Es gab einen Punkt, an dem Giwar Hajabi einen konventionellen Weg hätte einschlagen können. Er wollte es sogar. Hajabi bewarb sich für einen Verwaltungsjob bei der Bundeswehr. Doch er wurde abgelehnt, weil er angeblich zu schlecht hörte. Es war ein PC-Job, muss man da gut hören?

Dann wurde Giwar Hajabi zu Xatar, dem Gangsterrapper, der diese Anekdote mit Wut im Bauch auf einer Pressekonferenz erzählt. Aber: Kann man ihm diese Geschichte überhaupt glauben? Zu viele Dinge sind in seinem Leben passiert, die sich nicht mal die größten Fantasten auszudenken gewagt hätten. Die wahnsinnigste Geschichte ist den meisten bekannt: Xatar raubte einen Goldtransporter aus. Das ist sogar verbrieft – bis heute ist nicht bekannt, wo das Gold ist. Alles andere ist dann wieder sagenumwoben: Xatar flüchtete nach Russland, wo er kurz mit dem Geheimdienst anbandelte, der ihn in den Irak schmuggelte, wo er im Foltergefängnis landete. Den Zellennachbarn wurden angeblich Arme und Beine abgetrennt. Xatar hingegen wurde unversehrt nach Deutschland abgeschoben, wo er danach zu einem der größten Rapper Deutschlands wurde. Die dreiteilige ARD-Dokumentation „Xatar – Ein Leben ist nicht genug“ rollt das kurze verrückte Leben Xatars noch einmal auf – er starb im Mai 2025 mit nur 43 Jahren, vermutlich nach einem Schlaganfall.

Nach der Abschiebung nach Deutschland saß Xatar mehrere Jahre in der JVA Stuttgart-Stammheim ein. Dort beschaffte er sich ein Handy, um einen Kumpel anzurufen, der ihm Beats vorspielte, auf die Xatar dann rappte. So hat es Xatar jedenfalls hinterher erzählt. Das so entstandene Album „415“ – seine Insassennummer – sprang sofort auf die oberen Ränge der deutschen Charts. Bald darauf endete auch Xatars Zeit in Haft.

Gar nichts oder ganz oben: Xatar (1981 bis 2025)

Zumindest physisch. Innerlich war er da bereits Gefangener seiner eigenen Legende. Wer so verrückte Sachen erlebte wie Xatar und von Kids verehrt wird, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Xatar war im Rap-Olymp – und da wollte er auch bleiben. Sein Song „Ich liebe es“ mit Capital Bra erreichte 2018 auf YouTube knapp 50 Millionen Klicks.

„Mein Ziel war immer, dass meine Kinder auch Biologen werden können, weil sie kein Geld machen müssen“, sagte Xatar kurz vor seinem Tod den Dokumentarfilmern. „Und so ist aus dem Kampf nach oben ein Krieg geworden, dort zu bleiben.“ Dieser „Krieg“ brachte ihn dann vermutlich um. Einige Jahre vor seinem Tod hatte Xatar schon mal einen Schlaganfall. Die Hinterbliebenen schieben es auf den Stress, das Rauchen, den Codein-Drink Lean, die vielen Schulden – es ist ja auch ein gewaltiger Cocktail.

Aber so wollte es Xatar eben. „Alles oder nix“ – so hieß das erste Album von Xatar. Das Motto wiederholte er immer wieder: „Entweder ich bin gar nichts oder ich bin ganz oben“, rappte er 2018 zusammen mit SSIO, dem anderen Wunderkind aus Bonn. Aber Xatar – das arbeitet die ARD-Doku richtigerweise heraus – war in den entscheidenden Momenten auch sportlich fair. Er hatte nicht die Missgunst anderer großer Künstler, die jüngere Kollegen, die ihnen gefährlich werden könnten, wegbeißen. „Wir müssen die neue Generation Rap respektieren“, sagte Xatar einmal – und förderte Eno und Mero, die den Deutsch-Rap fortan melodischer klingen ließen – und somit noch größer machten. Xatar ließ sich derweil einen siebenstöckigen Tower mit Tonstudios bauen, der ihn finanziell ruinierte. Er hatte offenbar einen unauslöschlichen Hang zu übertreiben.

„Mir fehlt alles an ihm“, sagt Sami Abdel Hadi, Xatars bester Freund seit Kindheitstagen, bei der Filmpremiere in Berlin. Hadi fuhr Xatar zum Überfall des Goldtransporters und saß dafür mehrere Jahre im Gefängnis. Nun sitzt am Tisch wie ein Häufchen Elend. „Viele sagen mir, ich bin nicht mehr derselbe, seit er tot ist. Meine Frau meint, ich lache nicht mehr viel zu Hause. Früher habe ich viel gelacht.“ Hadi ist der heimliche Star der Dokumentation, weil seine bedingungslose Loyalität rührend ist. Selbst, als Xatar ihn nach der Gefängniszeit vorübergehend meidet, steht er weiter zu ihm. Auch, weil Hadi in der Gegenwart von Xatar Flügel wuchsen.

Sami Abdel Hadi, Spitzname „Samy“

„Er hat mir beigebracht, groß zu denken. Ich bin sonst eher realistisch und bodenständig. Ich will eigentlich nicht nach oben steigen, weil ich dann auch wieder tief fallen kann. Und das ist wieder viel Arbeit, nach oben zu kommen.“ Jetzt ist er wieder unten und hat Probleme, sich an den Zauber der Aufbruchsstimmung zu erinnern: „Seitdem er weg ist, bin ich so demotiviert. Er hat mich immer gepusht. Das fehlt mir.“ Aber Hadi rufe sich immer wieder Xatars Stimme in den Kopf, dann geht es weiter.

Nach der Dokumentation hat man den verlockenden Gedanken, dass Größenwahn ein Segen sein kann. Als Xatar und Hadi noch größenwahnsinnig waren, lachten sie viel. Mehr als andere, die sich an ihre braven Lebensentwürfe ketten.

„Xatar – Ein Leben ist nicht genug“ läuft am 5. Mai um 00:05 Uhr im Ersten. In der Mediathek ist die Doku jetzt schon abrufbar.

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