In der Nähe des Naschmarkts liegt das Büro der Wiener Festwochen. In einem Besprechungsraum sitzt Milo Rau, der Intendant des Festivals. Mitte Mai startet der 49-jährige Schweizer in seine dritte Ausgabe, die zugleich das 75. Jubiläum der Festwochen ist. Rau hat das zwischenzeitlich totgesagte Festival aus der Hochkulturnische geholt und mit provokanten und spektakulären Aktionen wieder zum heißdiskutierten Stadtgespräch gemacht.
WELT: In Wien gelten die Festwochen wie anderswo die Karnevalszeit als „fünfte Jahreszeit“, als Ausnahmezustand. Woher kommt das?
Milo Rau: Als die Festwochen 1951 gegründet wurden, herrschte in Wien graue Nachkriegstristesse. Mit dem Festival kam Leben in die Stadt und auch ein Hauch der verloren gegangenen Internationalität. Die Festwochen sind ein moderner Gegenentwurf zu den Salzburger Festspielen. In Salzburg wollte man nach dem Ersten Weltkrieg das alte Europa zurückholen – mit dem „Jedermann“, mit Beethoven und Strauss. Bei uns geht es um Entgrenzung, um das blasphemische Spiel mit der Tradition: nicht um die Anbetung der Asche, sondern um die Weitergabe des Feuers. Allein an den Plakaten sieht man, wie sehr die Festwochen immer am Puls der Zeit waren – und als Avantgarde oft auch ein paar Schritte vor ihr hertanzten.
WELT: Das klingt nach großer Freiheit in der Programmgestaltung.
Rau: Als Künstler oder Kurator kannst du bei den Festwochen eigentlich alles machen. Die Wiener sind so einiges gewöhnt: Sie haben schon alles gesehen, und zwar mehrfach. Wenn sich hier bei Nitsch oder Holzinger jemand den Bauch aufschlitzt oder einen Panzer über die Bühne rollen lässt, dann zucken alle mit den Schultern und bitten um Zugabe. Gleichzeitig will man, dass Mozart oder Schönberg gespielt werden, wie sie auf dem Blatt stehen, und zwar von den Besten.
WELT: Wien gilt seit Jahrhunderten als eine Stadt, in der Kunst einen höheren Stellenwert genießt als in allen anderen Metropolen. Ist das noch so?
Rau: Der Weltgeist hat aus unerfindlichen Gründen beschlossen, dass in der Moderne alles Großartige und Schreckliche in Wien erfunden wurde. Vom Roten Wien über die Zwölftonmusik und die Psychoanalyse bis zum biologischen Antisemitismus, von Schiele über Klimt bis zum Schmuddelstück à la „Reigen“: alles aus Wien! Karl Kraus ist mit seiner „Fackel“ immer dabei und erfindet das Feuilleton als Kunstform, gleichzeitig nimmt der „Wiener Kreis“ die Sprache auseinander und die ersten Aktionisten feiern ihre Blut-und-Piss-Orgien.
Nirgends in der Weltgeschichte hat ein radikaleres Desensibilisierungsprogramm des Bürgertums stattgefunden als in Wien. Deshalb glaubt man hier noch immer an das Mantra der Moderne: dass es in der Kunst darum geht, wie wir leben wollen, und zwar alle, vom Taxifahrer bis zum Tech-Milliardär. In Wien ist die Bubble-Logik der kapitalistischen Kunstszene nie ganz angekommen, hier sind sogar die Bankangestellten Nietzscheaner.
WELT: Was sagen Sie als Experte: Wie einfach ist es heute noch, Skandale im Theater zu erzeugen?
Rau: Man sagt immer, es sei schwieriger geworden, aber da bin ich nicht sicher. Christoph Schlingensief musste noch zum Mord an einem Politiker aufrufen, um im Zeitalter postmoderner Ironie überhaupt aufzufallen. Heute ist das einfacher. Das damalige „Anything goes“ ist in eine neubürgerliche Überempfindlichkeit gekippt.
Als junger Regisseur habe ich vor 15 Jahren den Rechtsterroristen Anders Breivik in seinen eigenen Worten auf die Bühne gebracht, gespielt von einer türkischen Darstellerin. Da gab es zwar viel Aufruhr und ich wurde aus dem „Haus der Kunst“ in München oder dem Flämischen Parlament geworfen. Man war sich aber grundsätzlich einig, dass das interessant ist, nur etwas zu krass. Heute würde das sofort und grundsätzlich gecancelt werden.
