Der Weg ist das Ziel. Spätestens wieder seit hier Netflix ein Staffelfinale seiner enorm erfolgreichen „Arsen Lupin“-Neuverfilmung mit Cliffhanger enden ließ. Zu den Cliffs, der Steilküste, stürmt seither noch mehr Masse Mensch gen Normandie, um sich per Instagram vor den Kreidetoren und Felsnadeln zu verewigen, die nicht nur der Gentlemandieb-Autor Maurice Leblanc ab 1905 ikonisch machte.
Das hatten vor ihm schon Heerscharen von Malern und Zeichnern, Fotografen, Reiseschriftstellern und Romanciers getan. Und deshalb war der eigentlich reizlose Sackgassenort ein paar Stunden weg von Paris, an dem heute touristentreibend Alabasterküste genannten Atlantikabschnitt, schon im 19. Jahrhundert ein schnell von ersten Freizeitreisenden überlaufener Hotspot, wo man sich an spektakulärer Geologie delektierte.
Eugène Le Poittevin: „Das Verholen eines Bootes. Erinnerungen an den Strand von Étretat“, 1856Heute ist das französische 1000-Seelendorf Étretat im Sommer völlig verstopft und überfüllt. Per Auto ist zwar leicht hinkommen, doch dann steht man im Stau vor überfüllten Parkplätzen, bahnt sich, ist die Karre endlich untergebracht, zwischen fiesen Souvenirständen und schlechten Bistro-Imbissen mühsam seinen Weg zur Kieselküste.
Einen Hafen gab es hier nie an dem zwischen die Felsen gezwängten Strand, weshalb die Fischer (der letzte gab 1990 auf) ihre Boote immer an Land ziehen mussten. Ausgemusterte Exemplare wurden zu dekorativ schilfgedeckten Schuppen. Heute ist die Promenade wenig einladend, die Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg am Atlantikwall ganze Arbeit geleistet, die filigranen Fachwerkvillen, das Casino, die Badeanstalten gesprengt.
Davon ist freilich nichts zu sehen, betritt man das Vestibül der klug kuratierten Frankfurter Städel-Schau „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, die weniger Bilderausstellung ist als künstlerisch-soziologische Entwicklungsforschung.
Über Eck fliegt man auf zwei riesigen Screens an der herrlich gemusterten Küste entlang übers blaugischtende Meer. Und da tauchen sie auch schon auf, die ersten drei Wahrzeichen von Étretat, die Manneporte, das große Tor, dann die gefährlich dünne, aber immer noch Wetter und Wasser trotzende Porte d’Aval, sehr passend der Elefantenrüssel genannt, sowie links davon die steile Felsnadel Aiguille. Jenseits der kleinen Bucht ist die Porte d’Amont zu ahnen. Wir haben jetzt aufs Meer gedreht, der Ort liegt als Breitwandpanorama vor uns, dann bricht die virtuelle Reise ab – und beginnt als ewiger Videokreislauf von Neuem.
Anonym: „Maler am Strand von Étretat“, um 1900Sehr geschickt gemacht ist das, Neugierde auf die folgenden zwei Stockwerke mit 170 Exponaten erweckend, aber alle Menschen aussparend, ebenso die Absperrungen, die seit Kurzem verhindern sollen, dass sich an dem maroden Gestein die Fotosüchtigen zu Tode stürzen. Das Bild von der einsamen, vom Ozean in Ewigkeiten ausgespülten Felsenformation als Naturwunder – es ist zwar echt, doch es wurde gewaltig inszeniert. Eine Illusion eben.
Das Drumherum ist hier gar nicht so, wie es seit Jahrhunderten scheint und verbreitet wird. Und je mehr Besucher sich nach Étretat drängelnd davon überzeugen wollen, desto weniger hat die dann immer mühsamer komponierte Abbildung noch etwas mit der Realität zu tun.
Ein Paradox, mit dem der von seinem natürlichen Ruhm überrollte Ort seit dem Beginn seiner „Entdeckung“ durch die Reisenden leben muss. Doch was macht das, steht man dann fast am Ende des Frankfurter Parcours in dem großen Halbrund, in dem elf aus aller Welt geholte Claude-Monet-Bilder von den Felsen, der Küste, den Katen, dem Meer, aber auch einem sehr bourgeoisen, eigentlich viel zu großformatigen Hotelfrühstück der eigenen Familie in gleißender Farbigkeit und bewegt-fließendem Strich den Ruhm Étretats in der Malerei so glorios beglaubigen.
