Es ist wieder so weit: Die wichtigste Kunstausstellung eröffnet. Um die Welt gehen vor allem Bilder aus den Giardini, dem Park im Osten Venedigs, wo die Nationen ihre Beiträge in Pavillons zeigen. Der größte Teil der Hauptausstellung findet aber im Arsenale statt, das zum Teil noch immer militärisches Sperrgebiet ist. Jahrhundertelang befanden sich hier Werkstätten, Lagerhäuser, Kanonengießereien, Holzlager und Seilereien. Die Rüstungsfabriken waren Quelle der Macht Venedigs und eines der frühesten Großproduktionssysteme Europas.
Der Kontrast zu dem, was seit diesem Wochenende während der 61. Biennale in Venedig gezeigt wird, könnte kaum größer sein. In den Arsenale-Hallen herrscht tiefer Friede, manchmal hört man sogar Vögel zwitschern. Olivenbäume drehen sich im Kreis, bemalte Terrakottatiere gesellen sich zu Blumen aus farbigem Glas und sehr, sehr vielen Textilarbeiten. Besonders prächtig wirkt ein Pfau mit enormen dekorativen Schwanzfedern aus Perlen, Porzellan und Muschelschalen, geschaffen von der Jamaikanerin Ebony G. Patterson. Ein Fokus auf schwarze Kunst war von der ersten afrikanischen Biennale-Kuratorin Koyo Kouoh zu erwarten gewesen. Nach ihrem plötzlichen Tod wurde die Schau von ihrem Team zu Ende gebracht.
Will man die vielen Positionen dieser Hauptausstellung vor den blauen Wänden auf einen Punkt bringen, dann ist es wohl eine Rückkehr des Surrealen. Es wird figurativ gemalt und getöpfert, als ob es nie eine Moderne gegeben hätte. Die Architektur wird „umarmt“, wie die Kuratoren sich ausdrücken. Es gibt keine Brüche, alles fließt. Tier, Mensch und Pflanze wachsen wild ineinander, Prinzipien sind die Addition und das Auserzählen. Künstler erscheinen als Bewahrer und Gärtner, weniger als Regelbrecher. Sex ist gänzlich abwesend, Gewalt auch; ein paar Playboy-Bunnies aus den 1980ern wurden nachträglich mit Farbe angekleidet.
Im dänischen Pavillon: Maja Malou Lyse, DIS, „Things To Come“Formal feiert der Surrealismus in der Kunst seit Jahren ein Comeback, bei dieser Biennale ist er der unangefochtene Herrscher. Fabelwesen sind auch im Außenbereich der Arsenale anzutreffen. Der Künstler Nick Cave hat eine monumentale Plastik eines von Pflanzen überwucherten Menschen beigesteuert, zu der einem nicht viel einfällt, außer vielleicht, dass in der Kunst weniger oft mehr ist.
Angegriffen wird hier nicht
Was noch auffällt, ist die Abwesenheit dokumentarischer, sezierender, direkt angreifender Kunst. Gerade jetzt ist das bemerkenswert. Amerika ringt mit Iran um das Schicksal der weltweit wichtigsten Meerenge, und in der Ukraine geht der Angriffskrieg Russlands unvermindert weiter. Der Biennale-Leitung unter dem rechten Autor Pietrangelo Buttafuoco war letzteres offenbar derart gleichgültig, dass er Russland nach zwei Biennale-Ausgaben ohne eigene Teilnahme wieder einlud. Während am Mittwochmorgen vor dem 1914 errichteten russischen Pavillon die Oppositionsaktivistinnen von Pussy Riot mit pinkfarbenen Sturmhauben und rosa Rauch gegen diese Einladung protestieren und kurzzeitig sogar das Gebäude stürmen, bleiben die geopolitischen Konflikte in den Ausstellungen selbst abwesend. Eine in abstrakte Formen zerlegte Palästina-Flagge begrüßt einen am Eingang.
Die meisten Kuratoren und Künstler machen um Russlands Pavillon beim Preview einen großen Bogen – wie man hört, auch um den wegen Renovierungsarbeiten ins Arsenale verlegten israelischen Beitrag von Belu-Simion Fainaru, der still und versöhnlich wirkt. Was man im russischen Pavillon dann vorfindet, sind üppige Blumengebinde und Musikperformances – allerdings nur während der Vorbesichtigung; danach ist der Bau wieder geschlossen. Die mittlerweile zurückgetretene Jury schloss Russland vom Wettbewerb um die Preise der Biennale aus, da der Internationale Strafgerichtshof gegen Putin ermittle – und auch gegen Benjamin Netanyahu, weshalb der israelische Beitrag ebenfalls keine Chance haben sollte. Äpfel mit Birnen zu vergleichen, ist auch in Venedig ein beliebter Sport. Nun gibt es also eine Biennale ohne Goldenen und Silbernen Löwen, aber dafür mit Russland – und einem Publikumspreis, der erst zum Schluss der Biennale im November verliehen wird.
