Wenn sich zwei widersprechende Zustände überlagern, spricht die moderne Physik von einer Superposition. Deren Maskottchen ist Schrödingers Katze, das meistzitierte Tier der Wissenschaftsgeschichte. Der Versuchsaufbau des gleichnamigen Experiments ist nicht unkompliziert. So weit wir es verstanden haben, geht es um zufällig frei werdendes Giftgas, dessen Wirkung erst einsetzt, wenn jemand kommt, um nachzusehen. Wir vermuten übrigens stark, dass selbst, wenn der Katze das Gas nicht den Garaus machte, sie durch eine Million Erwähnungen in Wissenschaftssendungen und Zeitungsglossen längst zu Tode geritten wäre. Obwohl es sich bei dem PR-Stunt in einer Kiste versteckt, handelt es sich offenbar um ein so selbstmörderisches wie aufmerksamkeitsgeiles Tier.
Bei Timmy, dem jüngst zu Ruhm gelangten Buckelwal, scheint es sich genau umgekehrt zu verhalten. Solange Betrachter anwesend waren – in Form allerlei Fernsehteams, YouTuber, Tierärzte, Multimillionäre, Schriftsteller, Ministerpräsidenten und Rocksänger –, ging es ihm prächtig. Kaum waren die Schaulustigen weg, hieß es plötzlich, Timmy habe wohl einen sogenannten Walsturz erlitten und liege so mausetot am Meeresgrund, wie das einem Buckelwal nur möglich ist. So gesehen wäre er ein Opfer der Quantenphysik, bloß mit umgekehrten Vorzeichen.
Wie man die publikumswirksame Superposition geschickter meistert, ohne gleich ins Seegras zu beißen, war diese Woche am Beispiel zweier Politiker zu erleben: Donald Trump und Giorgia Meloni. Trump führte den von Obama für zu kompetitiv befundenen und daher abgeschafften Presidential Fitness Test wieder ein und empfing zu diesem Anlass eine Abordnung von Schülern und Spitzensportlern im Oval Office. Dabei verriet Trump den verdutzten Gästen seine eigene Fitnessroutine: „Ich trainiere so viel – ungefähr eine Minute am Tag, maximal, wenn ich Glück habe.“
Schnell sprang Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. in die PR-Bresche. Trump laufe „jedes Wochenende neun Meilen auf dem Golfplatz“, behauptete Kennedy. Aber Trump hatte für die sportliche Räuberleiter nichts übrig und kickte sie verächtlich weg: „Wenn ich keinen Golfwagen benutze!“ Jedenfalls sollte zumindest der Daumen des Präsidenten durchs Dauertippen auf Truth Social, seinem bevorzugten digitalen Verlautbarungsorgan, in Topform sein, mindestens gleichauf mit dem moralischen Zeigefinger seiner politischen Gegner.
Trump lief sich offensichtlich gerade erst warm – und verschreckte die Kinder schon mit der nächsten Abweichung vom Rede-Manuskript, dass sie nämlich froh sein könnten, überhaupt noch am Leben zu sein. Schließlich hätte die iranische Bombe längst einschlagen können, hätte er das Atomprogramm der Mullahs nicht dem Erdboden gleichgemacht. Auch darüber gehen die Einschätzungen auseinander. Aber als Mann der Wissenschaft kennt Trump seine Schrödinger-Katze und vertraut darauf, dass alles, was man ignoriert, augenblicklich aufhört zu existieren.
Zugleich übte sich auf der anderen Seite des Atlantiks Giorgia Meloni in der Kunst des reibungslosen Selbstwiderspruchs. Auf ihren Social-Media-Kanälen teilte sie ein in herabwürdigender Absicht KI-generiertes Bild von sich in einem Hauch von Unterwäsche. „Ich muss zugeben“, kommentierte Meloni anerkennend, „dass derjenige, der es erstellt hat, mich deutlich besser hat aussehen lassen“.
Das Verbreiten von eigenen Deepfakes als Warnung davor ist ganz großes Superpositionskino nach Donald Trumps Geschmack. Auf dem Instagram-Kanal des Weißen Hauses setzt er sich bislang gern als Superman, Papst oder in dieser Woche als „Star Wars“-Mandalorianer in Szene. Demnächst dann sexy retuschiert in Unterhosen.
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