Gelassenheit ist das Wort des Tages, als am Abend des 1. Mai das Berliner Theatertreffen eröffnet wird. 17 Tage lang werden bei dem renommierten Festival die zehn bemerkenswertesten Theaterinszenierungen des Vorjahres gezeigt, ausgewählt von einer Kritikerjury. Dazu kommen Publikumsgespräche, ein neu aufgelegtes Debattenprogramm und eine ebenfalls neu initiierte Reihe zu zeitgenössischer Dramatik. 17 Tage, um sich in Gelassenheit zu üben? Das ist jedenfalls die Empfehlung von Matthias Pees als Gegenmittel zu aufgeheizten und aufgepeitschten Kulturkämpfen. In seiner Eröffnungsrede trifft der Intendant der Berliner Festspiele den richtigen Ton.
Bis kurz vor der Eröffnung fragten sich viele Theatermacher und Kritiker, wer überhaupt dieses Jahr die Reden halten würde. Pees für die Berliner Festspiele war ebenso gesetzt wie Nora Hertlein-Hull als Leiterin des Theatertreffens. Vergangenes Jahr trat Claudia Roth als Kulturstaatsministerin auf und beglückte das Publikum mit einer ihrer üblichen, viel zu dick aufgetragenen Reden über Kunst als „Sound der Demokratie“. Während Roth auch am Freitag im Publikum zu sehen war, glänzte ihr Nachfolger Wolfram Weimer durch Abwesenheit. Wollte er sich nach der „Buchhandlungspreisaffäre“ das Risiko ersparen, ähnlich unfreundlich empfangen zu werden wie kürzlich bei der Leipziger Buchmesse?
Über Umwege wird der Eklat um den Buchhandlungspreis aber doch angesprochen: Hertlein-Hull warnt vor der politischen Einflussnahme auf die Arbeit unabhängiger Jurys, womit sicherlich nicht nur die des Theatertreffens gemeint ist. Dass es allerdings beim Theatertreffen vergleichsweise ruhig zugeht, zeigt auch die Tatsache, dass Pees seinen Appell für Gelassenheit mit einem anderen Eklat beginnen lässt, nämlich der Debatte um die Berlinale und deren Leiterin Tricia Tuttle. Als Ärgernisse des Jahres nennt Pees unter anderem die Absetzung eines Stücks über Missbrauch in der katholischen Kirche in Osnabrück, die Proteste gegen ein Stück über den Weihnachtsmarktanschlag in Magdeburg oder die von der AfD geforderte „patriotische Wende“ in der Kulturpolitik.
„Geben Sie Gelassenheit!“
Pees vermeidet die schrille Tonlage von Claudia-Roth-Reden, er umschifft geschickt die üblichen Beschwörungsformeln und rhetorischen Gemeinplätze. Kulturaktivistischer Übermut tut selten gut, warnt er und fragt zugleich, wo eigentlich heute die konservative Kulturpolitik sei, wenn man sie dringend braucht. Dem versammelten Theaterbetrieb empfiehlt Pees ein paar Lektionen in Antihybris oder Sophrosyne, wie es in der Antike hieß. Also Besonnenheit, Mäßigung, Selbstbeherrschung, gesunder Menschenverstand. „Geben Sie Gelassenheit!“, ruft Pees. Feiern die „stoischen Gangarten“, wie das neueste Buch von Helmut Lethen heißt, in Zeiten erhöhter Erregbarkeit ein großes Comeback? Es ist zumindest ein kluger Rat, sich trotz allem erst einmal nicht kirre machen zu lassen.
Antihybris: Eröffnungsredner Matthias PeesDass an diesem Abend das übliche wechselseitige Bespiegeln von Theaterbetrieb und Kulturpolitik in den Eröffnungsreden ausfällt, liegt nicht nur an Weimers Abwesenheit, sondern auch an der Lücke, die in der Berliner Kulturpolitik seit dem Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson nach der „Fördergeldaffäre“ besteht. CDU-Finanzsenator Stefan Evers hat zwar die Kulturverwaltung bis zur Wahl im September übernommen, Kunst und Kultur sind ihm jedoch bekanntlich keine Herzensangelegenheit. So war auch Evers am Freitag nicht zu sehen. Muss man das als Indiz nehmen, dass das Theater von der Kulturpolitik vernachlässigt wird? Ein Symptom des gerade wieder diskutierten Bedeutungsverlusts des Theaters? Oder sollte man auch hier zuallererst Gelassenheit walten lassen?
Die eigene Gelassenheitskompetenz kann man nach den Reden von Pees und Hertlein-Hull direkt mit der Eröffnungsinszenierung überprüfen. Über dreieinhalb zähe Stunden folgt man in Pınar Karabuluts „Il Gattopardo“ einer sizilianischen Adelsfamilie, die sich mit neuen Zeitumständen arrangieren muss. Der Kampf zwischen Adel und Bürgertum ist entschieden, die alte Ordnung stirbt, die Republik kommt. Nur wer sich anzupassen versteht, wird in der neuen Ordnung bestehen. So lautet das berühmteste Zitat des Romans von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, den Luchino Visconti weltberühmt verfilmt hat: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern.“
Für Begeisterung sorgt vor allem das Bühnenbild von Michaela Flück. Der riesige Palazzo, an dem sich die Grandezza vergangener Tage mit dem hinter Gerüsten verborgenen Renovierungsbedarf von heute mischt, darf vorab und in der Pause von den Zuschauern erkundet werden, die sich die Gelegenheit für ein paar Selfies in der opulenten Kulisse nicht entgehen lassen. Auch bei den barocken Kostümen von Sara Valentina Giancane will man offenbar konkurrenzfähig mit der Netflix-Verfilmung vom vorigen Jahr sein und hat die Theaterwerkstätten des Zürcher Schauspielhauses wie bei der Bühne zu Höchstleistungen angespornt: Ausstattungstheater at its best.
Karabulut verzichtet darauf, die Handlung aus den 1860er-Jahren ins Heute zu holen, sondern bleibt streng im Genre des Historienstücks. Das neunköpfige Ensemble zeigt den Text wie ein weiteres historisches Kostüm vor, vom im Programmheft großspurig angekündigten „emotionalen Realismus“ kommt wenig an. Auch einige feministische Eingriffe gibt es: Die Frauenfiguren haben mehr Text abbekommen, werden dadurch aber auch nicht plastischer. Ein paar Priesterwitze und eine im Vergleich zu Visconti wenig rauschhafte Ballszene später dankt der alte Padrone endlich ab und wankt noch einmal durch die Gemächer. Man sieht es, man denkt nichts dabei – ist es schon Gelassenheit?
In den kommenden zwei Wochen stehen beim Theatertreffen unter anderem „Mephisto“ und eine siebenstündige „Wallenstein“-Bearbeitung – beides Münchner Kammerspiele – auf dem Spielplan. Der Regisseur Sebastian Hartmann ist mit „Der Hauptmann von Köpenick“ aus Cottbus und dem fünfstündigen Houellebecq-Solo „Serotonin“ aus Potsdam gleich doppelt vertreten. Florentina Holzingers „A Year Without Summer“ kann hingegen erst im Oktober gezeigt werden, weil die Österreicherin zurzeit bei der Biennale in Venedig ist. Und für alle, die nicht in Berlin sind oder keine Tickets mehr bekommen haben, überträgt 3sat auch dieses Jahr ausgewählte Inszenierungen ins Fernsehen.
Das Berliner Theatertreffen läuft bis zum 17. Mai. 3sat zeigt ausgewählte Inszenierungen. Der Autor ist Mitglied der Jury für das Theatertreffen 2027.
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