Es gibt Bücher, die schon bald nach ihrem Erscheinen aus der Zeit fallen. Die meisten Politiker-Porträts gehören dazu. Oder die stattliche Anzahl durchaus ambitionierter Bücher, die sich zum Beispiel der Ära Kohl oder der rot-grünen Kanzlerschaft Gerhard Schröders widmeten. Es gibt aber auch zeitdiagnostische Bücher, die noch nach Jahrzehnten erhellend und ergreifend sind. Dazu gehört Sebastian Haffners schmaler Band „Der Teufelspakt“, der 1968 erstmals erschienen und jetzt in einer Neuauflage erschienen ist.

Das ist umso erstaunlicher, als man etlichen zentralen Annahmen und Aussagen des Buches heute kaum noch zustimmen kann. Das Buch trug bei seinem ersten Erscheinen den korrekten Untertitel „Fünfzig Jahre deutsch-russische Beziehungen“. Daraus wurde in der Neuauflage „Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen“. Das ist schade, denn so wird ein überzeitlicher Ansatz vorgetäuscht, dem der Autor nicht folgt. Haffners Darstellung beginnt mit Lenins Reise von Zürich über Deutschland nach Petrograd, also mit der Oktoberrevolution von 1917. Die gesamte wechselvolle wie intensive Vorgeschichte der deutsch-russischen Beziehungen lässt Haffner beiseite. Nicht aus Unkenntnis, sondern aus seiner leidenschaftlichen Zeitgenossenschaft heraus.

Man versteht den Zuschnitt des Buches nur, wenn man sich Haffners Lebensweg vergegenwärtigt. 1907 geboren, stammte er aus einem gehobenen und national gesonnenen Berliner Bürgerhaushalt. Der umtriebige junge Mann verkehrt in den frühen 1920er-Jahren in antirepublikanischen Kreisen. Schon bald aber wendet sich Haffner davon wieder ab. In seinem autobiografischen Buch „Geschichte eines Deutschen“ schildert er, wie er einen Sinn für die Republik entwickelte und sich einem Milieu junger Menschen zugehörig zu fühlen begann, das Lust auf Zukunft, Demokratie, Weltoffenheit und Tennis hatte.

Hitlers Aufstieg und Sieg verfolgt Haffner erst mit Spott, dann mit Entsetzen. Aus freien Stücken entscheidet er sich für die Emigration nach England. Früh verstand Haffner, dass Hitler nicht nur Versailles für sich ausbeutete, sondern schon seit „Mein Kampf“ die Furcht vor dem Osten, vor dem Bolschewismus, befeuerte. Und damit in der deutschen Tradition der Furcht vor dem unermesslich großen Russland stand, von dem sich die Deutschen immer auch auf dunkle Weise anziehen ließen.

Haffners erzählte Zeit beginnt mit Lenin, Stalin und Hitler, sie endet mit Adenauer und Ulbricht. In ihr sind Russland und Deutschland auf vielfache, stets außerordentlich intensive Weise aufeinander bezogen, miteinander verflochten. Das ist das Thema des Buches. Es ist das erste populär gewordene Buch, das die Bedeutung dieses Verhältnisses für die Geschichte des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt stellt. Es entfaltet eine Fülle von Paradoxien und Unwahrscheinlichkeiten. Haffner, der ein starkes Gespür für Überraschendes hatte, arbeitet diese mit einer bemerkenswerten Lust an Pointen – auch überzeichneten Pointen – heraus. Man muss sich bei der Lektüre immer wieder vergegenwärtigen, dass das Buch zuerst als Serie im „Stern“ erschienen ist. Haffner schreibt also auf ein westdeutsches Publikum hin, das sich damals mehr oder minder überzeugt nach Westen gewandt hatte und für das Russland beziehungsweise die Sowjetunion eine terra incognita war.

Mitten im Kalten Krieg

Das Buch muss damals etwas Sensationelles gehabt haben. Denn mitten im Kalten Krieg, in dem eine so klare Linie zwischen Gut und Böse zu verlaufen schien, eröffnet Haffner seine Erzählung mit der Feststellung, dass es das kaiserliche Deutschland gewesen sei, das die Oktoberrevolution überhaupt erst möglich gemacht hat. Und zwar, indem es dem verlorenen Sektierer Lenin die Reise nach Petrograd ermöglichte und finanzierte – wohl wissend, dass dieser eine sozialistische Revolution entfachen wollte. Dem Kaiser und den Militärs kam das entgegen, sie erhofften sich durch die Revolution eine Schwächung des Kriegsgegners Russland und daher militärische Entlastung im Osten. Schon da zeigte sich, dass das Zeitalter zu Ende ging, in dem für die Königs- und Kaiserhäuser Europas die real oder quasi familiären Beziehungen letztlich Vorrang hatten vor allen aktuellen politischen Querelen. Das Kaiserreich nahm militärischer Vorteile wegen in Kauf, dass die Bolschewiki in Russland an die Macht kamen, die erklärtermaßen die politische Ordnung in ganz Europa umstürzen wollten.

