Bücher schreiben – das kann ein dankbares Abklingbecken für Alphatiere außer Dienst sein. Joschka Fischer ist nicht der einzige Spitzenpolitiker, der darin eine Bestimmung gefunden hat. Fast jährlich veröffentlicht er ein neues Werk. „Wer sind wir?“, heißt die aktuelle Schrift, Untertitel: „Deutschland auf der Suche nach seiner Identität“.
Der ehemalige Außenminister der legendären Koch-und-Kellner-Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder serviert gleich auf der ersten Seite Heinrich Heine. Er zitiert aus „Deutschland. Ein Wintermärchen“, dem Versepos des nach Paris emigrierten Literaten: „Im traurigen Monat November war’s, / Die Tage wurden trüber, / Der Wind riss von den Bäumen das Laub, / Da reist’ ich nach Deutschland hinüber.“
An der deutsch-französischen Grenze bekommt Heines lyrisches Ich Herzklopfen und wird sentimental – wegen des vertrauten Klangs der deutschen Sprache. Auch Joschka Fischer denkt und fühlt deutsch und führt zur Bestätigung seine frühere US-Amtskollegin Madeleine Albright ins Feld: „Oh Joschka, you are so German!“.
Doch die deutsche Identität sei für seine Generation nie etwas anderes als Reibung gewesen, bekennt Fischer und erklärt das mit der deutschen Geschichte, die „mehrfach katastrophal“ verlaufen sei, mit Folgen für die ganze Welt. Vor allem aber für Europa mit Millionen Weltkriegstoten, Holocaust-Opfern und schließlich auch 12 bis 14 Millionen Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa. Fischers Familie lebte bis 1946 in Ungarn, gehörte zu den Donauschwaben, die vor Jahrhunderten von Ulm aus ausgewandert waren – und nach dem Zweiten Weltkrieg als „Volksdeutsche“ nach Württemberg zurückkehren mussten, wo Joschka Fischer 1948 geboren wurde. Deutschland sei damals kaum mehr als ein „trauriger Identitätsrest des einstigen ‚Herrenvolkes‘ gewesen“, so Fischer.
„Kann Deutschland führen, ohne zu scheitern?“
Und wie beantwortet Fischer die Frage seines Buchtitels „Wer sind wir“ heute? Die deutsche Identität definiert sich für ihn weniger durch deutsche Kultur, Traditionen oder Klischees, sondern vor allem mit Blick auf Deutschlands Rolle in der internationalen Gemeinschaft:
„Kann Deutschland führen, ohne sich nicht wieder an der Machtfrage zu verheben und zu überziehen und so ein weiteres Mal zu scheitern?“, fragt Fischer staatsmännisch – und mahnt: Das sei nicht ganz leicht zu beantworten, ökonomisch stehe Deutschland „nach wie vor weltweit an dritter Stelle hinter den USA mit etwa 350 Millionen Menschen und China mit seinen 1,4 Milliarden, aber noch vor Japan, das mit seinen 125 Millionen Menschen Platz vier in der Rangliste der wichtigsten Wirtschaftsmächte einnimmt. Macht- und geopolitisch sowie mental ist dieses Deutschland hingegen bis heute eine kleine Größe mit einer langen Niederlagengeschichte und deshalb mit wenig bis gar keiner verantwortlichen internationalen Führungserfahrung.“
Auf Dutzenden Buchseiten gibt Fischer den Erklärbären zur deutschen Geschichte. Deutschland im langen Lauf zu sich selbst – vom Kaiserreich mit seinen Parvenü-Attitüden über den „eiskalten“ Friedensvertrag von Versailles, der 1918 keinen Frieden schuf, bis zur totalen Niederlage von 1945 und der einzigen Art der Neuerfindung Deutschlands, die möglich war: Adenauers Politik der Westbindung. Integration in internationale Strukturen, erst Montanunion (Vorläufer der heutigen EU), dann Nato. Das zentrale Verdienst Adenauers, doziert Fischer, sei die „Wiedergewinnung von Vertrauen für das demokratische Deutschland“ gewesen. Heute, so Fischer weiter, sei es Zeit für das „Projekt Adenauer 2.0“.
Dass ausgerechnet ein Grüner Adenauer zum Role Model erklärt, hat schon eine gewisse Ironie. Immerhin war die grüne Partei bis in die 1990er-Jahre für ihren Slogan „Raus aus der NATO“ bekannt. 1999 – die älteren erinnern sich – wurde Joschka Fischer wegen seiner Politik im Rahmen der Kosovo-Mission der Bundeswehr von Parteifreunden mit einem blutroten Farbbeutel beworfen.
