Spannend, wie anschlussfähig das Pathos der Antike heute wieder ist. Die stolze Heldenpose in Sandalen erlebt so ein erstaunliches Comeback. In den großartigen, klar auf Überwältigung hin konstruierten Bildern von Christopher Nolans „Odyssee“, von der soeben der erste richtige Trailer erschienen ist, sieht unsere mythisierte Antike aus wie die ferne Zukunft von Denis Villeneuves „Dune“, nur mit riesigen Rittern statt böse herabschwebender Sardaukar. Die Ästhetik ist himmelweit entfernt von albernen, selbstironischen Takes wie in David Lynchs campem „Dune“. Interessant übrigens, dass die ganze Postmoderne Homer weiträumig umschiffte: Die letzte maßgebliche Verfilmung „Die Fahrten des Odysseus“ mit Kirk Douglas ist von 1954 – auch episch großes Seemannsgarn ohne Draht zu Parodie und Witzelei.

Matt Damon als Odysseus wirkt irgendwie wie ein Fremdkörper – zu wenig elegant für einen altgriechischen Feldherrn, zu vierschrötig und kurz gebaut. Er guckt meist sehr niedergeschlagen und variiert in seinen Äußerungen den immer gleichen Wunsch, dass er „nach Hause“ will. Ein wenig hat er was von einem Kind, das aus dem Bälleparadies abgeholt werden möchte. Kirk Douglas war da ein anderes Kaliber.

Aber gut, jetzt wird es halt „Bourne“ im Trojanischen Krieg. Immerhin darf der Mann auf seiner ewigen Heimfahrt offenbar in Würde altern und mit ergrautem Rauschebart und von vielen Jahrzehnten Hellas-Sonne gegerbter Haut (Sonnencreme war noch nicht erfunden) schon mal die Wasser testen, in denen sein Freund George Clooney längst entspannt planscht. Demnächst kommt sicher auch die Werbung für eine italienische Kaffeemarke – oder wird es eher ein Schafskäse?

Charlize Theron als Calypso hingegen: Obwohl sie den schiffbrüchigen Odysseus sieben Jahre auf der apokryphen Insel Ogygia beherbergt (manche sagen, gefangen hält), ist sie nur Sekundenbruchteile zu sehen. Auf den ersten Blick wirkt sie, als hätte das Make-up-Department wenig zu tun gehabt. Warum auch? Bisschen Lidschatten, und fertig ist die schönste Frau der Welt. Helena von Troja, wenn sie denn je gezeigt wird (im Trailer jedenfalls nicht), muss sich warm anziehen. Aber Odysseus will nur nach Hause, zu seiner geliebten Penelope, gespielt von der aufs sanft Neurotische abonnierten Anne Hathaway. Also, wenn wir in Damons Sandalen steckten, würden wir noch ein paar Tage auf Ogygia dranhängen.

Das Trojanische Pferd kann jetzt auch laufen

Tom Holland als Odysseus’ Sohn Telemachus: Der Mann ist inzwischen 29. In dem Alter waren die meisten altgriechischen Männer schon auf dem Schlachtfeld gefallen oder gingen schwer auf die Vergreisung zu. Dank moderner Beauty-Produkte, „Spider-Man“-Crossfit und Baby-Face-Genen geht Holland aber notfalls als schüchterner Jüngling durch, der sich von Robert Pattinson als Freier seiner Mutter das Messer an die Gurgel setzen lässt. „Ich will alle von denen tot sehen!“, raunt Pattinson geradezu idealschurkenhaft, bevor er Hathaway mal wieder zu verklickern versucht, dass ihr Gatte garantiert nicht zurückkommt. Aber die trennt, wie man von Homer weiß, das Leichentuch, das sie tagsüber webt, nachts wieder auf. Erst wenn es fertig ist, verspricht sie, würde sie Tinder installieren. Klingt für uns wie ein Cliffhanger in einer Dating-Kolumne.

Nolan, dessen Herz für andere Arten von Kitsch schlägt, zeigt stattdessen lieber massige Wellen, durch die sich Odysseus’ Trireme, oder wie das Langboot heißt, soeben quält. Übrigens ist auch Zendaya mit von der Partie. Im echten Leben ist sie mit Holland liiert. Sie ist Athene, Göttin der Weisheit und des Krieges. Aber ihre Beziehung kann das drastische Machtgefälle sicher verknusen. Im Gegensatz zu Telemachus ist Holland ja ein moderner Mann.

Schließlich die Monster: „Ich glaube, es schläft“, flüstert Damon einmal, tief im Inneren einer düsteren Höhle. In der Sekunde gibt es natürlich ein fürchterliches Geräusch, irgendwo zwischen Stöhnen und Steinschlag, und eine so horrormäßig verschrumpelte wie kräftige Hand greift nach ihm. Man darf getrost davon ausgehen, dass Damon sich getäuscht hat. Einiges spricht dafür, dass wir hier die Bekanntschaft eines Zyklopen machen, vielleicht sogar des berühmten Deppen, der auf Odysseus’ List, sich „Niemand“ zu nennen, hereinfällt. Die anderen Zyklopen, aufgescheucht durch sein Wehklagen, nachdem ihm der gemeine Odysseus das einzige Auge geblendet hat, gehen sauer wieder nach Hause, als sie hören, „niemand“ habe das getan.

Adorno als früher Klimaaktivist

Adorno und Horkheimer beobachteten hier bekanntlich die Schlauheit des Menschen im Widerstreit mit einer tumben Natur, was aber nicht nur etwas Gutes ist. Die Frankfurter Schule liebt ja die Dialektik und sieht in allem auch sein Gegenteil. In Bezug auf Homer darf Adorno deshalb als früher Klimaaktivist gelten. Die Odyssee wäre demnach die Schneise der Verwüstung, die der keimende Kapitalismus durch eine Natur schlägt, die vielleicht nicht gerade friedvoll ist, in der die verschiedenen Monster und ihre Opfer aber seit Urzeiten gut miteinander auskommen. Odysseus’ absurder Mittelmeertourismus stört diese prekäre Balance. Das gilt für die Zyklopen wie für Skylla und Charybdis, Meeresungeheuer und gewaltiger Strudel, die historisierende Literaturwissenschaftler gern in der Straße von Messina vermuten.

So, das sprengt jetzt allmählich den Rahmen des Trailers. Mehr davon, wenn der Film fertig ist. Startdatum ist der 16. Juli.

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