Das Tiefste und Abgründigste findet sich oft hinter den schönsten Fassaden. Mal verbirgt sich der Horror hinter den perfekt gepflegten Kulissen des Bürgertums, mal hinter der scheinbaren Idylle amerikanischer Vorstädte – und bei der US-amerikanischen Midwest-Emo-Band American Football sind es die filigranen Gitarrenläufe, die vertrackten Rhythmen und diese beinahe schwerelose Ruhe, hinter der sich etwas anderes verbirgt.

In der Vergangenheit war da nur eine tiefe Melancholie. American Football machten Musik für Menschen, die selbst im Glück bereits den Schmerz seines Verlusts spüren, die in jedem möglichen Anfang schon das leise Echo eines Endes hören. Ihre Songs handelten nicht von den großen Tragödien, sondern von jener kaum greifbaren Melancholie, die entsteht, wenn man begreift, dass selbst die glücklichsten Momente flüchtig sind. Doch jetzt ist etwas ins Rutschen geraten.

Mit ihrem vierten Longplayer brechen American Football erstmals sichtbar mit der Logik ihrer eigenen Geschichte. Als die Band Ende der 1990er-Jahre zusammenfand, studierten die Mitglieder noch gemeinsam. Kurz nachdem sie ihre erste Platte aufgenommen hatten, löste sich die Gruppe dann praktisch schon wieder auf. „LP1“, wie das Album später fast mythisch genannt werden sollte, war ursprünglich nicht als Beginn einer großen Karriere gedacht, sondern eher als letzter Beweis eines gemeinsamen Lebensabschnitts, festgehalten, kurz bevor er zu Ende ging. Und selbst die Veröffentlichung stand zeitweise infrage. Erst die Betreiber des Labels Polyvinyl überzeugten die Band, die Songs überhaupt herauszubringen.

Der Erfolg blieb zunächst klein. Doch während die Gruppe längst Geschichte war, begann das Internet im Laufe der nächsten Jahre damit, die Platte wie ein vergessenes Artefakt wieder auszugraben. Aus einem kleinen Emo-Album wurde nach und nach ein digitales Kultobjekt, aus einigen melancholischen College-Songs eine Sprache für Nostalgie, Erinnerung und emotionale Unbehaustheit. Als die Band 2014 wieder zusammenfand, wirkte das zunächst beinahe unwirklich, wie die Rückkehr eines Projekts, das längst größer geworden war als die Musiker, die es einmal begonnen hatten.

Wie ein Strudel in dunkle Abgründe

„LP2“ aus dem Jahr 2016 tastete sich vorsichtig zurück in die alte, noch analoge Welt, erwachsener, schwerer, reflektierter, doch kulturell weiterhin dem Geist des Erstlingswerks verbunden. Erst mit „LP3“ aus dem Jahr 2019 lösten sich American Football endgültig von ihrer eigenen Vergangenheit. Der Sound öffnete sich hörbar, wurde weiter, atmosphärischer, stellenweise beinahe shoegazehaft. Die filigranen Gitarrenlinien blieben zwar erhalten, wirkten nun aber weniger wie ein Ausdruck jugendlicher Unsicherheit als wie der Nachhall gelebter Erfahrung. Gleichzeitig verschoben sich auch die Themen: Mike Kinsella, Kopf der Band, sang jetzt über Scheidung, Alkohol, psychische Krisen und das Älterwerden. Und jetzt die „LP4“.

Ja, etwas ist da außer Kontrolle geraten, und am besten lässt sich das vielleicht verstehen, wenn man den Höhepunkt des Albums hört: das epische Songmonster „Bad Moons“, ein Werk, das einen wie ein Strudel in die Abgründe der Dunkelheit zieht.

Schon das Musikvideo zeigt, dass der „American Football“-Kosmos nicht mehr das ist, was er einmal war. Die kunstvoll inszenierten Detailaufnahmen, die sich an der visuellen Ästhetik des Slow Cinema orientieren und die Stofflichkeit der Welt beinahe greifbar machen, tragen nur den ersten Teil des Songs. Dann bricht plötzlich etwas ein. Schwere, Unheil, Verzweiflung. Das Symbol für all das ist ein spitzer Stein, den ein Kind zu Beginn des Videos in einen Schneeball hüllt. Doch am Ende ist der Schnee geschmolzen, und was bleibt, ist der harte Kern, die brutale, die verletzende Realität, die man nur zeitweise verstecken kann, die einen aber immer wieder einholt.

Bei American Football ist mittlerweile alles weggeschmolzen, jede Form von Illusion, mehr aber noch jede Form von Hoffnung. „I lost everything in the dark“, singt Kinsella. Die Texte auf „LP4“ von American Football verweigern jede Form von Rettung, Katharsis oder romantischer Aufladung. In „Patron Saint Of Pale“ erscheint nicht einmal mehr eine gescheiterte Liebe als tragisch, sondern bloß noch als vollkommen sinnentleert. Genau diese emotionale Untertemperatur macht den Song so brutal. Sogar die klassische Emo-Hoffnung, dass Schmerz wenigstens Bedeutung schafft, hat der Song aufgegeben.

Dieses Album ist eine reine Selbstvernichtungsorgie

„No Feeling“ beschreibt dagegen einen Zustand emotionaler Totalerschöpfung. Noch endgültiger wirkt „No Soul To Save“. Nicht einmal mehr die Idee eines inneren Kerns bleibt übrig. Kein wahres Selbst, keine Essenz, nichts Erlösbares. Genau darin liegt die eigentliche Härte des Albums, das nicht nur die Hoffnung, sondern selbst die Voraussetzung für Hoffnung negiert. Dieses Album ist eine reine Selbstvernichtungsorgie.

Nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch dürfte „LP4“ die radikalste Platte der Bandgeschichte sein. American Football lösen sich hier Stück für Stück von ihrer eigenen Ikonografie. Die berühmten ineinanderfließenden Midwest-Emo-Gitarren bleiben zwar erhalten, wirken nun aber brüchiger, kälter und deutlich komplexer arrangiert. Immer wieder schieben sich dissonante Flächen, vibrierende Synthesizer, vibraphonartige Klangräume und fast schon progrockhafte Rhythmuswechsel zwischen die vertrauten Melodien.

Manche Songs verlieren sich minutenlang in hypnotischen Wiederholungen, bevor plötzlich eine melodische Linie auftaucht, die an die emotionale Direktheit der frühen Band erinnert. Dadurch entsteht ein eigenartiger Kontrast, denn „LP4“ klingt gleichzeitig größer und instabiler, opulenter und verletzlicher. Es ist Musik, die nicht mehr versucht, jugendliche Melancholie schön aussehen zu lassen, sondern die Erschöpfung des Alters hörbar macht. Dieses Album ist heavy. Im klassischsten Wortsinn. Aus dieser Schwere so große Kunst zu schaffen, wie American Football das tun, ist erstaunlich. Und zugleich beängstigend.

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