Wer in Deutschland einen Hauskredit oder einen Handy-Vertrag abschließt, muss damit rechnen, dass sein Schufa-Score abgefragt wird: ein Rating, das die Kreditwürdigkeit eines Verbrauchers indiziert. Aber mal ehrlich: Kennt jemand diese Bonitätsbewertung im Detail? Wie genau kommt sie zustande? Seit Jahren ranken sich um die Bonitätsformeln allerlei Mythen, die zuweilen klingen, als säßen da irgendwelche dubiosen Finanz-Alchemisten in ihren Laboren und würden Daten aus obskuren Quellen verrühren. So hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass man bei einem Schufa-Eintrag keinen Kredit bei der Bank bekommen würde. Überhaupt der Begriff „Schufa-Eintrag“: Suggeriert er doch, dass es da irgendwo ein kafkaeskes Strafregister gibt, das dem chinesischen Sozialkreditsystem nahekommt.

Die Schufa tat wenig, um diesen Spekulationen entgegenzutreten – und verteidigte ihren Score als Betriebsgeheimnis. Doch damit ist mittlerweile Schluss: Im März hat die private Auskunftei ihre Blackbox geöffnet und einen neuen Bonitätsscore präsentiert. Der „Schufa-Score“, der von 100 bis 999 geht, berücksichtigt unter anderem Kriterien wie Zahlungsstörungen, Alter des ältesten Bankvertrags sowie aufgenommene Ratenkredite in den vergangenen zwölf Monaten. Daraus ergeben sich fünf „Scoreklassen“, die ein wenig an die Bewertung von Schulleistungen erinnern: „hervorragend“ (776 bis 999 Punkte), „gut“ (709 bis 775 Punkte), „akzeptabel“ (642 bis 708 Punkte), „ausreichend“ (100 bis 641 Punkte) und „ungenügend“ (kein Score). Verbraucher können ihren neuen Score abrufen und ihre Daten anfordern.

Die Transparenzoffensive kommt nicht ganz unfreiwillig – der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat in seinem Urteil im vergangenen Jahr mehr Transparenz bei der Bonitätsbewertung angemahnt. Das neue Punktsystem, das den alten Prozentwert ersetzt, bringt jedoch insofern wenig Neues, als es lediglich die bekannten Bonitätsfaktoren bestätigt und in Zahlen gießt: altes Bankkonto, wenig Ratenkäufe, Immobilienkredite.

Der Geist des preußischen Anciennitätsprinzips

Der Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten. Der Schufa-Score, so die Kritik, benachteilige junge Menschen. Einen 20 Jahre alten Bankvertrag, der für die Vergabe der maximalen Punktzahl erforderlich ist, kann ein 18-jähriger Student, der gerade erst voll geschäftsfähig ist, genauso wenig vorweisen wie eine 20 Jahre alte Adresse oder eine 15 Jahre alte Kreditkarte. Junge Erwachsene ziehen – bedingt durch Studienortwechsel oder Berufseinstieg – statistisch auch häufiger um, was sich negativ auf den Score und damit die Kreditwürdigkeit auswirkt.

Dass ein preissensibler Verbraucher, der öfter sein Konto wechselt, wirtschaftlich umsichtig agiert und damit ein Kriterium für Kreditwürdigkeit mitbringt, scheint bei der Bewertung keine Rolle zu spielen. Doch dahinter verbirgt sich mehr als nur Zahlenlogik. Scores sind ja nicht nur einfach Statistik oder eine neutrale Technik, auch wenn das die Informatiker gern behaupten, sondern soziotechnische Dispositive, in die kulturelle Vorannahmen und Werte einfließen.

Das Weltbild, das hinter dem Schufa-Score steht, ist ein sozialkonservatives, das in der immanenten Ablehnung von Kontingenz und Optionsvielfalt fast schon ein wenig vormodern daherkommt: Es atmet den Geist des preußischen Anciennitätsprinzips, bei dem sich die Rangordnung nach Dienstjahren bemisst – nach dem Motto: Bonität muss man sich erst mal über die Jahre verdienen! Der Schufa-Score prämiert lineare Lebensentwürfe, die kaum Veränderung zulassen: lange Betriebszugehörigkeit, lange Bankmitgliedschaft, Wohnorttreue – Biografien, die in der alten Bundesrepublik Standard waren und das Land geprägt haben, die aber jetzt, in einer Zeit der Transformationen und sozialen Umwälzungen (Klimawandel, Energiewende, KI), umso gestriger wirken.

Denn es geht heute gerade nicht um Kontinuität, um das Immer-Weiter-So, sondern um den Bruch mit der Vergangenheit, um die Grundlagen des Wohlstands zu bewahren. Der Typus „treuer Bankkunde“ steht genau für jene Veränderungsscheu, die angesichts von Polykrisen zum ökonomischen und letztlich auch politischen Risiko wird. Die Annahme, ein lang geführtes Girokonto bürge für finanzielle Solidität, stammt aus einer Zeit, als man sich für Bargeldauszahlungen noch persönlich beim Schalterbeamten legitimieren musste.

Die Ursprünge des Kreditscorings reichen zurück ins 19. Jahrhundert. 1841 gründete der amerikanische Geschäftsmann und Textilhändler Lewis Tappan als Reaktion auf die Panik von 1837 – eine schwere Finanzkrise, bei der Banken ihre Zahlungen in Naturalien (etwa Gold) einstellten und reihenweise Kaufleute zahlungsunfähig wurden – in New York die Mercantile Agency. Die Wirtschaftsauskunftei, die später in der Rating-Agentur Dun & Bradstreet aufging, sammelte systematisch Daten von Buchhaltern, Geschäftsleuten und öffentlichen Verzeichnissen.

