Der 1959 in Bukarest geborene und in Haifa lebende Künstler Belu-Simion Fainaru war 2019 einer der Künstler des rumänischen Pavillons auf der Biennale von Venedig; im Jahr 2026 vertritt er Israel. Seine Ausstellung „Rose of Nothingness“ ist im Arsenale zu sehen, während der historische israelische Pavillon in den Giardini renoviert wird. Seit einem Monat zum Aufbau in der Lagunenstadt steht Fainaru unter wachsendem psychischen Druck.
Die Stimmung ist wenige Tage vor der Eröffnung der Biennale am 9. Mai aufgeheizt. Aktivistengruppen rufen zu Demonstrationen gegen Israel auf. Zur Sicherheit sollen wohl Soldaten den Pavillon bewachen. Die Biennale-Jury schloss Israel vorab von der Vergabe der Kunstpreise aus. Kurz darauf trat sie nach Kritik zurück. Doch Ruhe kehrt in Venedig nicht ein. Fainaru berichtet im Gespräch mit WELT von seiner Isolation, alten und neuen Ängsten und seiner Hoffnung auf Dialog.
WELT: Wie geht es Ihnen, Herr Fainaru?
Belu-Simion Fainaru: Ich nehme ja nicht zum ersten Mal an einer großen internationalen Ausstellung teil, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Dass sich in Venedig die Gespräche mit anderen Künstlern nicht nur um Kunst drehen würden, habe ich schon geahnt, aber jetzt will man offenbar, dass die Biennale ein politisches und kein künstlerisches Event ist. Die Hauptausstellung „In Minor Keys“ soll um Fragen der Menschlichkeit kreisen. Aber diese Intention scheint mir weit weg zu sein.
WELT: Woran machen Sie das fest?
Fainaru: Hinweise darauf gab es schon vor meiner Ankunft, aber in Venedig spüre ich es physisch. Normalerweise lernt man bei solchen Ausstellungen viele neue Leute kennen, tauscht Adressen aus, geht zusammen essen und trinken – am Ende hat man lauter neue Kontakte und Freunde. Jetzt spreche ich mit niemandem, bin völlig isoliert. Das schmerzt. Dabei bin ich von Menschen umgeben, die für andere Pavillons arbeiten. Wir sind nur ein paar Meter von denen der Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabiens entfernt. Ich würde mich wirklich freuen, mit den dort ausstellenden Künstlern zu sprechen. Die Hälfte meiner Studenten an der Universität von Haifa sind Araber, unsere Rektorin ist Araberin – ich glaube an Dialog und bin das von früheren Ausstellungen so gewöhnt. Doch wen auch immer ich hier begrüße, man dreht sich von mir weg. Mit keinem einzigen Künstler und Kurator auf der Biennale gibt es Interaktion. Ich bin allein mit meinem Team.
WELT: Auch Ihre im rumänischen Cluj und in Berlin ansässige Galerie Plan B hat Sie aus dem Programm genommen. Was genau ist passiert?
Fainaru: Sie haben meinen Namen von der Künstlerliste entfernt, offenbar aus Sorge, dass meine Teilnahme ihnen schaden könnte. Ob ich aus der Galerie raus bin, weiß ich noch nicht: Wir sind ja alle seit zwanzig Jahren miteinander befreundet, sind als Galeristen und Künstler in Cluj gemeinsam groß geworden. Als ich zur Biennale eingeladen wurde, haben wir uns noch gemeinsam gefreut. Aber dann wurden die Boykottaufrufe gegen Israel laut, und das hat sie beeinflusst. Sie fürchteten wohl, dass die Galerie attackiert oder ebenfalls boykottiert werden könnte. Diese Angst mag ich nicht. Normalerweise steht eine Galerie hinter ihren Künstlern. Es ist schmerzhaft, dass ich als Gefahr eingestuft werde – einfach, weil ich israelischer Jude bin.
WELT: Gibt es auch Unterstützung?
Fainaru: Victor Man, ein bekannter Künstler der Galerie, hat mir heute geschrieben, was mich sehr gefreut hat: Belu, mach einfach deine Kunst, lass dich von Politik nicht beeindrucken. Das war eine schöne Unterstützung. Denn auch meine Bukarester Galerie will in Venedig nicht in Zusammenhang mit mir erwähnt werden. Auf ihrer Website bin ich plötzlich vom Programm- zum Gastkünstler geworden, ohne dass man mich informiert hat. Normalerweise sind Galerien stolz, wenn ihr Künstler einen Länderpavillon auf der Biennale bespielen darf. Aber ich werde versteckt. Das erinnert mich an die 1940er-Jahre.
WELT: Worin genau sehen Sie die Parallele?
Fainaru: Menschen wie ich wurden schon einmal bedroht – und alle machten mit. Ob mich meine Galerien heute beschützen würden?
WELT: Fühlen Sie sich körperlich bedroht?
Fainaru: Nein, aber ein Bekannter riet mir, einen Leibwächter anzuheuern. Ein anderer meinte, ich solle nicht immer dieselben Wege gehen und mich stets umschauen. Auch solle ich Hut und Sonnenbrille tragen, weil die Leute wegen der Berichterstattung wissen, wie ich aussehe. Nun soll es italienische Soldaten vor dem israelischen Pavillon geben und Kameras im Inneren. Ich möchte das nicht – meine Arbeit ist sehr kontemplativ und poetisch.
