Wie schön, denkt man – und wie trist. Der Deutsche Pavillon ist dieses Jahr also mit einem Mosaik verkleidet worden. Sofort wird ihm seine vertraute Wuchtigkeit und Einschüchterungswirkung genommen, der klassizistische Bau von 1938 wirkt unter den üppigen Bäumen der Giardini in Venedig gleich lebenswerter, leichter, italienischer, bleibt aber natürlich wuchtig, eine kräftige Soldatin im Paillettenkleid.

Doch mit den drei Millionen fingernagelgroßen Steinchen malt die Fassade uns nun auch ein Bild: Sie bilden die Fassade einer Plattenbauruine in Berlin-Hohenschönhausen ab, mitsamt ihrer seriellen Tristesse. Nur die Rückseite zum Wasser hin ist weiß geblieben. „RUIN“ heißt der Beitrag von Sung Tieu und Henrike Naumann. Es ist eine künstlich erzeugte Ruine, ein schönes Spiel zwischen Aufwand und Abriss, Dekoration und Funktionalität.

Innen hat die 1984 in Zwickau geborene, am 14. Februar 2026 unerwartet an Krebs verstorbene Henrike Naumann ein unbehagliches Grün verstreichen lassen. Es soll die typische Wandfarbe sowjetischer Kasernen sein. Davor sind Dioramen gehängt, die auf zwei Dinge Bezug nehmen: den seltsam technoid-spätpostmodernen Einrichtungsstil in Ostdeutschland der frühen 1990er und den sozialistischen Realismus der DDR-Staatskunst vor der Wende. Naumanns Künstlergroßvater Karl Heinz Jakob malte 1960 „Die Mechanisierung der Landwirtschaft“. Die Künstlerin baut das heroische Wandbild mit Altkleidern und Furnierholz nach, als bühnenhafte Assemblage.

Es war ihr wichtig, sagt bei einer Führung die Ausstellungskuratorin Kathleen Reinhardt, die als Direktorin das Georg-Kolbe-Museum in Berlin leitet, die sächsische Volkskunst in den Pavillon hineinzubringen. Henrike Naumann erlebt ihre wichtigste bisherige Ausstellung nicht mehr, hat aber noch bis zuletzt daran gearbeitet, etwa an einem Lexikon der von ihr gesammelten und ausgestellten Objekte an der Wand. 3D-Reliefbilder, halbierte Stühle an den Wänden und Vorhänge an den hohen Fenstern verschieben den Vibe im erhabenen Kunsttempel ein gutes Stück in Richtung Galerie Arschgeweih. Was in dem Instagram-Blog ironisch gebrochen und sardonisch kommentiert wird, scheint hier mit fast schon ethnografischer Akkuratesse verfolgt zu werden – man schämt sich nicht mehr für den Poco-Domäne-Style der eigenen Vergangenheit, sondern nimmt ihn und damit die eigene Geschichte in den Blick.

Wollte man es in einen Satz bringen, müsste man sagen: Der Deutsche Pavillon ist noch deutscher geworden. Nicht im essenzialistischen, völkischen Sinn, sondern vollständiger. Der wuchtige Bau mit seinen unter NS-Einfluss hinzugefügten Monumentalpfeilern hat mit Henrike Naumann und Sung Tieu einige Facetten hinzugewonnen, die aus der realen Wirklichkeit des geteilten und dann wiedervereinigten Landes stammen und sich in ihn einschreiben.

Damit setzt sich ein Trend fort. Vor zwei Jahren war es der Gastarbeitersohn Ersan Mondtag, der seinem türkischen Vater im Inneren ein betretbares Asbest-Monument errichtete. Jetzt ist es die reale Wirklichkeit Ostdeutschlands post 1989. Das hat biografische Gründe. Noch nie zuvor wurde der Deutsche Pavillon von im Osten sozialisierten Künstlerinnen bespielt, auch Kuratorin Kathleen Reinhardt stammt aus Thüringen. Alle drei Akteurinnen sind in den 1980ern geboren, alle drei thematisieren ihre Herkunft in diesem Beitrag. Der Deutsche Pavillon ist dieses Jahr damit wieder einmal ein Ort, in dem Identität tendenziell mehr verhandelt wird als Form.

Henrike Naumann, „Die Innere Front“, 2026Eine weitere Ansicht von Henrike Naumanns, „Die Innere Front“, 2026

Das kommt sicher auch daher, dass sich die Kunst recht gut erzählen lässt. Zu jedem Objekt, jeder Farbe, jedem Material in dieser Ausstellung gibt es eine Geschichte, die in der Wirklichkeit verankert ist, zugleich aber ins Politische und Gesellschaftliche transzendiert. Wie Zahnräder greifen die Geschichten in der Ausstellung ineinander. Da wäre zum einen das Äußere: der Plattenbau am Rande Berlins, dessen Fassade der Pavillon als Trompe-l’œil imitiert. Die 1987 in Hải Dương bei Hanoi geborene, in Berlin lebende Künstlerin Sung Tieu verbrachte dort Teile ihrer Kindheit. Ihr Vater war bereits 1987 nach Freital in Sachsen übersiedelt, um in einem Edelstahlwerk zu arbeiten. Sie kam 1992 mit der Mutter nach.

