Der Mensch liebt Zucker. So versessen ist er auf Glukose und Fruktose, dass ihm alles Süße als Metapher für die Liebe dient. Salz steht für Tränen und die Trauer, Bitteres und Saures stehen für alltägliche Tragödien aller Art. Woraus der Zucker seine Poesie bezieht, wer weiß das schon. Manche erklären es zu einer hormonellen Angelegenheit der Hirnchemie, andere mit dem Wohlbefinden, das sich durch die Energiezufuhr kohlenhydrathaltiger Nahrung einstellt – solange man dabei Maß hält.

Für die Archies, eine amerikanische Cartoonband aus den späten 60er-Jahren, war die Sache einfach. „Sugar Sugar“ hieß ihr größter Hit. „Sugar, ah honey honey, you are my candy girl“, warb die Stimme hinter den Trickfilmmusikanten, ein Sänger namens Ron Dante, um sein Zuckermädchen. Schon mit dem allerersten Kuss, sang er, wusste er, wie süß Küsse schmecken können. Wie die Sommersonne kam die Süße über ihn. Der berühmte Song ergeht sich in einer Aufzählung der üblichen Kosenamen, die der Geschmack der Liebe für die Popsprache bereithält: Sugar, Honey, Candy. Kalorien für die ganz großen Gefühle. Wie ein Süchtiger steigert der Sänger sich in seinen Rausch hinein.

Dass Zucker exakt wirkt wie eine Droge, weiß man aus Laborversuchen: Ratten werden süchtig nach Glukose. Menschen werden dick und krank durch zu viele Kohlenhydrate. Süßes stört den Insulinhaushalt, führt zu Gefäßschäden und fördert, woran heute fieberhaft geforscht wird, wohl auch Krebs. Ob naschende Kinder nun hyperaktiv sind oder einfach zu viel Energie haben, ist dem Zucker so gleichgültig wie Karies.

Seit zehn Jahren empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation den Staaten, zuckerhaltige Nahrungsmittel zu besteuern. Finnland, Frankreich, Mexiko und Ungarn sind dem Rat bereits gefolgt. Deutschland steht, wenn man Nina Warken, der Gesundheitsministerin, glauben darf, nur noch wenige Schritte vor einem Gesetzentwurf.

Auch als Metapher hat der Zucker seine dunklen Seiten. In „Brown Sugar“ von den Rolling Stones geht es um die allgegenwärtige Verfügbarkeit und die besondere Süße schwarzer Frauen, weshalb die Band sich dem Zeitgeist beugt und entschieden hat, den Song nicht mehr zu spielen. Ebenfalls auf dem Index steht eine Version von „Sugar Sugar“ von einer Band namens Sakkarin. Jonathan King, ihr Sänger, saß wegen des sexuellen Missbrauchs zweier Kinder sieben Jahre im Gefängnis.

Popsongs sind nie sicher, ihrerseits missbraucht zu werden, in ihrer für alles offenen Poesie. „Oh sugar, pour a little sugar on it honey / Pour a little sugar on it baby / I’m gonna make your life so sweet, yeah yeah yeah!“, heißt es in „Sugar Sugar“. Honey, streu ein wenig Zucker drauf, Baby, ich werde dir dein Leben so versüßen. Yeah, yeah, yeah!

So ändern sich die Zeiten: Unschuldige Liebe hört sich heute anders an. Zucker ist ungesund. Eine deutsche Regierungskommission, ein Gremium, um die Zuckersteuer einzuführen, gibt es schon gegen das süße Leben.

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