Leitmotiv „In Minor Keys“ hatte sie die Ausstellung auf empfindsame, poetische, sinnliche Wahrnehmung hin konzipiert. Sie wollte gerade die Molltöne sprechen lassen, nicht die Megafone.
Stattdessen heizt sich der Kulturkampf nun weiter auf. Die Affäre zeigt einmal mehr, wie selbstverständlich der Kunstbetrieb seine eigenen Maßstäbe verrückt. Seit Wochen wird der israelische Pavillon angefeindet, die Absage der Ausstellung von Belu-Simion Fainaru wird gefordert, Hunderte, zum Teil prominente Teilnehmer der Biennale, unterschreiben dafür Petitionen. Für die Preview in der kommenden Woche ist mit vermeintlich propalästinensischen Demonstrationen zu rechnen. Und Russland wird viel Aufmerksamkeit dafür bekommen, wie es versucht, wieder einen Fuß in die Tür zur Kulturdiplomatie zu bekommen.
Und was macht die Biennale? Flüchtet sich in ratlosen Populismus. Weil die Jury weg ist, sollen die Besucher entscheiden. Statt Goldener und Silberner Löwen sollen zwei „Leoni dei Visitatori“ verliehen werden; die Preisvergabe wird auf den letzten Tag der Biennale, den 22. November, verschoben. Ein Publikumspreis klingt partizipativ und demokratisch, und er wäre eine sympathische und sinnvolle Ergänzung. Die Biennale hätte jetzt aber einen Befreiungsschlag in Urteilskraft gebraucht – und kurzfristig eine neue, glaubwürdige Jury berufen müssen. Bekommen hat sie eine Verlegenheitslösung.
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