Der erste Blick in den Raum ist ungewohnt: Es ist erstaunlich viel Weiß im Publikum für einen ersten Mai in Berlin. Ist man doch auf einem Vortrag, anstatt auf dem Konzert der von der Kritik meistgefeierten Popsängerin unserer Zeit gelandet? Frauen und Männer tragen weiße Schleier auf den Köpfen, bei manchen erinnern sie an Bräute, bei anderen an alte Damen auf sizilianischen Kirchenbänken. Einige haben sich einen Strahlenkranz in die Haare gesteckt oder tragen eine Kreuzkette um den Hals. „Lux“, Latein für Licht, heißen das vierte Album und die Tour der spanischen Sängerin Rosalía, die sich zu Werbezwecken zwischenzeitlich einen Heiligenschein in die dunklen Haare gefärbt hatte. Näher an Gott wollte sie mit ihrem Album kommen.

Zweieinhalb Jahre hat sie dafür gebraucht und ein Jahr davon nur an den Liedtexten geschrieben, wie sie in einem Interview erzählte. Das Album erreichte die Journalisten dann mit der Empfehlung, es im Dunkeln zu hören, um sich ganz auf die Texte zu konzentrieren. Bescheiden ist Rosalía nicht, zumindest darin ist sie sicher Pop, auch wenn viel darüber debattiert wird, ob ihre Musik dieses Label verdient. Rosalía wurde mit einer Fusion aus Pop und Flamenco weltberühmt, den sie noch klassisch am Musikkonservatorium in Barcelona gelernt hatte. Mit dem Album „Motomami“ folgten dann karibische Sounds und Reggaeton-Rhythmen.

Rosalía kam mit dieser Mischung aus Klängen und Kulturen zu einer Zeit auf die Weltbühne, als man sich über vermeintliche kulturelle Aneignung noch deutlich lauter empörte als heute. Selbst für ihren Flamenco-Gesang wurde sie kritisiert, schließlich – so die simple Logik – sei Rosalía Katalanin und Flamenco habe seine Ursprünge in Andalusien. Als sie in Frankreich mal gefragt wurde, wie sie dazu komme, sich bei ihrer Musik ungefragt bei anderen Kulturen zu bedienen, antwortete sie schlicht: „Porque me gusta mucho“. Weil es mir gefällt.

Auf „Lux“ vereint sie nun dreizehn Sprachen, darunter Ukrainisch, Deutsch, Latein, Hebräisch und Italienisch. Als Inspiration für die Texte hätten ihr Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen gedient, gleichzeitig habe sie viel weibliche Literatur gelesen, überhaupt sei es ihr, so sagte sie im Interview, bei dem Album in erster Linie um die Texte gegangen. Alles keine einfachen Voraussetzungen für ein Popkonzert.

Wohl auch um den Texten eine Chance zu geben – den Mittelpunkt können und sollten sie bei einem solchen Event gar nicht stellen – ist das Bühnenbild reduziert. Als sich die Bühnentore öffnen, die an die Rückseite einer Gemälde-Leinwand erinnern, sind zunächst nur eine mit Laken bedeckte Kiste und zwei Treppen zu sehen. Als die Kiste wie ein Kunstwerk im Museum geöffnet wird, steht Rosalía im Ballett-Tutu da, wie die Tänzerin auf einer Spieluhr. In der Mitte des Raumes beginnen die Streicher des Orchesters zu spielen, des London Symphony Orchestra, um genau zu sein. Günstig dürfte diese Tour für die Veranstalter nicht ausfallen.

Die Sängerin eröffnet das Konzert wie schon das Album mit den Liedern „Sexo, Violencia y Llantas“ und „Reliquia“, die sie überwiegend auf Spanisch und teils auf Katalanisch und Englisch singt. Dazu gibt es in großen Buchstaben die Übersetzung: „Wie schön es wäre, zwischen beidem zu leben. Zuerst liebe ich die Welt und dann liebe ich Gott.“ Die Bühne hat die Form eines Kruzifixes.

Sprache war bei Berichten über Rosalía von Anfang an Thema. Nur war es da noch umgekehrt: nicht die Variation, sondern das Beharren auf der Muttersprache trotz Weltruhms, bestimmte die Debatten. Lange bevor Bad Bunny mit seinem puerto-ricanischen Slang die Halbzeit-Show des Super Bowl aufwirbelte, machte Rosalía Spanisch zur neuen Popsprache, die in Kinderzimmern weltweit nachgesungen wurde – auch jetzt in der Berliner Uber-Arena.