Belu-Simion Fainarus Projekt „Rose of Nothingness“Ich habe mit der jüdischen Gemeinde in Venedig gesprochen: Auch vor ihren Einrichtungen stehen Soldaten. Angeblich sollen die Kuratoren der Hauptausstellung auch gegen Militärschutz sein. Gleichzeitig kursieren Schriften, die den israelischen Pavillon als „Genozid-Pavillon“ bezeichnen.
WELT: Beziehen Sie sich auf die „Art Not Genocide Alliance“, die den Ausschluss Israels fordert und deren offene Briefe auch Biennale-Beteiligte, darunter drei Kuratoren der Hauptausstellung, unterzeichnet haben?
Fainaru: Solche Gruppen demonstrieren gegen Gewalt, aber die Realität zeigt das Gegenteil: Exklusion, Isolation und das Oktroyieren der eigenen Position auf alle anderen. Ich akzeptiere, dass Menschen verschiedener Meinung sind. Man kann über Boykott diskutieren, das würde ich auch gerne mit den Biennale-Kuratoren tun. Dann könnten wir vielleicht einen gemeinsamen Nenner als Menschen finden. Aber leider ist das nicht möglich. Ihre Ausstellung will die Menschenrechte verteidigen, während mir meine genommen werden.
WELT: War die Situation 2019, als Sie Rumänien vertraten, anders?
Fainaru: Ja, ich konnte einfach zum iranischen Pavillon gehen, mit Leuten reden, Kontakte austauschen und gemeinsam Fotos machen. Es war so hoffnungsvoll und machte mich glücklich! Das ist die Kraft der Kunst: Dialog zu schaffen, über alle Grenzen hinweg. Politiker können das nicht immer. Jetzt macht die Kunst Politik, sie boykottiert und exkludiert aufgrund von Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Dieser Ruf nach Boykott heißt: Du bist anders und gehörst nicht dazu.
WELT: Die Biennale-Jury hatte genau das entschieden, bestimmte Länder von der Vergabe der Kunstpreise auszuschließen. Nach viel Kritik an diesem Schritt ist sie mittlerweile zurückgetreten.
Fainaru: Ich sehe es so: Man wollte mich nicht am Wettbewerb um den Goldenen Löwen teilnehmen lassen und mir so weniger Rechte als anderen Künstlern zugestehen. Doch selbst nach dem Rücktritt der Jury, den ich als Protest gegen die Teilnahme Israels empfinde, hat Pietrangelo Buttafuoco, der Präsident der Biennale, mich nicht kontaktiert. Nachdem ich in der Presse gesagt hatte, dass ich mich diskriminiert fühle, rief mich der italienische Kulturminister Alessandro Giuli an. Er war der Einzige, der klar Position bezogen hat. Ich hoffe, dass damit in der Kunstwelt nun eine Debatte beginnt.
WELT: Unter dem Begriff „Antizionismus“ sind Angriffe gegen Juden und Israelis wieder weit verbreitet, besonders im Kunstbetrieb. Haben Sie solche Erfahrungen schon früher gemacht?
Fainaru: Wie extrem es ist, habe ich erstmals im Februar 2026 bei den Vorbereitungen zu einer Schau in der öffentlichen Kunstinstitution Parter in Cluj erfahren. Doch eine junge Mitarbeiterin forderte, dass sie sich während meiner Ausstellung nicht dort aufhalten muss, weil ich ein jüdisch-israelischer Künstler bin. Sie wurde verschoben – nicht deshalb, sondern angeblich wegen der Biennale.
WELT: Wie gehen Sie mit dieser Diskriminierung um?
Fainaru: Ich akzeptiere sie nicht. Aber es beängstigt mich, dass andere solche Diskriminierungen akzeptieren. Diese Institutionen haben eine Verantwortung, nicht nur Kunst zu zeigen, sondern Menschen zusammenzubringen und die Wahrnehmung zu schärfen, statt zu spalten. Eine Gesellschaft, die Dialog unterbindet, hat ein Potenzial für Schlimmeres. Doch selbst mein Freund Walid Raad, der an „In Minor Keys“ teilnimmt, spricht nicht mit mir. Dabei ist menschlicher Kontakt so wichtig, besonders in so einer Situation.
WELT: Selbst ein so einflussreicher Künstler wie Walid Raad hat Angst, mit Ihnen zu sprechen?
Fainaru: Ja – und wir müssen diese Angst stoppen, die gerade um sich greift. Meine Vorfahren hatten Angst vor den Nazis. Ich habe es erlebt, als ich unter Ceaușescu in Rumänien aufwuchs. Wir lebten in Angst, selbst als Kinder. Und jetzt fürchtet sich mein Freund davor, mit mir zu sprechen? Und meine Galeristin hat Angst, für mich einzustehen? Ich hoffe, dass die Geschichte sich nicht wiederholt. Dafür zu kämpfen, ist unser aller Verantwortung. Es darf nie normal sein, in Angst zu leben, genauso wie Antisemitismus nie normal sein darf. Ich will versuchen, meinen kleinen Teil dazu beizutragen, die Welt ein bisschen besser zu machen – mit meiner Kunst, meinem Unterricht und mit meinem Glauben an menschliche Werte.
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