Er hängt zwar in (fast) jedem Museum und seine Bilder werden auf Postern, Tassen und Taschen reproduziert. Trotzdem ist der Ruf von Pierre-Auguste Renoir (1841–1919) nicht der beste. Er war, nach zähen Anläufen, nachhaltig berühmt und wurde mit 78 Jahren vergleichsweise alt. Und er wiederholte sich in seinem – am Alterssitz in Cagnes-sur-Mer bei Nizza wie am Fließband fabrizierten – Spätwerk mit schweinchenrosa Nackedeis und süßlich lächelnden Kindern, öden Blumensträußen und flachen Obsttellern nicht eben zu seinem Vorteil.
Erstmals seit der Pariser Retrospektive von 1985 widmet das Musée d’Orsay dem frühen Renoir eine große Schau: ein Gemälde-Parcours von 60 Exponaten, bestens bestückt mit Leihgaben aus der Londoner National Gallery und dem Museum of Fine Arts in Boston, und parallel eine aus der New Yorker Morgan Library übernommene Ausstellung mit rund 100 Arbeiten auf Papier und ergänzenden Gemälden.
Die vom Orsay-Chefkurator Paul Perrin präsentierte Zusammenstellung mit dem Titel „Renoir und die Liebe. Eine glückliche Moderne“ zielt zunächst wieder auf die Masse. Es soll aber auch der frühe, radikalere, sozial engagierte Renoir an der Spitze der impressionistischen Bewegung gezeigt werden, der über den Schaffenszeitraum von 1865 bis 1885, eben noch nicht der späte Genusslieferant auf Bestellung war.
Pierre-Auguste Renoir entstammte dem Arbeitermilieu und lernte Malerei von früher Jugend an als praktisches Handwerk, um erst Porzellane, dann Markisen, Wappen und Fächer zu dekorieren. Er studierte noch akademisch, war beeinflusst vom eher düsteren Gustave Courbet, befreundete sich mit Claude Monet und Alfred Sisley, die er, wie auch andere Freunde, so oft abbildete wie keiner seiner Kollegen.
Pierre-Auguste Renoir, „Chez Renoir, rue Saint-Georges“, 1876Pierre-Auguste Renoir, „Femme a l’ombrelle et enfant dans un paysage ensoleillé“, 1874-1876Renoir war ein sozialer Mensch, der eben auch malte, was er sah und was ihn umgab, ob es die Geliebte Lise Tréhot war (er heiratete erst 1890 Aline Charigot, mit der er drei Kinder hatte, darunter den späteren Filmregisseur Jean Renoir), die ihn als Porträtist schätzende bessere Gesellschaft oder die baulichen Veränderungen im von Baron Haussmann radikal umgestalteten Paris.
Im Fokus der hier abgehandelten Dekaden vollzog sich zudem Renoirs Reife als Impressionist, der sich schließlich von deren Tupfen- und Strichtechnik einem glatteren, harmonisierenden Klassizismus zuwandte. Besonders kostbar ist diese Ausstellung zudem, weil sie aus aller Welt sieben großformatige Hauptwerke Renoirs versammelt, sie auch architektonisch durch halbrunde Rückenbänke mit didaktischen Ergänzungen vor jedem dieser Meisterwerke heraushebt.
Das Musée d’Orsay steuert das vor genau 150 Jahren entstandene, nach der Restaurierung in leuchtenden Blautönen lichtflirrende Gemälde „Ball im Moulin de la Galette“ bei. Aus Stockholm kommen „Die Taverne von Mutter Anthony“ und „La Grenouillère“, aus Los Angeles „Der Spaziergang“, aus Washington das souverän komponierte „Frühstück der Ruderer“, das er selbst als Aktualisierung von Veroneses „Hochzeit zu Kana“ verstand, aus Boston „Tanzen in Bougival“ und aus London „Die Regenschirme“.
Allein in diesen zu Recht weltberühmten Bildern manifestiert sich die unantastbare Größe Renoirs, der extrem bunte, lebhafte Pinselstrich, der sich schnell vereinheitlicht und aus der Ferne ruhiger wirkt, wenn die Farben zusammenfließen. Doch das lebendige Raffinement bleibt trotzdem erhalten. So wie auch in seinen wenigen Selbstporträts: Drei stehen am Beginn der Ausstellung, deren durchaus kritische, analytische Haltung diese malerischen Selbstbefragungen konturiert und auszeichnet.
Pierre-Auguste Renoi, „Madeleine Adam“, 1887Gesunde Selbstliebe fügt sich in der Schau zur Liebe ganz allgemein als Gefühl wie als Haltung – zum Leben, zu den Frauen, zu Paaren, den Freunden, Kindern, sozialen Vergnügungen des gemeinen Volkes –, die vor allem die großen Panoramen als Historienbilder der Moderne unnachahmlich wie originell festhalten. Bei diesen Wochenendvergnügungen an der Seine im Pariser Speckgürtel oder auf den Montmartre-Tanzböden wurde sich unterhalten, genetworkt, amüsiert und geflirtet. Das zeigt die bunte, hier akribisch aufgezählte Mischung aus Künstlern, Adeligen und Bürgerlichen, bisweilen käuflicher Bohème. Soziale Unterschiede heben sich im scheinbar spontanen Farbrausch eines Sommertags schwerelos auf.
Doch wenn bewusst der Begriff der „Fêtes galantes“ aus der Rokoko-Epoche eines Watteau beschworen wird, um auch hundert Jahre später noch bei Renoir Sein und Schein verliebter Paare zu beschreiben, dann schwingt auch ein gewisser Eskapismus mit, den dieser Maler der „Glückseligkeit“ beschwört, um nur die guten Seiten der Großstadt wie des Landlebens zu zeigen. Absinth-Wracks, vom Workflow des Industrialismus ausgemergelte Arbeiterleiber, offensichtliche Prostituierte, Arbeitslose, Randgruppen kommen in diesen sich selbst genügenden Bildern konsequent nicht vor.
Während die Sammler damals auch schon lieber härtere, ungeschminkte Werke von Degas, Toulouse-Lautrec oder Manet als Zeichen der eigenen radikal schicken Fortschrittlichkeit kauften, finanzierten sie den Lebensunterhalt des dezent schmeichelnden Porträtisten Renoir, wie eine Fülle von Bildern zeigt. Was aber nicht heißt, dass er hier sein Können zurückstellt.
Wie sehr er gerade als Menschenmaler ausprobierte, einkreiste, ja sogar experimentierte, das zeigen die Folgen der delikat-kostbaren, oft wirklich nur hingeworfenen, von Bonnard wie Picasso bewunderten Renoir-Zeichnungen, die er selbst nur selten an die Öffentlichkeit ließ und von denen man viel zu wenige kennt. In diesem, oftmals erst nach 1880 entstandenen Werkkorpus, gern in Röteltechnik wie bei seinen Vorgängern Greuze oder Boucher, regiert nicht der weiche Kolorist, sondern der genaue Setzer von Linien. Als eigenständiges Ausdrucksmittel wird hier weniger improvisiert als bewusst das Verhältnis von Figur, Raum und Bewegung geklärt.
Große Kunst, die heiter wirkt, die emphatisch das Leben feiert, es aber auch übergenau chronistisch abbildet: In diesem Widerspruch aus Wärme, Wachheit und Wahrheit blühen die besten Renoir-Bilder als Bühnen ihrer Zeit auf.
„Renoir und die Liebe“, bis 19. Juli; „Renoir-Zeichnungen“, bis 5. Juli 2026, Musée d’Orsay, Paris
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