„Lux“, das Licht, im Hintergrund: Rosalía bei der Arbeit

Bei alldem weiß man gar nicht, wohin man gucken soll. Auf die Künstlerin, die sich auf den Spitzen ihrer Ballettschuhe von links nach rechts neigt und ihre Stimme kraftvoll und gleichzeitig sanft in Opern-Höhen schraubt? Auf die über der Bühne laufenden Übersetzungen: „Ich bin deine Reliquie“, „Ich bin das Nichts“, „Ich bin das Licht der Welt“? Oder zu der sich wiegenden Dirigentin in der Mitte des Raums? Hatte Rosalía nicht mal behauptet, sie wolle weg von der gesamtgesellschaftlichen Dopamin-Sucht – hin zu einer Kulturerfahrung, die Konzentration erfordert?

Alle warten auf „Berghain“

Irgendwie schafft sie dann beides. So wie es ihr gelingt, aus Streichorchester, flackernden Bässen, sanfter Operette und hin und wieder Flamenco-Gesang eine neuartige Harmonie zu weben. Nur um diese dann plötzlich mit einer sehr klassischen Interpretation von Didos „Thank You“ zu brechen und die gerade auf höhere Sphären gehobenen Zuschauer wieder sanft auf den Boden zu geleiten.

Der Großteil der Symbolik des Abends kommt aus der christlichen Mythologie, auch wenn sich die Sängerin, wie sie selbst sagt, von Mystikerinnen verschiedener Kulturen hat inspirieren lassen. Bei aller Avantgarde, dem Klang- und Sprachmix, spricht sie dann recht konservativ, wenn sie über Gott redet. Von ihm nämlich, dem einen großen Gott, nicht, wie heute im Neusprech gerne verwendet, von Energien oder dem Universum. Doch sie performt das Traditionelle mit einer leidenschaftlichen Selbstverständlichkeit, die es wieder neu scheinen lässt.

Vom Ballett-Kostüm wechselt Rosalía dann in eine weiße Nonnenrobe und singt „Mein Christus weint Diamanten“ auf Italienisch. Die Sängerin bleibt auch in den Kostümwechseln minimalistisch. Sie verwandelt sich von weiß gekleideter Heiliger, die plötzlich rote lange Handschuhe trägt, als hätte sie die Hände in Blut getaucht, in ein Korsett und Kopffedern tragenden weiblichen Mephisto.

Ein bisschen Mephisto geht auch: Rosalía, hier in Paris

In dem Mephisto-Outfit performt Rosalía dann auch den Song, auf den in Berlin alle warten. „Berghain“ soll zwar von Hildegard von Bingen und nicht vom gleichnamigen Berliner Club inspiriert worden sein, hat im abschließenden Techno-Remix aber eher weniger mit der berühmten Mystikerin zu tun. Auf Deutsch singt sie zum Streichquartett: „Die Flamme dringt in mein Gehirn ein, wie ein Blei-Teddybär“; und: „Seine Angst ist meine Angst, seine Wut ist meine Wut. Seine Liebe ist meine Liebe. Sein Blut ist mein Blut.“ Das Lied hat sie zusammen mit Sängerin Björk aufgenommen, ihrer „Lieblingsfrau“, wie sie selbst sagt, und wohl die Künstlerin, mit der Rosalía als neue Anführerin der Pop-Avantgarde am häufigsten verglichen wurde.

Am Ende steht die Spanierin im Stroboskoplicht, während über ihr ein großer Klotz schwenkt und Rauchschwaden verteilt, wie ein übergroßes Weihrauchfass. Jetzt wieder in weißer Unterwäsche steht sie barfuß da, mit flatterndem Gewand an den Armen inszeniert sie sich als gefallenen Engel. Es regnet Federn. Ohnehin rieselt an diesem Abend viel auf die Bühne, in weißem Gegenlicht sieht man Partikel tanzen. Dann streckt die Sängerin die Arme aus, die Flügel sind nun deutlich zu erkennen, und lässt sich nach hinten von der Bühne fallen.

Es wäre ein guter Abschluss gewesen, doch kann es bei diesem Album kein Ende ohne Auferstehung geben. Rosalía kehrt zurück auf die Bühne und singt auf Spanisch „Magnolias“. Darin sinniert sie feierlich über ihre eigene Beerdigung und ihre Rückkehr zu den Sternen.

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