Als es kürzlich bei „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ in Bochum zum Skandal kam, war ich erstaunt. Der Stein des Anstoßes war ein konservativer Schlussmonolog, verglichen mit Breiviks Statement und einer durchschnittlichen AfD-Rede ein laues Lüftchen. Ein paar Tage später wurde in Stockholm meine Performance „Rage“ gestürmt, aus dem gleichen Grund: In dem Stück schlachten fiktive Alt-Right-Aktivisten eine Gruppe kleinbürgerlicher Künstler ab.
Ich sehe darin eine Art Dialektik der Verdrängung: Das Theater soll umso nicer, bürgerlicher, umarmender sein, je fieser die Gesellschaft ist.
WELT: Sie haben kürzlich in Hamburg den vielbeachteten „Prozess gegen Deutschland“ gemacht. Die Empörung war riesig, weil Sie Rechten eine Bühne geboten haben, so der Vorwurf.
Rau: Sie haben in Hamburg eine sehr deutsche Debatte erlebt, gemäß der Logik: Die globale Rechte darf real siegen, aber sie darf nicht im Theater repräsentiert werden. Das war schon in der Weimarer Republik so: Draußen haben die Faschisten gewonnen, im Kino und den Theatern hat man emanzipatorische Komödien gezeigt.
Als Veranstalter war uns diese deutsche Eigenart bewusst, und wir haben deshalb eine extra-softe Einsteigervariante unseres „Prozess“-Formats nach Hamburg gebracht, die „Wiener Prozesse“ oder die „Moskauer Prozesse“ waren viel krasser. In Hamburg hat man gesehen: Ein großer Teil des liberalen Deutschlands kann nicht einmal mehr auf dem Anfänger-Level der politischen Debatte bestehen. Das Deplatforming hat uns in die diskursive Verliererposition gebracht, in der wir heute stecken.
Wir haben in den letzten 25 Jahren den Kulturkampf verloren, den die Generation unserer Eltern fast schon gewonnen hatte. Es ist sehr interessant, sich heute den „Container“-Film von Schlingensief noch einmal anzuschauen. Die damalige Reaktion der Linken ist exakt die gleiche wie bei meinem „Prozess gegen Deutschland“, bei „Catarina“ oder „Rage“: Die gehen hin und zertrümmern ein Schild über dem Container, weil „Ausländer raus!“ draufsteht. Was macht Schlingensief? Er bedankt sich artig und hängt das Schild wieder auf. Dazu sagt er, und das finde ich ein hervorragendes Zitat: „Die linke Demonstrationsgesellschaft darf nicht das letzte Wort behalten.“ Genau so sehe ich das auch.
WELT: Auch für den furiosen Auftritt des Autors Harald Martenstein (u.a. für WELT), der vehement vor einem AfD-Verbot warnte, mussten Sie viel Kritik einstecken.
Rau: Ich kenne Martenstein als sehr zögerlichen Menschen, und war deshalb etwas erstaunt über seine Performance. Als er sich nach der Rede neben mich setzte, sagte er: „Ich habe abgeliefert, oder?“ Das hatte er, Millionen teilten seine Rede. Er hat einige Dinge gesagt, die nicht ganz stimmen, aber in einem Punkt muss ich Martenstein zustimmen: Wenn man die AfD verbieten will, dann will man eben auch diese Form der Mehrheitsdemokratie nicht, durch die sie ja erst möglich wird und die aber dummerweise unser politisches System ist.
Wissen Sie, was mir in Hamburg klar geworden ist? Wir konnten von links auf dem Feld der Identitätspolitik nie gewinnen, sondern waren bloß Steigbügelhalter der konservativen Revolution. Das ist die Rechnung, die uns der Weltgeist in der Person von Harald Martenstein präsentiert hat.
WELT: Was wäre der Ausweg aus dieser Sackgasse?
Rau: Ein System-Shift, aber von links. Wir müssen die Demokratie von innen mit Leben erfüllen, sie globalisieren, sie vermenschlichen. Das Problem ist, dass unser aktuelles politisches Feld so eng mit hyperkapitalistischen Entwicklungen verzahnt ist, dass die Resultate des Wählerwillens jährlich katastrophischer werden. Wie Ihnen jeder Politologe sagen wird, haben wir in Deutschland oder den USA noch ein kurzes Zeitfenster, bevor die AfD die absolute Mehrheit erreichen wird oder Trump sein Land final umgebaut hat.
Für die Griechen galt die Demokratie als Vorform der Tyrannis, und das war sie ja auch, übrigens auch bei den Römern und nach der Französischen Revolution. Liest man sich heute die „22 Thesen“ von Palantir-Chef Alex Karp oder die Strategiepapiere der AfD und anderer rechter Parteien durch, dann steht uns der genau gleiche Übergang bevor: eine Symbiose aus Staatsmacht, Militär, Medien und Technologie – im Namen der Verteidigung der „Demokratie“ gegen alle „schädlichen Kulturen“, inklusive Massenabschiebungen. Aber was können wir tun, außer immer nur „Nein“ zu sagen und ein System zu verteidigen, an das wir selbst nicht mehr glauben?