Man erfreut sich, staunt wieder über einen der ersten Serialisten, der ebenso die stoische Landschaft bei wechselndem Wetter als Variable festhielt, wie er seinem Galeristen Durand-Ruel, der ihn dorthin geschickt hatte, Motivwiederholungen als gut verkäufliche Ware lieferte. Étretat, das war nämlich immer ein Produkt.
Schon Königin Marie Antoinette soll die hier angebauten Austern geschlürft haben. Und so ist das Aquarell-Panorama des Ortes, das Alexandre Jean Noël 1786 schuf, vermutlich als Werbematerial eines Muschelhändlers gedacht gewesen. Sehr heimelig sind dann die schönen Veduten des pinselnden Ortschronisten Eugène Le Poittevin, der sich auch selbst schwimmend neben dem fahrbaren Sprungbrett im Wasser platzierte, wo die ersten Badegäste das gesunde Atlantiksalz genossen.
Claude Monet, „Das Mittagessen“, 1868/69Bald kamen Eugène Delacroix und Camille Corot, malten, skizzierten, strichelten scheinbar unverfälschtes Bauernleben, Landidylle und immer wieder die Kreidekuriosa, zwischen denen nur selten Menschen auftauchten. Eugène Boudin, der elegante Seebädermaler und Monet-Lehrer, war auch da, die Felsen ließ er links liegen, lieber malte er die mondäne Welt in Trouville oder Deauville.
Eugène Isabey interessierte sich schon 1851 für die stark gemusterten horizontalen Sedimentlagen der Küstenabbrüche, an denen bis heute das Meer frisst, die auch später der Jugendstil-Künstler Eugène Grasset zur Design-Vorlage werden ließ. Anselm Feuerbach kam zwar nur bis Paris, aber das absatzträchtige Étretat kopierte er per Postkarte. Gemaltes wechselt sich bald chronologisch ab mit Fotografiertem, denn natürlich war der Ort auch ein Paradies für Plein-Air-Kameraleute, auch wenn die langen Verschlusszeiten die Meereswogen immer nur als Schleier zeigten.
Da hatte es Gustave Courbet leichter, der die wilde Wellenwucht gleichsam als Farbschlingen und Spritzer per Palettenmesser aus der Leinwand steigen ließ. Der malende Poet Victor Hugo war ebenso am Genius loci abbildend interessiert, wie der in der Nähe aufgewachsene Guy de Maupassant dem Ort in seinem ersten Roman „Une vie“ ein Denkmal setzte. Auch Gustave Flaubert stromerte an der Küste entlang. Étretat war künstlerschick geworden, und nicht nur Jacques Offenbach kaufte sich von den Einnahmen seines jüngsten Operettenerfolges die repräsentative, heute noch stehende Villa Orpheus.
Die klassische Moderne mit Félix Vallotton oder dem besonders den von den Fischern am Strand aufgehäuften (und extra für ihn beim Malen gewässerten) Dornhaien Aufmerksamkeit schenkenden Henri Matisse, die ab 1890 mit der Bahn anreisten, fand Étretat selbst nach fast zwei Jahrhunderten Bildbetrachtung immer noch extrem motivattraktiv und gar nicht ausgelutscht. Die Ausstellung offeriert auch noch aktuelle Fotografieserien von Elger Esser, die sich, auf alt getrimmt, mit den Vorgängern messen wollen.
Elger Esser: „Die Manneporte“, 2000Aber natürlich kulminiert diese flirrende Bildfeier, im zwecks werblicher Attraktivität in den Titel genommenen Claude Monet, von dem 22 der etwa 80 um Étretat kreiselnden Gemälde und Aquarelle zu bewundern sind, die er hier zwischen 1864 und 1886 geschaffen hat. Die mögen heute vielfach zu Postkartenmotiven herabgesunken sein, weil Monet als stilechter Impressionist die Menschen fortließ, doch im Original und nebeneinander wie gegenüber begeistert ihr buntes Feuer, die akribische Varianz, die Feier der Natur durch den beschwingten Pinsel, das immer neue, aufregende Licht zu wechselnden Tageszeiten, vor allem an der Porte d’Aval.
Die Erkenntnis dieser sommerlich stimmenden, dann vermutlich noch mehr Menschen gen Normandie ins von jährlich 1,5 Millionen Besuchern gentrifizierte Küstendorf reisen lassenden Ausstellung ist dann eben doch: Étretat ist so viel mehr als Monet. Und das erfährt man in diesen Kunstwerken von Wolken, Felsen und Meer viel besser als in der banalen Touristenrealität.
Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat. Städel Frankfurt, bis 5. Juli 2026
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