Selbst im Berner Oberland hat sie ihre Spuren hinterlassen. Die 2633 Meter hohe Gertrudspitze ist nach jener erstaunlichen Frau benannt, die sie im Spätsommer 1901 erstmals erklomm: Gertrude Bell, Tochter einer einflussreichen britischen Industriellenfamilie. Überhaupt ist Bell in ihrem Leben viel herumgekommen, war zwischen Guatemala, Japan, Afrika und Indien eigentlich überall. Ihre Bestimmung fand die konservative Romantikerin aber anderswo, im Zweistromland von Mesopotamien. Eine unübersichtliche Region, die im Zuge der modernen Staatenbildung völlig zersplittert wurde und in der Türkei, Syrien, dem Irak und Iran aufging. Maßgeblichen Anteil daran hatte sie, Gertrude Bell.

Wer in der Wüste nach den Steinen des Anstoßes fahndet, die per Gerölllawine das heutige Schlamassel in Gang setzten – die ewigen Fehden zwischen Sunniten und Schiiten, die Kriege ums Öl, das Misstrauen der Araber gegenüber dem Westen, den Palästinakonflikt und selbst den Dschihad als Heiliger Krieg gegen die Ungläubigen –, der wird immer wieder dieser einzigen Frau unter lauter Männern begegnen.

Der berühmteste von ihnen ist sicher Lawrence von Arabien. Bell lernt ihn 1911 bei Ausgrabungen im syrischen Karkemiš kennen – vierhundert Meter entfernt von der Baustelle der deutschen Eisenbahnbrücke. Wilhelm II. verfolgt sein eigenes koloniales Projekt: Berlin mit Bagdad verbinden, den Suezkanal umgehen, Indien in Reichweite bringen. So beobachten zwei britische Spione, die sich als Archäologen tarnen, wie mit der Bagdadbahn eine der Zündschnüre des Weltkriegs gelegt wird. Sie führt direkt nach Mesopotamien.

Im Gegensatz zu Lawrence versäumt es Bell, ihre Memoiren zu schreiben. So ist ihr Nachruhm unter den „Sieben Säulen der Weisheit“ verschütt gegangen. Dabei hätte sie ihn kein bisschen weniger verdient als ihr Freund, jener Heißsporn, den Peter O’Toole unsterblich machte, indem er auf dem Kamel die Wüste Sinai durchquerte und rief: „Nichts steht geschrieben.“

Das hat Olivier Guez wörtlich genommen. Er möchte das Versäumnis korrigieren. Man kennt ihn als Autor eines Buchs über die südamerikanischen Jahre Josef Mengeles, des Schlächters von Auschwitz – einen kühl recherchierten Fieberwahn, der sich so viel dichterische Freiheit nimmt wie nötig, um einer monströsen Psyche auf die Schliche zu kommen. Es ist ein Genre, das man nach dem Vorbild von Emmanuel Carrère Romanessay nennen kann – stilistisch eigenwillig, historiografisch souverän. In „Die Welt in ihren Händen“, seinem Buch über Bell, folgt er einerseits dem bewährten Muster und weicht andererseits davon ab. Denn auch nach über 400 Seiten sind wir seiner Protagonistin persönlich nicht viel näher gekommen.

Was nicht schlimm ist, im Gegenteil. Denn der wahre Held des Buchs ist die sich entspinnende Geschichte, die in vielfacher Hinsicht das Pulverfass bildet, in dem die Moderne bis heute explodiert. Zudem trägt die Zeit, über die er schreibt, die Hauptschuld für Guez’ seelenkundlerische Zurückhaltung – der zugeknöpfte Viktorianismus, der seinen Geschöpfen ein Zuviel an Innenschau untersagt. Bell entstammt ihm und repräsentiert ihn, auch und gerade da, wo sie sich seinem Korsett entzieht.

Ibn Saud, Sir Percy Cox und Gertrude Bell 1917 im irakischen Basra

Hegel liebäugelte mit der Idee des Weltgeists, einer Teleologie der Geschichte, die sich große Persönlichkeiten schuf, um sie zu verkörpern, etwa Napoleon. Interessanter noch scheinen jene Nebenfiguren, deren Visionen unterwegs im Treibsand versiegen, die die Widersprüche ihrer Epoche in sich bergen und mit ihnen hadern. Nachgeborene können umso mehr daraus lernen.