Nicht nur in der von Koyo Kouoh kuratierten Großausstellung wird der Blick in Natur und Seele gerichtet. Auch in den Giardini, wo die Nationen eigene Beiträge zeigen: Deutschland ist 2026 mit zwei Künstlerinnen vertreten, die beide in Ostdeutschland aufwuchsen: Sung Tieu und Henrike Naumann. Letztere, 1984 in Zwickau geboren, verstarb im Februar dieses Jahres mit nur 41 Jahren an Krebs – einen Tag nach dem ersten Geburtstag ihrer Tochter. Unter dem Titel „RUIN“ hat Naumann noch bis zuletzt an dem Projekt gearbeitet, dessen Verwirklichung sie nun nicht mehr erlebt. Von außen hat Sung Tieu den deutschen Pavillon mit drei Millionen Mosaiksteinchen verkleidet, die wiederum ein täuschend echtes Abbild eines Plattenbaus in Ost-Berlin zeigen, inklusive Graffiti.
Im deutschen Pavillon: Arbeiten von Henrike NaumannEs geht dabei, etwas verkürzt, um das Aufwachsen in einem Heim für Vertragsarbeiter. Dieses symbolisiert das Erbe ihrer aus Vietnam in die schon bald kollabierende DDR eingewanderten eigenen Familie und steht für die Zurichtung des Menschen als Arbeitskraft – in Erinnerung an die Neunziger, als in Deutschland in vielerlei Hinsicht die Weichen für die Gegenwart gestellt wurden.
Verschobene Machtverhältnisse
Henrike Naumann wiederum hat im Inneren des Baus dreidimensionale Dioramen an den Wänden platziert, die einen spezifisch ostdeutschen Einrichtungsstil der 1990er-Jahre in die historisch aufgeladene Halle tragen. Inspiriert sind ihre reliefartigen Wandbilder von erzgebirgischer Volkskunst, aber vor allem von einem besonderen Zeitgeschmack.
Von der hohen Decke hängen Kettenhemden, zu riesigen Schals von 350 Kilo Gewicht zusammengeschmiedet – Rüstungsmode. Naumann begriff unsere Gegenwart als Pause zwischen den Kriegen, dem Zweiten Weltkrieg und einem noch unbenannten der Zukunft. Mit dieser latenten Martialität bilden die Deutschen eine Ausnahme in den Giardini – wie immer haben sie ihre konzeptuellen Aufgaben gewissenhaft erfüllt.
Bei den Briten wird von der Turner-Preis-Gewinnerin Lubaina Himid eher frei heraus mit sehr bunten Farben gemalt, bei den Franzosen hat Yto Barrada sich etwas eklektisch dem Stoffbild verschrieben. Die USA haben ihren unter Trump neu aufgestellten Pavillon in einen Showroom geschmeidiger, aber doch ansehnlicher Skulpturen verwandelt. Der in Mexiko lebende Künstler Alma Allen verwendete für seine abstrakten Werke weißen Marmor und polierte Bronze.
Die Ukraine ist vor allem mit einem abstrahierten Hirsch aus Beton präsent, der am Eingang zur Biennale von einem Kran baumelt. Zhanna Kadyrova schuf ihn bereits 2019 für die Stadt Pokrowsk als Mahnmal für die papiernen Sicherheitsgarantien, gegen die die Ukraine 1994 ihre Atomwaffen aufgab.
Worüber wird geredet? Über die Österreicher. Florentina Holzinger hat mit ihrem Beitrag „Sea World“ begriffen, was die Biennale ist: ein Zirkus, in dem man dem Publikum in den wenigen Minuten eines durchschnittlichen Pavillonbesuchs etwas bieten muss. Da steht sie stundenlang nackt mit Tauchermaske im Wassertank, lässt einen Jetski im Kreis fahren, Frauen kopfüber in einer Glocke schwingen und menschliche Abwässer live recyceln. Es kann sein, dass das feministisch ist.
Österreichischer Pavillon: Florentina Holzinger bei der ArbeitDerweil verschieben sich auch in der Miniaturwelt der Giardini die Machtverhältnisse. Katar gönnt sich einen Neubau – es ist erst der dritte, der in den vergangenen 50 Jahren in den Gärten entsteht. Da er wegen des Iran-Kriegs noch nicht fertig ist, werden in einem Provisorium Klangskulpturen und palästinensisches Essen feilgeboten.
Ein weiterer Neuzugang ist das ferne Land Bulgari. Nein, das ist nicht die Eigenschreibweise von Bulgarien – der Pavillon der italienischen Luxusmarke Bulgari im Herzen der Biennale enthält nichtssagende Kunst und zeigt, wohin trotz medienwirksamer Kontroversen die Reise geht: weg vom Konflikt, hin zu einem postnationalen Scheinfrieden aus Performance, Kommerz und Klimbim. Aber so lautete ja schon immer das geheime Motto der Weltkunstschau: Friede den Palästen. Pardon, den Palazzi!
Biennale – 61. Internationale Kunstausstellung von Venedig, bis zum 22. November 2026
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.