Hermann Göring ein Sympathieträger? Das ist das wirklich Monströse, mit dem „Nürnberg“, ein neuer Film über das epochale Kriegsverbrechertribunal, fertigwerden muss. Russell Crowe, der Gladiator, Mathematiker und Exorzist war, spielt den Gestapo-Gründer mit schläfriger Bedrohlichkeit. Hannah Arendts Formel von der Banalität des Bösen, mit der sie den Prozess um Adolf Eichmann verewigte – ihre schockierte Beobachtung, dass das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte eine Leistung blasser Bürokraten war –, gilt hier nur eingeschränkt. In Crowes Darstellung sprengt Görings Charisma jede noch so triste Zelle, deren Wände er anerkennend abklopft, „deutsche Wertarbeit“ würdigend.
Dem plumpen Äußeren zum Trotz ist er ein geistig feingliedriger Ästhet, dessen Herrenmenschenattitüde sich am liebsten humoristisch zeigt. Schon in der ersten Szene, wenn ein protziger Oldtimer sich an nach Hause stolpernden Konzentrationslagerüberlebenden vorbeihupt, bis er von US-Soldaten gestoppt wird, lässt Göring den Chauffeur mit einem weißen Tuch wedeln. Als wolle er nur unterstreichen, dass er weiß, dass sich der Wind gedreht hat. Sein erster Satz ist eine kühle Anweisung an die Feinde, sich um sein Gepäck zu kümmern.
Hier ist ein Mann, der sich im Griff hat. Nach einem Herzanfall im Gefängnis setzt er sich auf Diät und unterzieht sich einem kalten Entzug. Den üblen Aussichten zum Trotz hat er offenbar einiges vor. „Kein Mann hat mich je geschlagen“, erklärt er dem Psychiater, den man auf ihn angesetzt hat, um vor Beginn des Verfahrens besser zu verstehen, was ihn antreibt – und wie man ihn bekämpfen kann.
Gefährlich charismatisch: Russell Crowe als GöringDieser Psychiater, Douglas Kelley, gespielt von Rami Malek, wird zu seinem unwahrscheinlichen Antipoden. Er selbst ist vom Ehrgeiz besessen, Weltruhm zu erlangen. Die „22 Zellen in Nürnberg“, so der Titel seines späteren Buches, sollen ihm paradoxerweise die Türen öffnen. Eine tolle Gelegenheit, mit den Obernazis als Anschauungsmaterial eine „Psychologie des Bösen“ zu schreiben. Seine Ruhmsucht sei eher erbärmlich, lässt ihn sein Übersetzer wissen, selbst Träger eines tragischen Geheimnisses, brillant gespielt von Leo Wodall. „Ach, Sie wollen Moral?“, entgegnet Kelley, der in seinem Ledermantel den Objekten seines Studieninteresses nicht unähnlich sieht. Moral hat er auch in petto: Nur wenn wir verstehen, was diese Leute antreibt, können wir solche Taten künftig verhindern.
Dieser Glaube wird allmählich erschüttert. Jahre später zieht Kelley verbittert durch US-Radio-Talkshows, wo man ihm seine Diagnose nicht glaubt: dass die Architekten des Holocaust Menschen gewesen seien wie du und ich. „Aber doch nicht die Amerikaner!“, schlägt es ihm entgegen. „Doch, auch die Amerikaner!“ Solchen Unsinn soll sich das rechtschaffene Publikum nicht anhören. Wie um seine These zu untermauern, setzt Kelley seinem Leben das gleiche Ende wie Göring vor der Vollstreckung des Todesurteils – durch Suizid mit Zyankali. „Der Nazi und der Psychiater“, suggeriert schon der Titel des Buchs des Wissenschaftsjournalisten Jack El-Hai, auf dem der Film basiert, waren am Ende zwei Seiten einer Medaille: eines Menschen mit nichts als ausgeprägtem Ehrgeiz.
Echte Bilder aus den Konzentrationslagern
Ob diese Erkenntnis sieben Jahrzehnte später noch jemanden hinter dem Bollerofen hervorlockt? Gefühlt ist das „Dritte Reich“ so auserzählt, dass nur noch Variationen des Immergleichen möglich scheinen. Nach Chaplins „Der große Diktator“ (1940), Lanzmanns „Shoah“ (1985), Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993), Glazers „The Zone of Interest“ (2023) – was soll da noch kommen? Selbst das Potenzial zur Groteske hat Tarantino mit „Inglourious Basterds“ (2009) ausgereizt. Und auch die Nürnberger Prozesse haben längst ihre Unterabteilung, durch Stanley Kramers gravitätischen Klassiker „Das Urteil von Nürnberg“ (1961) mit Spencer Tracy, Burt Lancaster, Maximilian Schell und Marlene Dietrich oder zuletzt RP Kahls minimalistische „Ermittlung“ (2024) nach dem Stück von Peter Weiss.
Ziemlich beste Freunde: Rami Malek und Russell CroweRegisseur James Vanderbilt weiß das natürlich. Und er findet darauf eine etwas unsichere Antwort: Er weicht den Fokus auf. Neben der Fast-Freundschaft zwischen seinen Hauptfiguren erzählt er das Bürokratiedrama um den Bundesrichter Robert H. Jackson, gewohnt düster-zerquält gespielt von Michael Shannon. Jackson hat sich in den Kopf gesetzt, die Nazis nicht einfach standrechtlich zu töten, sondern den Grundstein eines utopischen Völkerrechts zu legen. Dafür riskiert er Kopf und Kragen. Schließlich gelingt es, Göring aufs Glatteis zu führen, mithilfe von Kelleys Erkenntnissen: „Der Mann wird sich nie von Hitler lossagen.“ Es stimmt. Und damit kriegen sie ihn.
Es mag in Wahrheit so gewesen sein. Dramaturgisch klappert es gehörig. Eine Weile sehen wir Rami Malek, bekannt als Freddie Mercury, dabei zu, wie er zwischen Göring und dessen Frau und Tochter beflissen den Postboten gibt. Als Schauspieler ist Malek limitierter, als sein relativer Ruhm nahelegt – zu eindimensional obsessiv. Im Film bleibt er, der eifrig Kladden mit Gesprächsnotizen füllt, ein unbeschriebenes Blatt.
Am Ende weiß sich Vanderbilt nicht anders zu helfen, als auf das gleiche Stilmittel zu setzen, das schon Stanley Kramer bemühte: echte Bilder aus den Konzentrationslagern. Sie werden während des Prozesses eingespielt und verfehlen ihre Wirkung nicht – weder auf die Figuren noch auf die Zuschauer. Und doch beweisen sie in ihrer nüchternen Drastik nicht zuletzt die relative Harmlosigkeit des Films.
So bleibt „Nürnberg“ vor allem als schauspielerische Meisterklasse Russell Crowes in Erinnerung, der dafür sogar ein paar Sätze Deutsch gelernt hat. Und als didaktisches Geschichtsdrama, nicht unähnlich der „Wannseekonferenz“ (2022). Der Erfolg gibt ihm recht: Mit über 56 Millionen Dollar hat der Film sein Budget von kolportierten höchstens zehn Millionen weit übertroffen. Besonders dort, wo er produziert wurde und wo einige Beobachter einen neuen Faschismus entstehen sehen, fällt seine zentrale Botschaft auf fruchtbaren Boden: „Menschen wie die Nazis gibt es heute in jedem Land der Welt.“
Der Film „Nürnberg“ läuft ab dem 7. Mai im Kino.
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