Das Werk besteht aus zwei Stühlen, einem Holztisch, acht Rollen Klebeband in unterschiedlichen Farben, einer Lampe mit schwarzem Lampenschirm, einer VHS-Videokassette sowie einer Montageanleitung. Zu einem Kunstwerk wird es dadurch, dass am Tisch eine Signatur und eine Nummerierung eingebrannt sind: „F. West, AP 2/10“.
Nicht ganz: Eigentlich wird es erst zu einem Kunstwerk, wenn der Betrachter zum Nutzer, zum Gestalter, ja, zum Künstler wird und beherzt zu den bunten Klebefilmrollen greift, um selbst den Tisch, die Stühle und die Lampe zu verzieren. In diesem Fall wurde vor eigener Kreativität offenbar zurückgeschreckt.
Was das Auktionslos mit der Nummer 187 noch etwas interessanter macht. Im Berliner Auktionshaus am Grunewald, das irritierenderweise gerade in die urbanere Lise-Meitner-Straße in Charlottenburg umgezogen ist, kommt das Werk des österreichischen Künstlers Franz West am 8. Mai 2026 unter den Hammer. Mitgesteigert werden kann auch online, bei Redaktionsschluss stand das Gebot bei 4600 Euro – für eine der zehn Artist’s Proofs oder Künstlerexemplare (dafür steht AP in der Beschreibung) einer Edition, die in diesem Fall in einer Auflage von 30 Stück produziert worden ist.
„Creativity: Furniture Reversal“ entstand im Jahr 1999. Der Titel lässt sich als Umkehrung gewohnter Rollen lesen: Möbel, die normalerweise dem Wohnen dienen, werden erst durch die Bestimmung von Franz West zum künstlerischen Medium. Einen singulären Künstlerakt sucht man wie bei jedem Readymade freilich vergebens; stattdessen wird hier die Kreativität auf eine Situation verlagert.
Werden die Möbel nämlich öffentlich gezeigt, etwa in einer Kunsthandlung, gehe es „nicht um das Wohnen, sondern um den Ausstellungsraum“, wie es die Galerie Klosterfelde einmal beschrieb. Das Ensemble von Gebrauchsobjekten lädt dazu ein, sich zu setzen, aber auch selbst tätig zu werden. Die Frage ist, was geschieht, wenn Kunstbetrachter zu -produzenten werden.
Mit Skulpturen wie „Gekröse“ (2011) wurde Franz West bekannt, hier auf der Kunstmesse Art Basel bei der Gagosian GalleryWest, der in den 1970er-Jahren mit seinen rohen, plakativ farbigen, seltsam uneindeutig geformten Skulpturen auffiel und bald zu einem Artist’s Artist wurde, ist schließlich mit solchen Fragen, deren Beantwortung Interaktion, Humor und demonstrative Aneignung erfordern, auch international bekannt geworden. Er steht für eine Verschiebung dessen, was Bildhauerei seit der Postmoderne sein kann: weg vom autonomen, distanziert betrachteten Objekt hin zu etwas, das erst in der situativen oder spielerischen Benutzung komplett wird.
Der Künstler Franz West bekommt von der Kuratorin Bice Curiger bei der Eröffnung der 54. Kunstbiennale von Venedig (2011) einen Ehrenlöwen für sein Lebenswerk überreichtFranz West (1947–2012) gilt heute als einer der international wichtigsten österreichischen Künstler der Nachkriegszeit; auf der Biennale von Venedig erhielt er 2011 den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk.
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