Menschen, die vorher einfach nur etwas Geld geborgt hatten, wurden plötzlich als „first raters“ oder „third raters“ klassifiziert. Tappans Mercantile Agency beschäftigte 1844 bereits 300 „Korrespondenten“ (einer von ihnen war der spätere US-Präsident Abraham Lincoln), die Informationen über Personen und Firmen einholten. Dazu gehörten auch Fragen zu Familienstand, Kindern, Eltern und Kirchbesuchen. 1870 wuchs die Zahl der Korrespondenten auf über 10.000. „Kreditbüros“, schrieb das US-Magazin „The Atlantic“, „waren die NSA des 19. Jahrhunderts.“

Ein „Mann von ehrlichem Charakter“

Die Ausforschung von Privatpersonen förderte zuweilen auch pikante Details zutage: So verklagte 1854 ein Mann die Mercantile Agency wegen Verleumdung, weil diese in einem Bericht behauptet hatte, er habe seine Frau für eine Prostituierte verlassen. Dem Geschäftsmodell tat dies aber keinen Abbruch. Tappans erklärtes Ziel war es, „Laster und Schurkerei zu entlarven und die Handelsluft zu reinigen.“ Die Berichte waren denn auch keine Bonitätsbewertung im eigentlichen Sinne, sondern mehr Charakterstudien. Die Annahme: Ein „Mann von ehrlichem Charakter“ trinkt und zockt nicht, geht sorgsamer mit Geld um und zahlt seine Rechnungen pünktlich.

Der Medienwissenschaftler Josh Lauer schreibt in seinem Buch „Creditworthy: A History of Consumer Surveillance and Financial Identity in America“ (2017), wie sich die presbyterianische (Zahlungs-)Moral im amerikanischen Frühkapitalismus veränderte und einflussreiche Pastoren eine zunehmend permissivere Haltung gegenüber der Kreditvergabe einnahmen: Wurden vorher Schulden in Gänze verdammt, galten fortan nur verspätete Rückzahlungen als unmoralisch, weil sie den Gläubigern wertvolle Zeit stahlen. Es ging um die Disziplinierung und Überwachung von Verbrauchern.

Ein Leitartikler schrieb damals, dass ein Händler seine Güter über 10 bis 20 Prozent teurer und damit mit einem Risikoaufschlag verkaufen würde, weil er wüsste, dass unter seinen Kunden „Vagabunden“ seien, „die keiner Arbeit nachgehen, keine sichtbaren Mittel besitzen und ihn niemals bezahlen werden“. Ein Motiv, das auch heute noch im Schufa-Score durchscheint: Sei misstrauisch, wenn jemand oft seinen Wohnort wechselt!

Die Ursache war eine Vertrauenskrise

Das Kreditscoring, schreibt Lauer in seinem Buch, gedieh auf einer „Vertrauenskrise“ – die durch nachbarschaftliche Zeugnisse besicherte Kreditvergabe stieß mit dem Wachstum der Städte und der Mobilität bzw. dem Zuzug von Fremden an ihre Grenzen. Das Schuldverhältnis wurde distanzierter und unpersönlicher. Daher brauchte es eine standardisierte Form der Bonitätsbewertung. „In dieser neuen Welt der Anonymität und Vergänglichkeit“, schreibt Lauer, „entpuppten sich Konsumenten, die einen ‚guten‘ Eindruck machten – gut gekleidet, mit einem qualifizierten Beruf und guten Kontakten –, oft als die schlimmsten Zahlungsausfälle. Und genauso beunruhigend war, dass manche, die einen ‚schlechten‘ Eindruck machten – abgetragene Kleidung, gering qualifizierte Arbeit, keine Referenzen –, sich als absolut zuverlässige und loyale Kunden erwiesen.“

Auch in Europa wuchs – angetrieben durch flexiblere Zahlungsvarianten – das Bedürfnis nach Kreditkontrolle. 1927 wurde die „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“ (Schufa) in Berlin gegründet. Die Berliner Städtische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (BEWAG) erweiterte damals ihr Geschäftsmodell und bot ihren Kunden nicht nur Strom, sondern auch Kühlschränke, Kochplatten und Staubsauger an – auf Ratenzahlung. Das Ziel: die Stromnachfrage forcieren und für eine bessere Netzauslastung sorgen. Um die zahlungsbereite Kundschaft herauszufiltern, erstellte der Versorger eine Positivliste regelmäßig zahlender Kunden – die Daten, also die Stromrechnungen, waren im Haus. Wer pünktlich zahlte, bekam einen Ratenkredit. Daraus entstand die Schufa.

Schon vier Jahre nach ihrer Gründung hatte die Wirtschaftsauskunftei Karteikarten von 2,5 Millionen Berlinern. „Ein liebliches Lesebuch, ein beängstigendes und grausames Gedächtnis“, schrieb das sozialdemokratische „Volksblatt“ in seiner Ausgabe vom 5. November 1931. Das Modell wurde schnell auch in anderen Städten kopiert. Heute besitzt die Schufa 940 Millionen Einzeldaten von knapp 70 Millionen Bürgern in Deutschland. Durch die Computerisierung – Stichwort Big Data – ist dieser bürokratische Überwachungsapparat nochmal schärfer gestellt worden. Doch die Annahmen dieser Modelle – Zahlungsmoral, Charakterfestigkeit, Loyalität – wurden nie aktualisiert. Ein vertrauenswürdiger Mensch ist in der Logik der Schufa ein Verbraucher, der seit 50 Jahren sein Konto bei der Sparkasse hat und immer noch im selben Ort wohnt. Auch wenn das längst aus der Zeit gefallen ist.

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