Europa müsse sich „hier und jetzt entscheiden zwischen seinem Niedergang im 21. Jahrhundert oder für eine Art Aufbruch Adenauer und de Gaulle 2.0“, postuliert Fischer. Der Ex-Außenminister findet die „neonationalistischen“ Parteien Europas, darunter auch die „Alternative für Deutschland“, gefährlich: „Die neurechten Neonationalisten wollen zurück hinter Adenauer mit seiner historischen Leistung der Westbindung, von der Europäisierung Deutschlands, zurück in die Zeit davor, als Deutschland allein mit sich selbst und seinen Dämonen in seiner Mittellage war.“
Fischer warnt vor der Zerstörung der EU
Fischer warnt: „Sollten die Neonationalisten in Frankreich und Deutschland an die Macht gelangen, so liefe das auf einen Bruch der deutsch-französischen Achse hinaus, denn die beiden Parteien stehen aus historischen Gründen feindlich zueinander. Statt deutsch-französischer Aussöhnung wären die Zeichen wieder auf Konfrontation gestellt, wie es eben in der Zeit vor Adenauer war. In der Konsequenz drohte durch die Wiederbelebung des deutsch-französischen Gegensatzes die Zerstörung der EU.“
Fischer spricht von der drohenden Zerstörung der EU, blendet aber aus, wie sehr sich die EU in ihrer gegenwärtigen Situation selbst verfahren hat. Wenn er beobachtet, dass unsere europäische Welt von gestern „in diesen Tagen mehr und mehr geschreddert“ werde, unterschlägt er, dass die staatstragenden Parteien mit ihrer jahrzehntelangen Regierungsverantwortung einen erheblichen Anteil an der derzeitigen schwachen Situation Deutschlands und Europas haben: Die durch politische Rahmenbedingungen forcierte De-Industrialisierung, die teure Energiewende, die unkontrollierte Zuwanderung und die Krise der Bildung (der wichtigsten Ressource Deutschlands überhaupt) – all das blendet der grüne Elder Statesman als Faktoren völlig aus. Er verschweigt, dass der defiziente Status quo – etwa in der Wachstumspolitik, Energiepolitik, Schuldenpolitik, Migrationspolitik – in Europa längst Realität ist.
Was in Fischers Buch am meisten auffällt, ist die Tatsache, wie wenig er trotz des Buchtitels von Deutschland spricht. Deutschland ist für ihn vor allem eine Mittelmacht in schwieriger Geoposition, die ihre Identität an der europäischen Garderobe abgegeben hat. Dass Nationalstaaten aber Entitäten sind, die den Leuten am Ende näherstehen, als dies Joschka Fischers linkstypische Generation wahrhaben will, ist und bleibt der blinde Fleck seines Traktats über Deutschland.
Eine treffende Fremdbeschreibung der Joschka-Fischer-Welt findet man bei Ferdinand Knauß. Der Journalist der Zeitschrift „Cicero“ hat gerade das Buch „Der gelähmte Westen. Chronik einer Selbstaufgabe“ veröffentlicht. Darin bezeichnet er Joschka Fischer als „stellvertretend für eine Generation“ und „eine gesellschaftlich und politisch bestimmende Klasse in Deutschland und im gesamten Westen“. Diese politisch linksorientierte Nachkriegsgeneration habe im Grunde nur zwei prägende Ereignisse erfahren: die „Pseudo-Revolution“ von 1968 und die echte Zeitenwende von 1989, definiert durch den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und die deutsche Wiedervereinigung.
Typisch für Joschka Fischers Kohorte seien missionarische Heilsprojekte gewesen. Heilsprojekt 1: die Versuche, die Arbeiterschaft zur marxistischen Revolution anzustacheln. Weil das scheiterte, wurde als neues Mobilisierungsthema die Ökologie und die Furcht vor der Atomkraft platziert. Heilsprojekt 2: den Deutschen jede Beziehung zur eigenen Nation auszutreiben. Die „Abscheu gegen die Nation und die euphorische Hinwendung zur europäischen Einigung, die als aussichtsreichstes Mittel zu ihrer endgültigen Überwindung erschien“, seien geradezu konstitutiv für die westdeutschen Linken gewesen, schreibt Knauß.
Von dieser Feststellung ist es nicht weit zur Habermas-Idee vom Verfassungspatriotismus als Ersatz für ein deutsches Nationalgefühl, was in den Nachrufen auf Habermas, die nicht von links kamen, eher kritisch bemerkt wurde. Eine entsorgte und qua Europa entschärfte Nation, die sich nur noch Führungsaufgaben in der internationalen Gemeinschaft, aber ansonsten kein Selbstbild mehr leistet, das ist das Deutschland des Joschka Fischer.
Joschka Fischer: Wer sind wir? Deutschland auf der Suche nach seiner Identität. Kiepenheuer & Witsch, 160 Seiten, 22 Euro.
Ferdinand Knauß: Der gelähmte Westen. Chronik einer Selbstaufgabe. Zu Klampen, 162 Seiten, 29 Euro.
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