Die Geschichte ist für Haffner ein Gewässer, das nicht berechenbar ist und schnell zum Sturzbach werden kann. Solche Momente faszinieren ihn. Seine Erzählkunst besteht nicht zuletzt darin, dass er es versteht, historische Schlüsselszenen in ihrer Dramatik und oft auch Komik plastisch zu machen. Etwa den Vertrag von Rapallo, in dem es dem russischen Außenminister Tschitscherin in bestem Zusammenspiel mit den deutschen „Ostlern“ gelang, Deutschland am Beitritt in eine westliche Bündnisstruktur zu hindern.

Zeitgenössische Grafik zum Vertrag von Rapallo aus dem „Simplicissimus“ vom 10. Mai 1922

Schon 1918 kam es zu den deutsch-bolschewistischen Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk. Hier stießen eitle deutsche Adelige, Generäle und Diplomaten auf fast verwahrlost wirkende russische Arbeiter, Bauern und Soldaten sowie einen flamboyant auftretenden Leo Trotzki. Der russischen Delegation gehörte auch die ehemalige Terroristin Anastassija Bizenko an, die ihrem deutschen Tischnachbarn lebhaft beschrieb, wie sie 1905 einen russischen Militär ermordet hatte. Die deutsche Freifahrkarte für Lenin war kein Versehen.

Als Deutschland nach Versailles militärisch die Hände gebunden waren, luden die Bolschewiki die Reichswehr nach Russland ein. Dort konnte sie, unbeobachtet von westlichen Geheimdiensten, aufrüsten und sich auf den nächsten Krieg vorbereiten. Es entwickelte sich eine weit über das Dienstliche hinausgehende Kameraderie, mehrfach hebt Haffner die „Intimität“ dieser Beziehung hervor. Von Deutschland aus gesehen, stand hinter dieser engen Verbindung auch der Wunsch, „im Osten Versailles ungeschehen zu machen“.

Nicht nur das Kriegshandwerk, sondern besonders auch die Gegnerschaft zum demokratischen Westen verband beide Seiten. So reiht sich ein kaum glaubliches Paradox ans andere. Von den Bolschewiki gefördert, konnten Deutsche die Waffen entwickeln und erproben, mit denen sie dann 1941 die Sowjetunion überfielen. Um den „Sozialismus in einem Land“ – wie es in der offiziellen Propaganda hieß – nicht zu gefährden, ließ sich die Sowjetunion auf den Hitler-Stalin-Pakt ein – um damit Hitler Zeit zu verschaffen, seinen Vernichtungskrieg gegen Osten vorzubereiten.

Deutschland und Russland – eine dunkle Liaison

Deutschland und Russland: Das ist bei Haffner eine Geschichte wechselseitiger Anziehung und Abstoßung. Eine Geschichte auch gegenseitiger Spiegelungen. Auf deutscher Seite waren gleichermaßen Seelenverwandtschaft und hasserfüllter Antibolschewismus bestimmend. Während auf sowjetischer Seite das nüchterne Kalkül des Schwächeren bestimmend war, der seine Chancen zu wahren versucht.

Als „Der Teufelspakt“ erstmals erschien, war in Deutschland die Rede vom rechten wie linken Totalitarismus im Schwange, hinter dem sich, wie Karl Schlögel im Nachwort zur Neuausgabe schreibt, „oft genug die Flucht aus der eigenen Vergangenheit“ verbarg. Es ist daher ein bedeutendes Verdienst des Buches, dass es erstmals unmissverständlich die ungeheure Barbarei des deutschen Russlandfeldzuges herausarbeitet – er war ein Vernichtungskrieg, der darauf zielte, die Russen zu einem „staatenlosen Helotenvolk“ zu machen.

