Ich wohne in der Nähe einer Grundschule. Zu Fuß, im Auto oder mit dem Fahrrad führt kein Weg daran vorbei. Morgens sogar wortwörtlich: Eltern parken ihre Vans nebeneinander auf der Straße, eskortieren ihre Kinder bis ins Klassenzimmer und schreien sich vor der Schule an, sobald ein SUV im Weg steht. Seit es Lastenräder gibt, ist auch der Bürgersteig blockiert. Väter und Mütter streiten sich um Hofzufahrten und um Wenderadien, während die, um die es geht, apathisch in den Wägelchen hinter der Wetterfolie darauf warten, aufstehen und aussteigen zu dürfen – und einfach Kinder zu sein.
Am Vormittag käme ich an der Grundschule gut durch, werde aber gern langsamer und schaue nach den Kindern. Sie rennen über den Schulhof. Sie hüpfen herum. Sie reagieren ihre unglaublichen Energien ab. Sie sind laut. Sie tun, was Kinder immer taten, früher allerdings auch auf dem Weg zur Schule und wieder zurück nach Hause, wo es so wild weiterging. Ich weiß, die Zeiten ändern sich. Sätze, die anfangen mit „früher war es so“, nerven mich, seit ich denken kann. Früher war es so, dass wir in die Schule gingen, unsere Eltern gingen unterdessen arbeiten, wir gingen ohne sie. Wer weiter weg wohnte, kam mit dem Bus oder der Bahn, allein.
Bevor ich Fahrrad fahren konnte, saß ich, wenn meine Familie einen weiteren und längeren Ausflug unternahm, auf einem winzigen Sattel auf der Stange meines Vaters. Bevor meine eigenen Kinder fahren konnten, saßen sie im Korb, auf dem Gepäckträger und schließlich TÜV-gerecht hinten auf einem Kinderthron, den ich schon seltsam fand. Mit fünf Jahren war Schluss damit. Seither fahren sie selbst. Zur Schule liefen sie, den Weg fanden sie ohne mich.
Die Kinder heute tun mir leid. Ein Freund, der sich auf seinen Ruhestand als praktizierender Pädiater freut, zeigt sich bestürzt über die körperlichen Zustände seiner kleinen Patienten. Nähme er die Untersuchungen noch ernst, klagt er, könnte er kaum eines der Kinder in die Schule schicken. Auch nicht in Begleitung ihrer Eltern in der Sänfte eines Babboe-Lastenrads. Die Kinder scheiterten bereits daran, auf einem Bein zu stehen. Völlig überfordert seien sie damit, auf einer geraden Linie auf dem Fußboden zu balancieren. Früher, sagt er, war der Kinderarzt noch für die frohe Botschaft zuständig: Die Menschheit wird immer gesünder, klüger und geschickter.
Kleine Könige in mobilen Safe Spaces
Ich bin alles andere als ein Troll, der Lastenräder stellvertretend und symbolisch für ein grünes Spießertum verachtet. Was im Osten schon der AfD gelegen kam: „Simson statt Lastenrad!“ Ich habe auch nichts gegen DDR-Mopeds. Aber die Vorstellung, sämtliche Lastenräder, die in meiner Stadt die Fußgänger erschrecken und die Straßenkreuzungen belagern, wären knatternde, stinkende Zweitakter, fände ich als Alternative eher untauglich für Deutschland. Mir geht es nicht um Ressentiments, sondern um Kinder, die wie Lasten transportiert werden. Ratlos macht mich schon die aus den Provinzen in die Großstädte verlagerte Marotte, alle Wege mit dem Rad zurücklegen zu müssen, selbst die kürzesten. Werden die Wege etwas länger, fahren die Radler mit ihren Rädern im Personennahverkehr, warum auch immer.
Auf den Straßen werden die elektrisch angetriebenen Cargo-Bikes genannten Lastenräder bald so lang und breit sein wie Familienautos. Immer ausladender werden aber auch die Kinderanhänger. Praktischerweise lassen sich die Anhänger wie Kinderwagen schieben, wenn die Eltern laufen oder wandern wollen. Überhaupt vermehren sich die Arten solcher Fahrzeuge, um Kindern die Bewegung zu ersparen und ihnen zu zeigen, dass sie es verdienen, durch die Welt kutschiert zu werden. Da wären die Longtails: In noch längeren Elektrolastenrädern finden mehrere Kinder Platz auf einer Sitzbank hinter dem Chauffeur wie früher in den Krippenwagen für die Kleinkinder, die noch nicht richtig laufen konnten.
Dass die Eltern mit den Kinderlastenrädern und den Kinderanhängern herabschauen auf Vans und SUVs als Kindertaxis, ist nichts anderes als milieubedingte Distinktion und sei ihnen gegönnt. Aber es geht ja nicht um sie, wenn es um ihre Kutschen geht. Da sitzen Kinder drin, die Knie an den Ohren, die schon stumpfsinnig auf ihre Telefone starren. Da steigen noch Zehnjährige aus. Was geht in Eltern vor, wenn sie sich darum sorgen, ihren Kindern könnte auf dem einen knappen Kilometer langen Schulweg etwas zustoßen oder sie könnten sich verlaufen – sie dann aber im rollenden Kokon durch ihre Kindheit schieben oder ziehen und sie damit ernsteren Gefahren aussetzen?
Ich weiß, die stolz strampelnden Rikschaeltern werden das nicht gern lesen, aber auch ihre Kinder werden den mobilen Safe Spaces entwachsen und erwachsen werden. Sie, die Kinder, werden aufrecht gehen müssen, auch über weitere Strecken, wo die Winde ihnen ins Gesicht wehen. Vielleicht werden sie trotzdem nicht zu unbeholfenen und ängstlichen, verzogenen und ungeselligen, narzisstischen und weltfremden Mitmenschen werden. Vielleicht aber doch. Dann sollte sich die Welt vor ihnen hüten. Vor den Sänftenkindern, den Paschas von morgen.
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