WELT: Haben Sie eine Idee?
Rau: Ich habe kürzlich die nachgelassenen Schriften von David Graeber gelesen, dem berühmten Anarchisten aus den USA und Verfasser der Klassiker „Bullshit Jobs“ und „The Dawn of Everything“. Das Großartige an Graeber ist, dass er einen völlig eigenständigen Blick hat, der sich genauso gegen den Bullshit der Konservativen wie der linksliberalen Sonntagsreden absetzt. Grundsätzlich denkt er über das nach, was er einen „konzeptionellen Bruch“ nennt, simpel gesagt: einen Gesellschaftsvertrag, der nicht auf Mehrwert und Privatbesitz, sondern tatsächlich auf der Entfaltung des Menschlichen beruht.
Warum nicht eine radikal vermenschlichte Demokratie fordern, mit bedingungslosem Grundeinkommen, globalem Schuldenerlass, einer Kultur, in der die reine Freude jede Praxis bestimmt – einen humanen Neuanfang? Warum mit offenen Augen in den Tech-Faschismus hineinrennen, während genau die gleiche Technologie eine anarchistische Utopie faktisch ermöglichen würde? An diese Ideen müssen wir anschließen.
WELT: Würden Sie dem Tech-Milliardär Peter Thiel bei den Festwochen eine Bühne bieten? Man hört, Sie hätten ihn eingeladen.
Rau: Das habe ich auch gehört. Tatsache ist: Es gibt dazu aktuell nichts Konkretes im Programm, ich halte das aber für eine sehr gute Idee. Der kulturelle Mind-Shift, und zwar von rechts, ist fast abgeschlossen. Und zwar, weil wir unsere Augen und liberalen Bühnen davor verschlossen haben.
Martenstein, Feroz Khan, Breivik oder die Salafisten, mit denen ich mich in früheren Projekten beschäftigt habe: Das sind alles interessante Sprechpuppen, aber sie haben so wenig Macht wie ich oder Sie. Palantir, die Firma von Thiel und Karp, ist dagegen eine privat geführte Firma, die real die Welt kontrolliert, jenseits aller Verfassungen und Bühnenshows. Sie entscheidet, wie unsere Kinder leben und wie sie sterben werden. Ist uns das wirklich bewusst? Sind wir darauf in irgendeiner Weise vorbereitet? Wir müssen unseren Widerstandsgeist trainieren, wir müssen unsere Zukunft zurückerobern. Sonst enden wir wie die Menschheit im Film „Matrix“: als intelligente Biobatterien in einer KI-gesteuerten Welt.
WELT: Bei den Festwochen geht es auch um das „Dark Enlightenment“. Warum sollte sich das Theater mit dieser neoreaktionären Bewegung aus dem Silicon Valley beschäftigen, die als philosophischer Angriff auf die Aufklärung gilt?
Rau: Die neuen Tech-Milliardäre haben eine unglaubliche Macht, sie sind einflussreicher als die Könige zu Shakespeares oder die ideologischen Führer zu Brechts Zeiten. Sie können nicht nur Kriege auslösen und beenden – sondern dann auch ganz entspannt leugnen, dass es jemals einen Krieg gegeben hat.
Mich interessiert, woran diese Menschen glauben, was sie denken, genauer: wie sich unsere Zeit in ihnen denkt. Als ich kürzlich das Buch „Muskismus“ gelesen habe, wurde mir klar, dass Elon Musk etwas sehr Einfaches begriffen hat: dass militärische Macht und mediale Reichweite die Wirklichkeit bestimmen und deshalb die Kombination von beidem die Weltherrschaft bedeutet.
Ich bin kein Zyniker, kein Machiavellist. Ich kämpfe auf der Bühne für das Leise, das Nutzlose, das Sanfte, für das Unsichtbare und Unbemerkte: So schreiben wir aktuell mit „Das beste Stück aller Zeiten“ eine anti-triumphale Geschichte der Festwochen, eine naive Hymne des Theaters aus den Augen jener, die normalerweise im Schatten stehen. Aber wir müssen uns auch dem Brutalen, dem Unmenschlichen, der professionellen Rhetorik der Macht aussetzen. Denn wie einst Hölderlin schrieb: Wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch.
Die Wiener Festwochen laufen vom 15. Mai bis 21. Juni.
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