Moskau 1939: Der sowjetische Außenminister Molotow unterzeichnet den Deutsch-Russischen Nichtangriffspakt. Hinter ihm steht der deutsche Außenminister Ribbentrop, daneben lacht Stalin

Es mag auch dieses – für Haffner untypische – Mitgefühl sein, das ihn dazu bewegte, auf Stalin fast milde und nachsichtig zu blicken. Er spricht es nicht aus, es wird aber deutlich: Hitler ist für ihn, wie er schreibt, ein „Träumer“. Ein Versager, der mit seiner fixen Idee von der Schaffung eines östlichen Kolonialreichs Deutschland zerstört und dessen Teilung verantwortet.

Stalin dagegen ist für ihn ein kühler, aufmerksamer Stratege. Schon an Lenin lobt Haffner dessen asketisch-strenge Art, seine „übermenschliche Demut“. Er bewundert, dass Lenin über Jahrzehnte hinweg auf völlig aussichtslosem Posten und gegen seine Mitstreiter am Ziel der Revolution festhielt. Haffner nennt die Oktoberrevolution „eine schwindelerregende Tat“. Der deutschen Sozialdemokratie wirft Haffner dagegen zornig vor, dass sie 1918 nicht fähig oder willens war, jenes „scharfe, geschliffene Lenkungselement“ zu schaffen, zu dem Lenin seine Partei gemacht hatte, ohne Rücksicht auf Verluste.

Es sind die großen Männer und die großen Taten, die Haffner umtreiben. Für Gesellschaftsgeschichte oder Fragen der Ethik hat er wenig übrig, sie gehören für ihn nicht auf den harten Tisch der Politik. Er pflegt da einen strengen Hyperrealismus. Als säße er in einer militärischen Kommandozentrale Berlins oder Moskaus belegt er die zwischen Deutschland und Russland gelegenen Staaten mit dem Begriff „Ländergürtel“, „Zwischeneuropa“ oder gar „Länderbarriere“. Was nahelegt, diese müsse überwunden werden – was ja nicht nur in der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts auch geschah.

Haffner ist auch nicht weit davon entfernt, Stalins Säuberungen der 30er-Jahre, denen unterschiedslos jeder zum Opfer fallen konnte, als eine Art Notwehr mehr oder minder zu rechtfertigen. Er spricht vom „Ausroden und Ausjäten“ schwankender Anhänger. Wie er auch, in der Zeit der deutschen Teilung angekommen, die Sowjetunion besser abschneiden lässt als Adenauer. Während dieser ein sturer Westler gewesen sei, habe die Sowjetunion mit der Stalin-Note von 1952 durch und durch „ehrlich“ ein wiedervereinigtes, aber neutrales Deutschland in Aussicht gestellt. Dass die (West-)Deutschen nach 1945 nicht mehr in Richtung Osten blicken wollten, sieht Haffner als bequeme Hinwendung zum westlichen Konsumismus. Er spricht, ausgerechnet einen Terminus aus dem kommunistischen Vokabular verwendend, von einer „kapitalistischen Einheitsfront“. Dass die Westbindung auch eine politische und richtige Entscheidung war, sieht er nicht.

Der glänzende Stilist Sebastian Haffner hatte die Neigung, sich an der Wirklichkeit und an Persönlichkeiten, die ihm missfielen, zu reiben. Und er liebte die Provokation, manchmal auch um ihrer selbst willen. Die Kolumne, die er 13 Jahre lang im „Stern“ schrieb, nannte er einmal seinen wöchentlichen „Knallfrosch“. Ein Knallfrosch ist dieses Buch freilich keineswegs. Es ist, wie vieles andere von Haffner auch, im Leiden an Deutschland geschrieben. Aus der Trauer auch, dass nach dem Ersten Weltkrieg die Republik so schnell auf eine schiefe Bahn geriet und Europa nicht die lichte Zukunft erlebte, die immerhin denkbar gewesen wäre.

Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn schrieb und lebte Haffner in den Koordinaten des Kalten Krieges. Diese waren auch ein Gefängnis. Je länger die Teilung des Kontinents andauerte, desto weniger wurde das im Westen als Beschädigung wahrgenommen. Doch der Quergeist Sebastian Haffner konnte sich damit nicht abfinden. Deswegen blickte er so scharf auf die deutsch-russische Verwicklung, die auch eine Tragödie war. Selten ist diese so eindringlich dargestellt worden wie in diesem Buch über einen Pakt, der des Teufels war.

Sebastian Haffner: Der Teufelspakt. Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Mit einem Nachwort von Karl Schlögel. Hanser, 224 Seiten, 24 Euro

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