Erinnern Sie sich an Larry Vaughn? Selbst, wenn es jetzt nicht klingelt, vermutlich kennen Sie ihn doch: Vaughn, dargestellt von Murray Hamilton, versieht in „Der weiße Hai“ das Bürgermeisteramt. Zum Wohle der Tourismusindustrie von Amity Island jagt er nichtsahnende Badegäste ins haiverseuchte Wasser. Und so klein seine Rolle im „Weißen Hai“ auch sein mag, für die Deutung des Spielberg-Klassikers spielt er bis heute eine große Rolle: Der Film, so lässt sich nachlesen, habe in den Siebzigerjahren auch deshalb einen Nerv getroffen, weil er in Zeiten der Verunsicherung (Vietnamkrieg, Watergate, Ölkrise) einen Politiker gezeigt habe, der die Gefahr lieber leugne, statt sich ihr zu stellen.

Fünfzig Jahre später ist aus Amity Island Widow’s Bay geworden, eine fiktive Insel, die an derselben amerikanischen Ostküste liegt und mit Tom Loftis, gespielt von Matthew Rhys, einen auf den ersten Blick ähnlich veranlagten Bürgermeister hat. Loftis will das verschlafene Inselchen allerdings erst in ein Amity Island verwandeln. In „Widow’s Bay“, so heißt Katie Dippolds und Hiro Murais zehnteilige Apple-Serie, ist Widow’s Bay kein gefundenes Fressen für böse Kapitalisten, sondern eher ein zum Scheitern verurteiltes Gentrifizierungsprojekt. Und Loftis – liberal, alleinerziehend, Typ nervöser Städter – hat mit den hartleibigen Insulanern quasi die gesamte Landbevölkerung gegen sich.

Was den Fortschritt angeht, entpuppt sich Widow’s Bay nicht nur metaphorisch als Funkloch: Das einzige Restaurant vor Ort hat den Hang, aus fadenscheinigsten Gründen zu schließen; Loftis’ Sekretärin ist die Gestalt gewordene demografische Krise. Und als endlich die zwar hohlköpfige, aber verbündete Medienmacht erscheint, um Widow’s Bay zum touristischen Hotspot hochzuschreiben, hat die nächste alte Dame nichts Besseres zu tun, als den Reporter durch die armseligen Räume des Heimatmuseums zu führen, in denen nichts nach Hotspot, sondern alles nach Horror klingt.

Die trüben Wasser der Vergangenheit

Gentrifizierung, scheint’s, kann Geschichte nicht gebrauchen: Davon, dass so ein Meer eher Leichentuch als Planschbecken ist, will Loftis nichts wissen, und auch von Butzemännern und Seehexen soll der angereiste Reporter nichts hören. Nebel ist Nebel und keine wabernde metaphysische Macht, Pestilenz keine Gottesstrafe und das Gerede vom Fluch, der auf der Insel liegt, nichts weiter als schlechtes Marketing. Dass Loftis irrt, ist offensichtlich, als der erste aus dem metaphysischen Nebel stolpernde Seemann mit den blicklos fahlen Augen rollt. Im „Weißen Hai“, Sie erinnern sich, musste das Grauen noch aus dem unverstandenen natürlichen Urgrund auftauchen, in „Widow’s Bay“ bietet die Menschheitsgeschichte allein Horror genug, was im Fall des unverbesserlichen Aufklärers Tom Loftis teils tatsächlich brüllend komisch ist.

In einer der schönsten Szenen der Serie muss er auf Matthew Rhys’ dünnen Beinen zum Anbaden höchstselbst ins trübe Wasser einer unverstandenen Vergangenheit waten und wird, nein, nicht von einem Hai verfolgt, sondern von einer fiesen Seehexe. In „Aberglauben“ steckt ja nicht umsonst das Wort „aber“, und „aber“ ist ein rebellisches Wort. In „Widow’s Bay“ aber dürfen es tatsächlich alle Seiten benutzen: Fortschrittsskeptiker und Fortschrittsgläubige und in einigen grotesken, doch immerhin überraschenden Wendungen sogar die untote Vergangenheit selbst. Man kann Schlechteres über eine Serie sagen, als dass sie einen noch nach halber Strecke verblüfft, und es gibt schlechtere Mittel, gegen eine krisenhafte Gegenwart anzuerzählen, als jenen Galgenhumor, der „Widow’s Bay“ über weite Strecken trägt. Dass sich Horror und Komik verbünden, könnte in Zeiten wie diesen glatt eine Notwehrreaktion sein; Spielberg hatte das anno ’75 abgesehen von ein paar coolen Sprüchen nicht nötig.

Apropos Notwehr: Am Ende ist es schreiend ungerecht, Matthew Rhys’ Tom Loftis mit Larry Vaughn aus dem „Weißen Hai“ zu vergleichen. Vaughn hat schließlich noch eine funktionierende Staatsmacht hinter sich, er steht für eine zwar moralisch fragwürdige, aber tatsächlich mit vielerlei Mitteln ausgestattete Politik. Tom Loftis wiederum hat wenig mehr als eine obendrein bedenkliche Absicht zu bieten, keine Mittel und so ziemlich alle Umstände gegen sich: Er kämpft gegen alte Flüche und neue Stromausfälle und ist buchstäblich der Witwer des Traums von einer besseren Zukunft. Larry Vaughn konnte noch in aller Ruhe Machtmensch sein. „Widow’s Bay“ hingegen porträtiert den Politiker schon als armes Schwein. Nicht jede Vergangenheit, schließen wir, ist Horror gewesen. Amity Island, das bloß vom Weißen Hai heimgesucht wurde, hatte es eigentlich gut.

„Widow’s Bay“ ist auf AppleTV+ zu sehen. Die letzte der insgesamt zehn Folgen erscheint am 17. Juni.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.