Wer ist orientierungsloser? Hanne (Dagmar Manzel) oder Kurt (Harald Krassnitzer)? Hanne wohnt hier, in dem schönen alten Haus mit Blick auf die Alpen, zusammen mit Bernd (August Zirner). Dass Hanne Kunstlehrerin ist und ein eigenes Atelier zu Hause hat, wo sie in Ton arbeitet, weiß der Zuschauer auch schon. Und dass Bernd einmal Pfarrer war, jetzt aber pensioniert ist.
Kurt weiß das alles offensichtlich nicht. Oder nicht mehr. Denn er sagt, er habe seine Schlüssel vergessen. Jetzt bietet er Hanne, die aus allen Wolken fällt, an, ihr ein Glas Wasser zu bringen. Was er in der Küche, in die er sich schnurstracks bewegt, wieder vergessen hat. Auf Hannes Frage, was er hier mache, lautet seine Antwort: „Tee“.
Die Frage, wie realistisch das ist, was uns Regisseur Welf Reinhart hier auftischt, ist legitim: Kurt, so stellt sich heraus, ist Hannes Ex-Mann. Er hat Alzheimer, weswegen er nicht mehr weiß, dass er und Hanne schon seit Jahrzehnten geschieden sind und er nicht mehr in dem schönen Haus mit Blick auf die Alpen wohnt. Kurt ist aus einer Einrichtung ausgebüxt, in die ihn seine Tochter (Lene Dax) zur Kurzzeitpflege gegeben hat. Die Tochter befindet sich im Ausland und entpuppt sich bei ihrer Rückkehr als hoffnungslos überforderte, offensichtlich alleinerziehende Mutter eines kleinen Mädchens. Die Kleine hat mit Kurt eine innige Opa-Enkelin-Beziehung, die vonseiten der Enkelin zwar etwas inniger zu sein scheint – aber immerhin.
Hoffnungslos mit der Situation überfordert, wer würde es ihr verdenken, ist anfangs auch Hanne, die die Überzeugung ihres Mannes Bernd, man müsse helfen, solange es keine passende Unterkunft für Kurt gibt, zunächst als déformation professionnelle eines Geistlichen im Ruhestand abtut. Aber nur anfangs, denn nach einigen gescheiterten Versuchen, Kurt zumindest auf Zeit in einer Pflegeeinrichtung unterzubringen, erklärt sie ihrem Mann, dass sie sich verantwortlich fühlt und den Ex erst einmal bei sich behalten will. Delikat? Vielleicht, zumal der Zuschauer mittlerweile weiß, dass es einst Kurt war, der Hanne betrogen hatte und so das Ende der Ehe herbeiführte.
Sexuelle Spannungen bleiben angedeutet
Die Kräfteverhältnisse haben sich aber geändert. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Bernd Hannes Vorschlag zustimmt. Unter dem Vorbehalt, dass er die Reißlinie ziehen kann, wenn er sich nicht mehr wohlfühlt mit der Dreier-Konstellation, die sich jetzt fest etabliert. Mit Kurt – der war mal Orgelbauer – verbindet Bernd – der spielt in einer Band – wohl auch die Musik, was man schon früh merkt, wenn beide im Auto einen alten Sponti-Hit trällern: „Der Traum ist aus. Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird“ singen sie. Wahrscheinlich verbindet die beiden etwa gleichaltrigen Männer darüber hinaus, dass sich der Gesunde allzu leicht in den Kranken einfühlen kann. Oder im Kranken zumindest das sehen kann, was auch ihn heimsuchen könnte.
Die Illusion, den Moment festhalten zu können: Kurt, Bernd und Hanne im MuseumAll das wird nicht ausgesprochen in Welf Reinharts Langfilmdebüt. Auch Spannungen, die bald in dieser besonderen Ménage à trois auftreten, bleiben mehr oder weniger angedeutet, nicht zuletzt solche, die sich aus Fragen des sexuellen Begehrens ergeben. Der Regisseur, der sich in der ZDF-Serie „The other gAIrl“ damit beschäftigt hat, was passiert, wenn aus einer Ehe ein Trio aus Mann, Frau und KI-App wird, ist nicht nur ein Experte für eigenartige Dreiecksgeschichten. Er hat auch ein gutes Gespür für den Grundsatz „Show, don’t tell“, also Wichtiges nicht totreden zu lassen, sondern augenfällig zu machen. Beizeiten werden aus seinen drei von Manzel, Zirner und vor allem Krassnitzer überragend gespielten Helden fast Skulpturen, bei deren Betrachtung man für einen Moment vergessen kann, dass sie sich gleich wieder bewegen werden. Dass sie sich bei einem Museumsbesuch ganz bewusst vor Gemälden in tableaux vivants – die Dar- oder besser: Nachstellung von Bildern – verwandeln, reflektiert dieses ästhetische Prinzip Reinharts.
Das Paradox einer beweglichen Skulptur ist natürlich stark mit dem Thema des Films aufgeladen: Angesichts der fortschreitenden Krankheit Kurts gilt es, Momente nicht einfach verstreichen zu lassen, was freilich etwas ist, das schon für kognitiv nicht beeinträchtigte Menschen eine Illusion bleiben muss. Indem aber Reinhart lieber zeigt, statt zu erklären, verliert sein schwerer Gegenstand, ohne dabei je auf die leichte Schulter genommen zu werden, auch einen Teil seiner Bedrohlichkeit. Das ist ein Effekt, der schon in der fast märchenhaften Anbahnung dieser Geschichte – wie gesagt sind Fragen nach der Wahrscheinlichkeit legitim – angelegt ist. Und selbst, wenn Reinhart zumindest diejenigen, die das filmgeschichtliche Zitat erkennen, mit den drei Alten, die durchs Museum spurten, noch einmal explizit sagen zu müssen scheint, dass er hier einer „bande à part“, einer „Außenseiterbande“ (wie Jean-Luc Godards Titel von 1964 eingedeutscht wurde) ein Denkmal setzt, bleibt das subtil.
Wer das Zitat verpasst hat, hat zwar etwas verpasst, gewiss aber nicht die Hauptsache: Darüber nachzudenken, wie das wäre, wenn da plötzlich jemand aus der Vergangenheit ins eigene Leben schneite, der weder nur dieser Vergangenheit noch der Gegenwart angehört, die man jetzt wieder teilt. Und darüber, dass das eine sehr persönliche und zugleich politische Frage ist, die betrifft, wie man leben will, jetzt, später, je nachdem, was da auf einen zukommt.
Der Film „Der verlorene Mann“ läuft ab dem 7. Mai im Kino.
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