Wie und wo ein Wal endet, lässt sich schwer voraussagen. Es ist kaum damit zu rechnen, ihm in der ungarischen Provinz zu begegnen, 700 Kilometer entfernt vom Meer. Dem zwölfjährigen László Krasznahorkai muss es zu finsteren Janoś-Kadar-Zeiten im Süden der Theißebene so ergangen sein: Eine Schaustellertruppe logiert auf dem Markt, keiner weiß, wo sie herkommt, wo sie hinwill, aber sie hat eine Attraktion zu bieten, die die Welt noch nicht gesehen hat: einen ausgestopften Wal. Die von Sensationen wenig verwöhnten Leute stehen Schlange.

Mysteriöse Ereignisse nehmen ihren Lauf und lassen die Provinz in den Abgrund taumeln. Ist mit dem Wal der Antichrist erschienen, naht das Ende der Welt? Das ist in etwa der Plot von Krasznahorkais zweitem, nach „Satanstango“ (1989) erschienenen Roman „Melancholie des Widerstands“ (1992), die er beide mit seinem Freund Béla Tarr verfilmen wird.

„Werckmeister Harmonies“ – so der Filmtitel, unter dem „Melancholie des Widerstands“ 2000 ins Kino kommt – ist eines der großen finsteren Epen der Filmgeschichte, lesbar als Parabel auf den real existierenden Sozialismus oder die schlichte Bösartigkeit des Menschen, eine postmoderne Apokalypse voller Galgenhumor. Die düsteren Visionen des Duos Tarr/Krasznahorkai feiern ihren letzten Höhepunkt 2012 mit dem „Turiner Pferd“. Der Film greift das Schicksal des von seinem Besitzer unnachgiebig gepeinigten Gauls auf, den der Philosoph Friedrich Nietzsche bei seinem Zusammenbruch im Januar 1889 in Turin in einem Anfall von Mitgefühl mit der Kreatur umarmt haben soll.

Das „Turiner Pferd“ ist ein Mysterium wie der ausgestopfte Wal im Schaustellerwagen, beide gehen nicht in den gewohnten Ordnungen auf, vielleicht ist genau das die „Melancholie des Widerstands“, welche sie mit ihrer Verstörung provozieren. Vielleicht hat der Wal, den er als Kind geschaut hat, Krasznahorkai wenn nicht zum Schreiben, so doch zum Zweifel an allen Gewissheiten getrieben – und auf eine Reise um die Welt geschickt.

In den 1980er Jahren trifft er Thomas Bernhard in Österreich und besucht das Literarische Colloquium Berlin. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bricht er mit der Transsibirischen Eisenbahn auf, um in der Mongolei von seltsamen Stammesverwandten beherbergt zu werden („Der Gefangene von Urga“, 1993). Er lässt einen verwirrten, vom Frieden in der Geschichte fabulierenden ungarischen Provinzbibliothekar traumartig den Bandenkrieg in der New Yorker Bronx überleben, um am Rheinfall bei Schaffhausen in einer Skulptur des Künstlers Mario Merz zu verschwinden („Krieg und Krieg“, 1999). Er besucht Japan und schreibt eine der schönsten von den Gärten Kyotos inspirierten Zenparabeln („Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss“, 2005).

Heute Nobelpreisträger: Schriftsteller László Krasznahorkai

Trotz aller Hoffnungslosigkeit, von der auch seine Nobelpreisrede spricht, siegt wie im Märchen das Gute. Kein Wunder, wenn ein als Kind erblickter toter Wal einen durch den Tunnel der Melancholie lotsen kann.

Es scheint nur folgerichtig, dass man sich über den Aufenthaltsort des Autors Krasznahorkai nie ganz im Klaren ist – Klappentexte verorten ihn wechselweise in Budapest, Berlin, Triest. Während seine Figuren pausenlos reden, bilden Tiere eine stumme Zeugenschaft des Unheils, etwa ein Hund, der in „Die Welt voran“ (2016) seinem überfahrenen Gefährten nachtrauert, der letzte Wolf Estremaduras im selben Buch. Oder in „Herscht 07769“ (2023) ein Adler, der den Bach psalmodierenden Racheengel eskortiert.

Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.