Kein anderes Land schickte mehr Vertragsarbeiter in die DDR als Vietnam. Die Vietnamesen lebten unter der misstrauischen Aufsicht des SED-Staates, wurden aber als Arbeitskräfte gebraucht. Wirklich integrieren wollte man sie nicht, von Selbstbestimmung konnte auch keine Rede sein. Im Wohnheim in der Gehrenseestraße herrschte ab 22 Uhr Ausgangssperre, wer schwanger wurde, flog raus oder musste abtreiben. Diese Platte war also auch eine Art Lager, denkt man, wenn man das im Katalog nachliest. Dort ist eine Chronologie der Plattenbausiedlung enthalten, erstellt von Sung Tieu.

Sie endet mit Immobilienspekulation und Abriss – und enthält ein unterbelichtetes Kapitel der deutschen Geschichte. Als die DDR nach 1990 abgewickelt wird, werden die meisten der 90.000 Vertragsarbeiter arbeitslos, verlieren ihren Aufenthaltsstatus. Ausländerfeindliche Übergriffe nehmen zu. Wer trotzdem bleibt, wird oft mit Blumenläden, Gastronomie oder Dienstleistungen selbstständig. Das den Berliner Osten bis heute prägende vietnamesische Kleinunternehmertum mit dem Dong Xuan Center in Lichtenberg als zentralem Handelsplatz hat hier seinen Ursprung.

Sung Tieu: „Human Dignity Shall Be Inviolable“, 2026

Die komplexe Geschichte des Wohnheims geht noch weiter, entzieht sich aber der Abbildbarkeit. Dafür ist der Titel sprechend: „Human Dignity Shall Be Inviolable“ („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) zitiert Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes. Sung Tieu entscheidet sich in den beiden Flügeln des Pavillons für minimalistische Metallskulpturen und gläserne Abgüsse von Körperteilen, ein Schwarm Marienkäfer hat einen Teil der weiß gestrichenen Decke befallen. Henrike Naumann wiederum bespielt den zentralen Raum mit zwei Vorhängen aus je 350 Kilo schweren, aneinandergeschmiedeten Kettenhemden, an denen Performerinnen der venezianischen Vertikal-Tanzgruppe Il Posto herunterklettern werden.

Der Krieg, sonst fern im idyllischen Venedig, ist so zumindest im Ansatz zu spüren. Kasernengrün und Kettenhemden stehen hier für verschiedene Kapitel einer Geschichte, in der Frieden nur ein Zwischenzustand ist. Henrike Naumann sucht in ihrem postumen Beitrag nach einer „archäologischen Vorgeschichte der Gegenwart“ – und geht offenbar davon aus, dass uns der große Krieg erst noch bevorsteht. Man kann sie nicht mehr dazu befragen, wie genau sie das gemeint hat.

Man muss es sich also selbst denken – und fragen, ob dieser Beitrag wohl einen Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag wert gewesen wäre, hätte nicht der Streit um andere Kriege dazu geführt, dass es bei dieser Biennale keine Fachpreise gibt. Nachdem wegen der Kontroverse um die Teilnahme von Russland und Israel die Jury zurücktrat, wird es 2026 nur Publikumspreise geben, allerdings erst im November, wenn diese 61. Biennale von Venedig zu Ende geht.

Wenn man eine erste Einschätzung abgeben müsste, wer bei den Besuchern zum Favoriten werden könnte, dann wäre der Pavillon von Österreich mit Sicherheit im Rennen, schon weil er der unterhaltsamste und aufwendigste ist. Der wilde Wasserzirkus der Regisseurin Florentina Holzinger unterhält mit nackten Frauen, die als Klöppel in Glocken umherschwingen, stundenlang in einem Wassertank tauchend ausharren und die wiederverwerteten Ausscheidungen der Besucher in ein absurdes Leitungssystem einspeisen. Und dass Russlands Pavillon wieder aufmacht, ist zwar einerseits ärgerlich, andererseits hat er auch nicht viel mehr als Blumengestecke und seltsame Musikperformances zu bieten.

Über die kommenden sechs Monate hinweg wird sich an der Lagune nun entscheiden, wer am Ende den Löwen bekommt – möglicherweise wird es am Ende ja tatsächlich die postpostmoderne Reinterpretation der sächsischen Volkskunst sein.

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