Kann man, „mit viel Wohlwollen“, den Streit um Peter Handkes Texte zu Jugoslawien ab Mitte der 1990er Jahre noch als „Ausdruck einer lebendigen Debattenkultur einordnen“? Das meint jetzt Thomas Deichmann in seinem zweibändigen Buch „Durch Jugoslawien im roten Peugeot. Reisen und Begegnungen mit Peter Handke“ (Wieser Verlag, 40 Euro), das „Berichte“ und „Fotografien“ ankündigt.

Deichmann trat in den 1990ern mit Texten zum Zerfall Jugoslawiens in der eigenen Zeitschrift „Novo“ auf den Plan. 1999 gab er die Sammlung „Noch einmal für Jugoslawien: Peter Handke“ in dessen Hausverlag Suhrkamp heraus: Eine Antwort auf jene, die Handkes Meinung ablehnten, dass die Serben durch westliche Medien dämonisiert würden. Manch einer meinte gar, Handke sei ins „falsche Land“ gereist – ein Vorwurf, der gerade Schriftsteller, die aus Konfliktregionen berichten, oft trifft. „Er hat offenbar mit niemandem gesprochen, der die Dinge anders sieht“, titelte die „Zeit“ etwa 2024 über einem Beitrag, der hart mit dem Nahost-Reisenden Ta-Nehisi Coates ins Gericht ging, den im israelisch-palästinensischen Konflikt nur die palästinensische Seite interessierte.

Deichmann stellte sich vor 30 Jahren nicht nur publizistisch an Handkes Seite. Neben dessen serbischen Freunden Zlatko Bocokić (sein Peugeot ist der im Buchtitel) und Žarko Radaković wurde er bald zum Mitreisenden des Österreichers auf mancher Fahrt durch ein immer kleiner werdendes, bald nicht einmal mehr den Namen tragendes Jugoslawien. Radaković hat etliche Texte Handkes ins Serbische übertragen; an einer der Reisen nahm auch der amerikanische Literaturwissenschaftler Scott Abbott teil, der Handkes Text von 1996, „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“, ins Englische übersetzt hat. Selten sei von langer Hand geplant worden, schreibt Deichmann: „Häufig gab es nur die Mitteilung des Tages mit ungefährer Uhrzeit und einem möglichen Treffpunkt.“

Nato-Bomben auf Kragujevac

Die Reisen stehen im Zentrum des umfangreichsten Kapitels des ersten Bandes: „Chronologie und Berichte“. Die ausführlicheren „Berichte“ vermitteln oft sehr gut, wie Handke zu seinen (post-)jugoslawischen Eindrücken kam, mit wem er sich traf und unterhielt. Sie enthalten auch manche Anekdote, etwa diese aus der „zweiten Jugoslawien-Durchquerung im Krieg“: „Ein Schwarzafrikaner in abgetragenem Anzug steht plötzlich an unserem Tisch, zeigt auf Peter Handke und sagt freundlich: ‚Hallo, ich kenne Sie. Ich komme aus Ruanda. Vor ein paar Jahren bin ich wegen des Krieges in unserem Land nach Jugoslawien geflohen. Und jetzt ist er hier, der Krieg.‘“

Peter Handke und Žarko Radaković 2006 im Garten der Kirche Sveti Stefan in Velika Hoča, KosovoThomas Deichmann mit Peter Handke in Jugoslawien am 13. Mai 1996 in Zemun

Zu den zahlreichen Fotografien im zweiten Band schreibt Deichmann: „Unzählige Male machten wir Halt an Straßenlokalen, saßen und schauten, und es ergaben sich Gespräche mit Wirtsleuten und Einheimischen, die sich zu uns gesellten und aus ihrem Leben erzählten.“ Beim Blättern sieht man Teile der Reisegesellschaft in Schwarz-Weiß („Rückfahrt nach Belgrad am 1. Juni 1998“) oder, in Farbe, 1999 „auf einem Hausboot auf der Donau“. Weniger idyllisch: Bilder der durch Nato-Bomben zerstörten Autofabrik in Kragujevac, 1999: Rote Karosserien, schief liegen sie in metallenen Aufhängungen, die Fertigungskette ist für immer unterbrochen.

