Die blinden Flecken bei Edvard Munch, der Kontrollverlust bei Otto Dix, die wie abgekratzt wirkenden Leinwände von Mark Rothko – Georg Baselitz hatte sie alle studiert, die letzten Bilder der geliebten Kollegen, all die verschiedenen Wege, ein Lebenswerk zu beenden. Seinen Biennale-Auftritt im Jahr 2015 machte er zum offiziellen Startschuss seines Spätwerks und erzählte damals noch, dass es ihm Spaß mache, zu sehen, „über welches Stöckchen ich noch springen, über welche Brücke ich noch gehen kann“.
Der Spaß war in den vergangenen Jahren gewichen, auch wenn die Kraft seiner Bilder, Serie für Serie, Bilderfindung für Bilderfindung, nicht nachgelassen hat. Zu anstrengend waren die konzentrierten Phasen des Malens geworden, als dass er noch Reserven für Koketterie gehabt hätte. Er selbst im Rollstuhl, zur Leinwand am Boden heruntergebeugt, war die Malerei zu einem hochkonzentrierten Endkampf geworden – gegen das Schwinden der eigenen Kräfte, und immer nur so lange, wie der Atem noch reichte. Immer öfter wurden die Reifenspuren seines Rollstuhls Teil der Komposition – ein schonungsloses Offenlegen der Produktionsbedingungen, das in einem paradoxen Twist dennoch ACTION zu buchstabieren schien und an die elliptischen Drippings von Jackson Pollock erinnerte.
Baselitz, der Kataloge und Kunstgeschichtsbücher gerne von hinten nach vorn blätterte, wusste, dass all das Philosophieren darüber, wie seine letzten Bilder aussehen sollten oder müssten, nur durch den Tod Realität werden würde. Den sah er in den vergangenen Monaten unaufhaltsam näher rücken – und so dürfte er, absolut klar wie er bis zum letzten Tag war, seine gerade eröffnete Ausstellung in der Fondazione Cini in Venedig als sein Memorial inszeniert haben.
„Eroi d’Oro“ – Goldene Helden – hat er die Gruppe seiner letzten Bilder betitelt. Es sind gigantische Zeichnungen, mit dem harten Duktus einer Tuschfeder auf golden grundierten Leinwänden aufgetragen, die seine Frau Elke und ihn selbst zeigen. Wie Helden sehen sie nicht aus, altersschwach, allein und nackt, wie sie da sitzen (er) und stehen (sie).
Baselitz selbst erzählt in einem vor sechs Wochen in seinem Salzburger Studio aufgenommenen Video, dass er bei der Arbeit an den Figuren ganz traurig geworden sei. Und sich dann, wie zur Aufmunterung, gezwungen habe, an Willem de Kooning zu denken. Das Ergebnis sind, vor allem im zweiten Raum, bewusst willkürlich gesetzte Pinsel-Schlenker in den Lieblingsfarbtönen des amerikanischen Meisters – pink, türkis, gelb –, die nun regelrecht gegen die Komposition auf die Zeichnungen gesetzt sind. Oder, wie Baselitz die Methode selbst beschreibt: „de Kooning am falschen Platz“.
Georg Baselitz, „Elke drei Flächen“, 2025, zu sehen in der Fondazione Giorgio CiniDas Ergebnis ist so frei wie letzte Bilder nur sein können. Und es vereint all die Elemente, die sein Werk bis zuletzt so fordernd und einzigartig gemacht haben. Diese Bilder goldener Helden, die keine sind, sind radikal subjektivistisch und zugleich eine Metapher für die Conditio humana. Sie sind formalistisch und sprengen doch die Form. Sie sind neu, nie gesehen und nie zuvor gemalt, und doch der Kunstgeschichte verpflichtet.
Als Verweis auf die eigenen frühen „Helden“-Bilder, für die allein man schon einen Platz im Pantheon für ihn reserviert hätte; als Verweis auf die großen abstrakten Amerikaner, die er als Student in einer Ausstellung in der Akademie der Künste für sich entdeckte; und als Verweis auf die Goldgrundmalerei an der Schwelle zur Renaissance, auf Jahrhunderte von Ikonenmalerei und auf die frühen, als Grabbeigabe entstandenen Fayum-Porträts des alten Ägyptens, von denen zwei der schönsten in seinem Schlafzimmer am Ammersee hingen.
Hier das ganz private Drama des sterbenden Mannes und der Frau an seiner Seite, dort zweitausend Jahre Kunstgeschichte. Nur dass hier und dort, wie immer bei Baselitz, längst eins sind. „Eroi d’Oro“ ist, wie er selbst gesagt hat, ein Fazit und ein Schlussstrich. Und ein Abgang, wie ihn Baselitz nicht stärker hätte planen können. Der heilige Georg auf San Giorgio: Bis zum Schluss hat er die Kontrolle behalten, bis zum Ende sein Narrativ bestimmt.
Als ihm klar wurde, dass er den Tag seiner Eröffnung nicht mehr erleben würde, nahm er eine zweite Videobotschaft auf, die in der Fondazione Cini zu sehen ist und mit den Worten beginnt: „Es tut mir leid, dass ich in Venedig nicht dabei sein kann. Aber vielleicht hilft es für die Ausstellung, die ja meine letzten Bilder zeigt, wenn ich ein paar Anmerkungen dazu mache.“ Georg Baselitz wird nie wieder Anmerkungen machen. Auch das ist, so irritierend diese sein konnten, ein großer Verlust. Seine Bilder werden bleiben. Und der Nachwelt von einem der größten, erfindungsreichsten und angstfreiesten Maler der Kunstgeschichte erzählen.
„Georg Baselitz: Eroi d’Oro“, bis zum 27. September 2026, Fondazione Giorgio Cini, Venedig
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