Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren die zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im Mai lohnen sich – auch für kritische Lektüren:
1. Ines Geipel:
Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung. S. Fischer, 336 Seiten, 25 Euro*
Immer wieder hat sich die Publizistin Geipel kritisch mit dem Erbe der deutschen Diktaturen auseinandergesetzt. Ihr neues Buch wirft einen Blick auf die DDR-Erinnerung ans NS-Lager Buchenwald und den Staatsmythos eines besseren Deutschlands. Geipel spricht von einem „Erinnerungsdeal zwischen den Moskauern und den Lagerkommunisten“, der bis heute nachwirkt. In Zeiten, in denen die Zeitzeugen aussterben und das Gedenken eine neue Politisierung durch Aktivisten erfährt, erst recht. Lesen Sie hier unsere Buchbesprechung.
2. Heinrich Geiselberger (Hg.):
Oben rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt. Suhrkamp, 271 Seiten, 20 Euro*
Der Sammelband mit politikwissenschaftlichen Aufsätzen (von Thomas Biebricher bis Anton Jäger) versucht sich im Update einer Klassentheorie. Wenig überraschend: Libertäre Unternehmer sind nicht links.
3. Golo Maurer:
Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden. C. H. Beck, 384 Seiten, 29,90 Euro*
Nicht nur Goethe hat Spuren als Italientourist hinterlassen. In der Nähe von Rom wurde eine ganze Künstlerkolonie heimisch. Maurer erzählt von ihr. Lesen Sie hier unsere Buchbesprechung.
4. Jill Lepore:
We The People. Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung. C. H. Beck, 920 Seiten, 48 Euro*
Die Harvard-Historikerin erzählt die Geschichte der USA im Lichte ihrer Verfassung – und die mit ihr verbundenen Kämpfe um das „wahre“ Amerika. Lesen Sie hier mehr zu Jill Lepore.
5. Elisabeth Lenk:
Kritische Schriften. Essays. Herausgegeben von Rita Bischof. Matthes & Seitz, 718 Seiten, 44 Euro*
Lenk (1937–2022) war eine deutsche Literatursoziologin und Philosophin. In ihrer posthumen Essay-Sammlung geht es um den Konflikt zwischen ästhetischem Denken und politischem Engagement.
6. Stephen Greenblatt:
Dunkle Renaissance. Wie Shakespeares größter Rivale Christopher Marlowe die Konventionen sprengte und die Literatur revolutionierte. Siedler, 416 Seiten, 28 Euro*
Greenblatt steht für packend geschriebene Bücher. Seit Jahrzehnten schreibt er über Shakespeares Zeit und Literatur – diesmal mit Fokus auf den weit weniger bekannten Klassiker Christopher Marlowe (1564–1593).
7. Agnes Callard:
Sokrates. Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert. C. H. Beck, 429 Seiten, 29,90 Euro*
Ein frischer Blick auf den antiken Philosophen, der uns beibrachte, dass jede Selbstreflexion mit Fragen beginnt.
8. Klaus Bittermann, Christoph Hesse (Hg.):
Umkämpfte Geschichte. Einsprüche gegen die Umdeutung des 7. Oktober. Edition Tiamat, 304 Seiten, 28 Euro*
Gegen das notorische Anti-Israel-Narrativ positionieren sich namhafte Historiker, Soziologen und Philosophen wie Benny Morris, Eva Illouz und Pascal Bruckner. Lesen Sie hier mehr über den ausgezeichneten Verleger Klaus Bittermann.
9. Klaus Brinkbäumer:
Der amerikanische Albtraum. Faschismus made in USA. S. Fischer, 352 Seiten, 24 Euro*
Was ist eine politische Kultur, die auf Überlegenheitsfantasien und der Erklärung politischer Gegner zu Feinden basiert, anderes als Faschismus? So argumentiert der Journalist Klaus Brinkbäumer. Seinen ungebremsten Gebrauch des Faschismus-Begriffs wird jeder Historiker kritisch sehen.
10. Daniel Haas:
Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte. Goldmann, 225 Seiten, 22 Euro*
Kann man Einsamkeit erben? In manchen Familien schon. Haas gibt sich einmal mehr als begnadeter Reporter – auch seines eigenen Seelenlebens. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Buch von Daniel Haas.
Die Extra-Empfehlung
Neben den zehn Tipps der Jury gibt es jeden Monat eine externe Empfehlung. Diesmal von Michael Krüger (Schriftsteller und Ex-Verleger von Hanser). Er empfiehlt:
Stefan Müller-Doohm: Frankfurt als geistige Lebensform. Erinnerungen und Essays. Wallstein, 192 Seiten, 24 Euro*
„Auch wenn die Hochhäuser in der Frankfurter City nicht mehr alle bis obenhin mit Geld gefüllt sind, bilden sie doch eine Skyline, die für die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik steht. Aber Frankfurt – „keine Stadt, die Flaneure durch ihre Schönheit besticht“ (Jürgen Habermas) – ist eben auch die Stadt, in der nach dem Krieg mit der Rückkehr des Instituts für Sozialforschung und der Lehrtätigkeit von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und später mit Jürgen Habermas und Alexander und Margarete Mitscherlich, mit dem Fritz Bauer Institut, mit den Verlagen S. Fischer und Suhrkamp, mit der Buchmesse, mit dem Hessischen Rundfunk und seinen Redakteuren Adolf Frisé und Gerd Kalow, die damals noch für die Verbreitung der Kultur zuständig waren, mit den Frankfurter Heften und der „FAZ“ und vielen anderen Initiativen und Institutionen ein geistiges Zentrum entstand, das die intellektuelle Physiognomie der Bundesrepublik entscheidend geprägt hat.
Der Soziologe Stefan Müller-Doohm, Sohn eines Frankfurter Verlegers und Sammler der Bücher der Eremitenpresse von Victor Otto „VauO“ Stomps, seit 1974 Professor in Oldenburg und Autor zweier in der ganzen Welt gelesener Biografien von Adorno und Habermas, hat seine formal ganz unterschiedlichen Beiträge zu Frankfurt als geistiger Lebensform gesammelt: ein wunderbarer Rückblick auf eine Zeit, als der Schraubstock von Ökonomisierung und Bürokratisierung der Hochschulen seine zerstörerische Arbeit noch nicht aufgenommen hatte.“ (Michael Krüger)
Die Jury der „Sachbücher des Monats“
Tobias Becker, Der Spiegel; Natascha Freundel, radio 3 vom rbb; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Unversität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, Hamburg; Marianna Lieder, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, Redaktion Das Wissen, SWR; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deut-sches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich. – Die Jury-Redaktion liegt bei Andreas Wang.
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