Deichmann will aber auch einen Überblick über den gewaltsamen Zerfall Jugoslawiens insgesamt bieten. Das hat seine Tücken, schon weil sich seine „Chronologie“, wie es gleichwohl das Genre fordert, einer Wertung nicht ganz enthalten mag: Ein Beispiel, das ganz am Anfang steht: Slobodan Miloševićs „Amselfeld-Rede“ vom 28. Juni 1990 – etwa drei Monate, nachdem das Kosovo den Autonomiestatus verlor – charakterisiert er so: „Sie enthält versöhnliche Passagen, wird aber später vor allem als Indiz für seine ‚großserbischen‘ Ambitionen angeführt“. Der Wechsel von einer Feststellung im Aktiv („enthält versöhnliche Passagen“) zur Wiedergabe von Ansichten anderer, die durch das Passiv anonymisiert werden („wird angeführt“), fällt auf.

Bei Deichmanns Rückschau handelt es sich also, anders als sein Titel suggeriert, um mehr als Reiseberichte und ihre Bebilderung. „Durch Jugoslawien im roten Peugeot“ kann sich somit einem Problem nicht entziehen, das auch viele der Jugoslawientexte Handkes heimsucht. Auch seine „winterliche Reise“ lässt sich gleichzeitig als politisches Plädoyer und als Reiseerzählung lesen.

Das Kontaktschuld-Argument

Er möge „nicht gerne theoretisieren oder politisieren“ zitiert Deichmann Handke aus einem selbst geführten Interview aus den 1990ern. Und grenzt sich jetzt ab: Genau das „war schon immer meine journalistische Sache“. Für diese „Sache“ nutzt Deichmann vor allem „Exkurse“ am Ende seines ersten Bandes, zum Beispiel zum Fall des bosnischen Serben Novislav Đajić, der in den 1990ern eine Haftstrafe in Deutschland verbüßte, verurteilt für die Verwicklung in die Ermordung von 14 Muslimen auf einer Drina-Brücke bei Trnovace 1992.

Während Đajić seine Schuld stets abstritt, ist ein Video, das ihn angeblich musizierend zeigt („Dat Face Soldier“), zum Meme der internationalen Rechten geworden. Auch das hat Handke eher fadenscheinige, auf der Logik einer Kontaktschuld aufsitzende Vorwürfe eingebracht. 1999 war Handke, der ihn auch in der Haft besucht hatte, Đajićs Trauzeuge geworden, später auch Taufpate seiner Tochter.

Ein weiterer „Exkurs“ Deichmanns beschäftigt sich mit Srebrenica, wo im Juli 1995 Soldaten der Republika Srpska, Polizisten und serbische Paramilitärs über 8000 Muslime ermordeten. Internationale Gerichte nennen das Genozid. Deichmanns Kritik daran bindet die Begriffe „Genozid“ und „Völkermord“ an den millionenfachen deutschen Judenmord und erinnert so auch an die Kritiker eines Genozid-Vorwurfs gegen Israel im Gaza-Krieg.

Ende einer Ära

Bei der Lektüre seiner Einlassungen, die auch daran kranken, dass Deichmann hier Juristisches, Journalistisches und Historiografisches nicht zu unterscheiden gewillt ist, kommen schnell Zweifel auf, ob ein knapper „Exkurs“ in einem Buch, das „persönliche Erlebnisse und Eindrücke“ bieten will, der richtige Ort für die Verhandlung eines historisch, juristisch und erinnerungspolitisch so hochkomplexen Themas ist. Als Beitrag zu jener Chronik der wohl noch immer laufenden Ereignisse der „Handke-Debatte“ haben Deichmanns zwei Bände aber ihre volle Berechtigung.

Bleibt die Frage nach „einer lebendigen Debattenkultur“, von der dieser Streit noch Zeugnis abgelegt habe: Deichmann erinnert an verschiedenen Stellen auch an die Zeit Siegfried Unselds als Leiter des Suhrkamp-Verlags. Nicht ohne Stolz zitiert er den Verleger. Sein Suhrkamp-Taschenbuch „Noch einmal für Jugoslawien“ sei „eine ‚rettende Boje‘ im ‚Sumpf der Anfeindungen gegen Handke‘“. Der Tod des „Handke-Vertrauten“ 2002 ist Deichmann dann ebenso eine Erwähnung wert wie die Tatsache, dass im Oktober 2024 „alle Anteile des Suhrkamp-Verlags von Ulla Unseld Berkéwicz und der Darmstädter Unternehmerfamilie Ströher“ verkauft worden sind.

Die „Ära Unseld“ sei damit Geschichte, schreibt er ein wenig pathetisch. Allerdings ist ein bisschen Pathos durchaus berechtigt, auch wenn man bedenkt, welche Rolle Unseld lebenslang für Handke gespielt hat. Und sind Debatten, an denen man selbst teilnahm, nicht immer besser als die, zu denen man nichts zu sagen hat?

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