In der kommenden Woche beginnt die 61. Internationale Kunstausstellung von Venedig. Die Kuratorin, die kamerunisch-schweizerische Museumsdirektorin Koyo Kouoh, war im Mai 2025 überraschend verstorben. Mit ihrem Leitmotiv für die Biennale, „In Minor Keys“, wollte sie „das Emotionale, Visuelle, Sensorische“ betonen – als das „natürliche Habitat der Kunst und ihrer Rolle in der Gesellschaft“. Wie sehr ihre Moll-Töne von der politisch aufgeheizten Stimmung kurz vor Eröffnung überlagert werden, wird sich zeigen: die Kunstbiennale von findet vom 9. Mai bis zum 22. November 2026 statt.

Als Kouoh 2024 berufen wurde, bekannte sie: „Venedig hat mir eine Carte blanche gegeben, und ich werde meine Carte noire ausspielen.“ Das ließ sich programmatisch lesen: den Blick auf bislang marginalisierte Gruppen und marktfernere Positionen zu lenken und den westlich dominierten Kanon für den „globalen Süden“ zu öffnen. Ein Anspruch, den mittlerweile viele öffentliche Museen verfolgen. Auch die privaten Player reagieren darauf – mit erstaunlicher Geschmeidigkeit.

So zeigt der französische Luxusunternehmer François Pinault in den beiden eigenen Museen in Venedig gerade vier Positionen, die mustergültig auf den Zeitgeist reagieren. Alle vier Künstler sind „People of Colour“, alle vier verhandeln Geschichte, Gewalt, Erinnerung, Identität oder Kolonialismus. Marktferne ist dabei kein Widerspruch. Im Gegenteil: Gerade diese Kunst lässt sich heute ästhetisch, moralisch und ökonomisch zugleich plausibel machen.

Lorna Simpson in der Punta della Dogana

Die große, von der Direktorin der Pinault Collection, Emma Lavigne, klug kuratierte Schau in der ehemaligen Zollstation Punta della Dogana ist Lorna Simpson gewidmet. Die amerikanische Fotografin und Collagekünstlerin war 2015 in der Biennale-Schau von Okwui Enwezor prominent vertreten; in Venedig ist nun erstmals in Europa in diesem Umfang ihre malerische Arbeit zu sehen: „Third Person“ wurde mit dem Metropolitan Museum of Art in New York entwickelt, wo 2025 bereits eine erste Fassung gezeigt wurde.

Lorna Simpson: „Then & Now“, 2016, „Three Figures“, 2014, „Black Nebula“, 2016„, Black Totem“, 2025

Simpson, 1960 in New York geboren, sammelt fotografische Fundstücke aus Magazinen wie „Ebony“ und „Jet“, um Fragmente afroamerikanischer Zeitgeschichte zu bewahren. Ihre Großformate – übermalte Siebdrucke auf Leinwand – wirken wie Palimpseste: mehrfach geschichtet, verschoben, instabil. Schriftfetzen tauchen auf, Schatten von Gesichtern verschwinden wieder. Mit vertikalen und horizontalen Schnitten zitiert Simpson die „Zips“ von Barnett Newman; zugleich lassen sich Bezüge zu Kara Walker oder Kerry James Marshall erkennen.

„Three Figures“ von 2014 besteht aus zwölf Tafeln und basiert auf einem Pressefoto aus dem Jahr 1963, das rassistische Gewalt während einer Bürgerrechtsdemonstration zeigt. Drei Personen halten sich verzweifelt an den Händen, während sie dem Wasserstrahl eines Feuerwehrschlauchs ausgesetzt sind. Als Betrachter fühlt man sich fast selbst ausgeliefert, wenn das Bild vor den Augen in Tintenströmen zu verlaufen scheint.

In andere Gemälde zieht einen das tiefe Ultramarinblau der Tusche – luxuriös wie Lapislazuli, zugleich politisch aufgeladen. „Blau ist in allen Kulturen präsent und besitzt eine schmerzliche, zugleich erstaunliche Anziehungskraft. Kulturell ist da natürlich der Blues, das Blue-Black“, hat Simpson ihre Farbwahl einmal mit der Identitätserfahrung schwarzer Haut und schwarzer Geschichte erklärt, „insbesondere im Zusammenhang mit der Blue-Black Culture.“

Lorna Simpson: Installation „Vibrating Cycles“, 2026, vor Gemälde „Night Fall“, 2023

In den rostroten Backsteinsälen der Punta della Dogana werden Simpsons Bilder beinahe sakral. Vor manchen stehen Klangschalen aus Obsidianglas, die die Besucher selbst zum Schwingen bringen dürfen. Die politischen Botschaften geraten in diesem Raumerlebnis zu subtilen Untertönen.

