Trinität“ wurde das Porträt auf dem Cover zum neuen Rolling-Stones-Album „Foreign Tongues“ (Erscheinungsdatum 10. Juli) im Netz schon genannt. Den Witz mit den vielen Falten der drei Musiker, deren Gesichter hier grotesk verschmelzen – haha Dreifaltigkeit! – kann man sich bei Mick Jagger (82), Ron Wood (78) und Keith Richards (82) getrost sparen. An gefaltetes Papier kann man aber schon denken: An das Spiel, bei dem jedes Kind nur einen Teil einer Gestalt zeichnen darf, die sich später dann als fantastisches Biest, etwa mit Bärentatzen und Adlerschwingen entpuppen wird. Was die anderen malen, bleibt ja unsichtbar, bis das Papier auseinandergefaltet wird.
Die Surrealisten nannten es „Cadavre Exquis“ („köstliche Leiche“): „Spiel mit gefaltetem Papier, in dem es darum geht, einen Satz oder eine Zeichnung durch mehrere Personen konstruieren zu lassen, ohne dass ein Mitspieler von der jeweils vorhergehenden Mitarbeit Kenntnis erlangen kann“, schrieb André Breton 1938.
„Foreign Tongues“ ist nicht die erste Plattenhülle der Stones, die ein namhafter Künstler gestaltet. Andy Warhols Reißverschluss auf dem Cover von „Sticky Fingers“ von 1971 ist legendär. Das Logo, das die Innenhülle der Platte zierte, rote Lippen und eine genauso rote, herausgestreckte Zunge, ist noch ikonischer. Kreiert vom damals 24 Jahre alten Designstudenten John Pasche, tauchte es Ende April 2026 weltweit auch auf jenen mysteriösen Plakaten auf, auf denen je nur zwei Wörter in zig verschiedenen Sprachen standen: „Fremde Zungen“.
Ronnie Wood, Mick Jagger und Keith Richards vor dem berühmten LogoDie Plattenhülle von „Foreign Tongues“ hat der US-Amerikaner Nathaniel Mary Quinn gestaltet. Der wurde 1977 im Süden Chicagos geboren. Die Mutter war krank und bekam Sozialhilfe, der Vater verspielte das bisschen Geld, das er verdiente, gleich wieder. „Beide waren Analphabeten“, wie er 2018 in der „British Vogue“ schrieb. Quinn verhalf ein Lehrer zu einem Stipendium für eine Privatschule. Den Zweitnamen „Mary“ nahm Quinn nach dem Tod der Mutter an. Die hätte nie eine Schule besucht, jetzt würde ihr Name auf jedem seiner Zeugnisse stehen, das war Quinns Idee. Nach seinem Schulabschluss und einem Studium an der NYU zog er in den New Yorker Stadtteil Brooklyn, wo er zehn Jahre lang tagsüber Problem-Jugendliche unterrichtete und nachts malte.
Keine Collage
„Synthetischen Kubismus“ nannte der „New Yorker“ den Stil seiner Bilder einmal, um die sich bald Galerien und Ausstellungsstätten rissen. Quinn führt diesen Stil auf „die Vision eines Gesichts“ zurück, die er eines Tages hatte: Ihm sei klar gewesen, dass er dieses Gesicht „auf seine wesentlichen Elemente reduzieren musste: Augen, Nase und Mund.“ Einzelne Fragmente entnahm er „einem Modemagazin, Google Images, meinen eigenen Fotoalben.“ Das Ergebnis machte ihn sprachlos, „ein Frankenstein-ähnliches Porträt meines Bruders Charles.“
Keine CollageCollagen, wie sie im Kubismus bei Pablo Picasso und Georges Braque beliebt waren, sind es nicht, die Quinn schafft, denn in seinen Bildern ist alles gemalt. Und anders als die Surrealisten beim „Cadavre Exquis“ oder Kinder, wenn sie Knickbilder anfertigen, stellt er seine Kunstwerke alleine her. Quinn arbeitet dabei in Öl, Kreide, Pastell, Kohle, Gouache und Blattgold. Seine Komposit-Porträts erinnern eher an den späten Francis Bacon als an Andy Warhols Pop-Art. Unverkennbar beim Cover von „Foreign Tongues“: die Lippen Mick Jaggers.
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