Tagelang hatte man davon gehört, nun war sie da. Die angekündigte Pro-Palästina- und Anti-Israel-Demonstration wälzte sich am Freitagmittag in Venedig die Via Garibaldi hinunter Richtung Canal Grande. Die belebte Einkaufsstraße liegt in der Nähe der beiden zentralen Biennale-Spielorte Arsenale und Giardini, beäugt von Polizisten mit Helmen in der Hand. Später kam es auch zu Handgreiflichkeiten. Aufgerufen zu den Protesten hatte die „Art Not Genocide Alliance“ (ANGA), ein Zusammenschluss von Künstlern, Aktivisten und Kuratoren.

Boykott-Aufrufe gab es bereits auf der Biennale vor zwei Jahren. Im Oktober 2025 dann hatte ANGA einen offenen Brief an die Leitung der Venedig-Biennale gerichtet und verlangt, Israel von der Teilnahme auszuschließen. Unter den Signatoren waren viele der bei der Biennale vertretenen Künstlerinnen wie Yto Barrada, die Frankreich repräsentiert, der niederländische Vertreter Dries Verhoeven, der am Beitrag des Vatikans beteiligte Brian Eno sowie die Künstler der Nationenpavillons von unter anderem Polen, Chile, Island und Irland.

ANGA organisierte zudem Streik, in dessen Folge zahlreiche Pavillons am Freitag geschlossen blieben und auch am heutigen Samstag und offiziellen Eröffnungstag der Kunstbiennale geschlossen bleiben sollen. Das betrifft allerdings nicht die von der – während der Vorbereitungen verstorbenen – Koyo Kouoh kuratierte Hauptausstellung „In Minor Keys“ als solche, sondern nur die in Eigenverantwortung betriebenen Länderpavillons, wie die Leitung der bedeutenden Kunstausstellung betonte. Die Biennale selbst hatte sich geweigert, Israel auszuschließen.

Distinktion ist alles: Protest gegen den „Genozid Pavillon“ in Venedig

Dem Streik am Freitag schlossen sich auch einzelne Teammitglieder an. Das führte dazu, dass Österreichs Pavillon – bespielt von Florentina Holzinger – von 10 bis 19 Uhr geschlossen blieb; er ist wegen seiner spektakulären Nackt-Performances, deren Akteurinnen allesamt Frauen sind, besonders beliebt. Laut „New York Times“ waren auch die Beiträge von Belgien, Ägypten, Japan, den Niederlanden und Südkorea am Freitag dicht. Allerdings: Es bleiben noch 197 Biennale-Tage übrig, der Streik ist damit eher symbolisch – und betraf vor allem das Fachpublikum.

Tatsächlich ist es so, dass die beliebteren Pavillons während der Voreröffnungstage praktisch kaum zu besuchen sind, weil man sich jeweils auf stundenlanges Schlangestehen gefasst machen muss. „Art Professionals“ mit Zugang zu den ersten Previews am Anfang der Woche sind oft schon wieder abgereist, wenn die Biennale am Samstag offiziell eröffnet wird. Insgesamt nehmen knapp 100 Nationen teil, deren Beiträge über die Stadt verstreut sind, auch wenn sie sich im zentralen Gelände ballen.

Die 1895 gegründete Kunstbiennale ist wie eine Miniaturausgabe der großen Welt. Was hier passiert, ist immer latent hochpolitisch und wird von Argusaugen beobachtet. Im Vorfeld hatte es Streit nicht nur um Israel, sondern auch um die 2026 wieder erlaubte Teilnahme Russlands gegeben. Der Präsident der Organisation, Pietrangelo Buttafuoco, versteht sich als Verteidiger der Kunstfreiheit, wovon in dieser 61. Ausgabe der Biennale sowohl Israel als auch Russland profitieren, während die Biennale-Jury versucht hatte, unter anderem diese Länder von der Preisverleihung auszuschließen. Die weitgehend unabhängig von den Organisatoren agierende Jury war kurz darauf zurückgetreten.

Die EU reagierte auf die Zulassung Russlands mit der Drohung, Gelder in Höhe von zwei Millionen Euro nicht an die Biennale auszuzahlen. Inspektoren der italienischen Regierung wurden nach Venedig entsandt und die Finanzen der Biennale überprüft – sollten sich Unregelmäßigkeiten finden, könnte der italienische Kulturminister Alessandro Giuli dem eigensinnigen Buttafuoco tatsächlich noch gefährlich werden. Unzufrieden ist er in jedem Fall – und kommt wegen Russlands Zulassung auch nicht zur Eröffnung. Buttafuoco sei „Opfer einer pazifistischen Fantasie geworden“, sagte Giuli am Sonntag der Zeitung „La Repubblica“.

Damit war die Biennale völlig zerstritten, bevor sie begonnen hatte. Die Biennale wird keinen Jurypreis vergeben. Damit entfällt einer der wichtigsten Spannungsmomente – die Vergabe der Goldenen Löwen und Silbernen Löwen für den besten Länderbeitrag und die besten Künstler, die eigentlich heute bekannt gegeben werden sollten.

Viele Länderpavillons wurden bestreikt: hier der belgische

Dass es in Venedig für die Kunstwelt tatsächlich um etwas anderes geht als um Protest, gerät darüber leicht in Vergessenheit. An keinem Ort kommen in wenigen Tagen so viele internationale Player zusammen: Sammler, Künstler, Kuratoren und Museumsleute. Die Biennale ist dabei ein Aggregator, aber nicht der einzige Ort des Geschehens. Die vereinzelt angebrachten Plakate mit endzeitlich-selbstbesoffenen Slogans wie „Wir stehen an der Seite Palästinas, weil wir inzwischen verstanden haben, dass die Zerstörung Palästinas die Zerstörung der Welt bedeutet“ gehen im malerischen Stadtbild eher unter.

Venedig ist eine surreal schöne Kulisse für Networking. Die vielen Museen der Stadt fahren die größten Namen auf, in jedem zweiten Palazzo hat während der Previewtage eine Stiftung eine Ausstellung inszeniert, fanden Cocktails für Künstler statt und die teuren Wassertaxis waren hoffnungslos ausgebucht. Auf die Gästeliste für eine gute Party zu kommen, ist den meisten wichtiger als Politik. Insofern alles wie immer.

Aber 2026 ist wegen der seltsamen Umstände eine Sache tatsächlich einmal anders: Die Wahl der Preisträger liegt ausnahmsweise nicht bei Fachleuten, sondern bei den Besuchern. Das ist bedeutsam, denn der Goldene Löwe gilt als der Oscar der Kunst. Heute, am Tag der Eröffnung für das Publikum, gab die Biennale bekannt, dass nur diejenigen beim Abstimmungsverfahren mitmachen können, die beide Ausstellungsorte besucht haben. Für jeden der beiden Preise darf eine Stimme abgegeben werden.

Das Ganze funktioniert anonym über das Ticketsystem und per E-Mail-Link. Es hat einen interessanten Nebeneffekt, denn diese Form der Abstimmung neutralisiert einen Boykott ebenso wie eine gegenüber einzelnen Ländern voreingenommene Jury. „Alle nationalen Beiträge“, heißt es da noch einmal explizit in der Mitteilung, „die an der 61. Ausstellung teilnehmen, kommen gemäß der offiziellen Liste für den Besucher-Löwen für einen nationalen Beitrag infrage.“

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