Aber genau dieses Zusammenspiel aus Schönheit, handwerklicher Finesse und inhaltlichem Anspruch hat Simpson zu einer Künstlerin gemacht, die auch am Markt Erfolg hat. Sie wird von der Megagalerie Hauser & Wirth vertreten; in Venedig stammen viele Arbeiten aus bedeutenden Privatsammlungen und Institutionen, darunter das Met.

Michael Armitage im Palazzo Grassi

Im Palazzo Grassi ist parallel die Schau „The Promise of Change“ des britisch-kenianischen Malers Michael Armitage zu sehen. Mehr als 150 Bilder aus zehn Jahren füllen das Haus. Armitage, 1984 in Nairobi geboren, malt auf Lubugo, einem traditionell hergestellten Stoff aus Rindenbast, dessen Risse und Unebenheiten er in die Komposition einarbeitet. Seine Gemälde sind von opulenter, überaus verführerischer Farbigkeit; sie lassen an El Greco und Gauguin, an Maria Lassnig und Peter Doig denken.

Blick in den Palazzo Grassi mit der Ausstellung von Michael ArmitageMichael Armitage: „Holding Cell“, 2021, „Europa“, 2025

Armitages Sujets scheinen im Gegensatz zur visuellen Brillanz der Gemälde zu stehen. „Nyali Beach Boys“ erzählt vom Sextourismus in Mombasa. „The Promised Land“ ist nach den Unruhen um die Präsidentschaftswahl in Kenia 2017 entstanden. Serien wie „Raft“ mit verunglückten Booten und das bestürzende Gemälde „Don’t Worry There Will Be More“ mit zwei nackten Männern, die einen dritten, womöglich gestorbenen Mann aus dem Meer tragen, erzählen von der afrikanischen Flüchtlingskrise. Schrecken und Schönheit überlagern sich auch hier.

„Die Antwort auf Hässlichkeit ist Schönheit“, schreibt Salman Rushdie im Katalog. „Die Antwort auf Macht ist Schönheit. Die Antwort auf Tragik ist Schönheit.“ Beim Gespräch in Venedig sagte Michael Armitage: „Schönheit ist subjektiv. Mich interessiert mehr das Sehen selbst. Daher schaffe ich Bilder, die, gemessen an meinen Themen, eine eigene visuelle Anziehungskraft entfalten.“ Manchmal, so scheint es, geraten die Bilder gefälliger, als es diese Themen erlauben. Aber Ambivalenz ist ihre Stärke. Armitage wird von David Zwirner (New York) und White Cube (London) vertreten; Leihgaben kommen vom MoMA, aus der Tate und der Fondation Beyeler.

Amar Kanwar und Paulo Nazareth

Die kleinere Ausstellung im Palazzo Grassi gilt Amar Kanwar. Der indische Filmemacher zeigt seine Installation „The Peacock’s Graveyard“, die von der Pinault Collection angekauft wurde. Seine poetische Bildsprache lenkt nur auf den ersten Blick davon ab, wie hart seine Inhalte sind: von der Chemiekatastrophe in Bhopal bis zum Bürgerkrieg in Myanmar. Kanwar wird von der New Yorker Marian Goodman Gallery vertreten; die Serpentine Galleries in London planen für den Herbst eine große Ausstellung.

Amar Kanwar, „The Torn First Pages“, 2004-2008Paulo Nazareth, ohne Titel, aus der Serie „Notícias de América“, 2011

Bleibt Paulo Nazareth, der im Obergeschoss der Punta della Dogana ausstellt. Der Brasilianer (geboren 1977) macht seine Anliegen demonstrativ sichtbar: Zugehörigkeit, kulturelle Aneignung, Dekolonisierung. Vor der Kamera posiert er mit einem Schild, auf dem zu lesen ist: „Zu verkaufen: Mein Bild als exotischer Mann“. Den Kapitalismus kritisiert er mit einem Ring aus Markenturnschuhen. Nach Venedig will er zu Fuß laufen.

In der Schau „Algebra“ zieht sich eine Linie aus Meersalz durch die Räume und zeichnet die Form eines Schiffs nach, das Sklaven von Afrika nach Südamerika brachte. Das Museumspersonal darf die Kristalle dann wieder ordentlich zusammenfegen. Auch Nazareth ist im Kunstmarkt angekommen; repräsentiert wird er von der Galerie Mendes Wood (São Paulo, Brüssel, New York). In der Pinault-Sammlung ist er mit mehreren Werken gut vertreten.

So gesehen zeigen die Ausstellungen zum Biennale-Auftakt nicht nur vier starke Positionen. Sie machen deutlich, wie eng sich heute moralischer Anspruch, institutioneller Geschmack und Marktgängigkeit verschränken.

„Michael Armitage. The Promise of Change“ und „Amar Kanwar. Co-travellers“, bis 10. Januar 2027, Palazzo Grassi; „Lorna Simpson. Third Person“ und „Paulo Nazareth. Algebra“, bis 22. November 2026, Punta della Dogana, Pinault Collection, Venedig

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