So kommt es, dass Bell in Oxford als eine der ersten Frauen studiert – Geschichte mit summa cum laude –, sich für den Orient begeistert, Arabisch lernt, wagemutige Solo-Ausritte unternimmt, etwa zu den gefürchteten Drusen, später erste Verbindungsoffizierin der Krone und darauf zur Grande Dame wird, die über die Interessen des britischen Mesopotamiens wacht – sich aber gegen das heimische Frauenwahlrecht ausspricht.

Ebenso hält sie es mit den Arabern: Über die Jahrzehnte, die sie unter ihnen verbringt, wachsen sie ihr so ans Herz, dass sie den Betrug der Engländer, die das Sykes-Picot-Abkommen hinter ihrem Rücken geschlossen haben, ebenso schwer verwindet wie Lawrence, der es sich ein Leben lang nicht verzeiht, dass er sein Freiheitsversprechen an die Araber nicht halten kann. Und doch spricht sie ihnen das Selbstbestimmungsrecht ab.

Bell ist unterwegs zur Friedenskonferenz nach dem Weltkrieg in Paris, wo über das Schicksal der Region entschieden werden soll. Guez schreibt: „Im Grunde, denkt Gertrude, während sie die olivgrünen Hänge Siziliens hinter dem Bullauge ihrer Kabine auftauchen sieht, ist Mesopotamien ein turbulentes, von den Briten in die Welt gesetztes Kind. Erst soll sich ein autoritärer Vormund um dieses Kind kümmern. Im jugendlichen Alter wird es ihm seine Gunst zu danken wissen.“

Dass es letztlich doch zu den Staatsgründungen kommt, hat viele Gründe: die Überdehnung des Empire, den ewigen Zwist mit den Franzosen, vor allem den Idealismus des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der den Völkerbund gründet, den Vorläufer der Vereinten Nationen. Ihm ist die koloniale Arroganz der Europäer, ihr fortwährendes Säbelrasseln, obwohl gerade Millionen in den Schützengräben gefallen sind, ein Gräuel. Ähnlich wie Bell sehen es allerdings mitunter die Araber selbst, etwa der sunnitische Scheich Abd ar-Rahman al-Haidari, später ironischerweise Gründungspräsident des Irak. Guez legt ihm diese Worte in den Mund: „Die Selbstbestimmung ist eine dumme Idee von Scheich Wilson. Der Amerikaner kennt die Völker des Orients nicht. Die Engländer regieren in Asien seit dreihundert Jahren, warum nicht noch länger? Die Macht dem Volk zu überlassen, wäre so, als würde man ihm die Zügel eines Vollblüters ohne Reiter anvertrauen.“

Als waschechtes Kind des Kolonialismus ist Bell mit einer Mercator-Weltkarte über dem Bett im gewaltigen Familiensitz Rounton Grange aufgewachsen, neben den Bildnissen ihrer früh im Kindbett gestorbenen Mutter und Queen Victorias. „Die Karte musste regelmäßig ausgewechselt werden“, schreibt Guez. „Sie schien eine ansteckende Krankheit zu haben, als wäre sie von einem aggressiven Pilz befallen, so rasch, in einem schwindelerregenden Tempo, breiteten sich die Flecken Jahr für Jahr weiter aus.“ Das sind die immer neuen Landstriche, die den Briten „wie von Zauberhand“ zufallen: Belutschistan und Birma, Täler in Afghanistan, Ägypten, Teile von China.

Erst später, nach ihrer Levante-Reise 1919, wo sie die nationalistische Inbrunst aus nächster Nähe erlebt und den Offizieren Faisals begegnet, des späteren Königs des Irak, ändert sie ihre Meinung. Zurück in Bagdad kabelt sie dem Foreign Office: „Es gibt kein anderes Mittel, die Bevölkerung friedlich zu halten, als ihr das zu geben, worauf sie nur ungern verzichten wird. Eine gute, von anderen – also von uns – geführte Regierung wird nicht genügen.“ Sie orientiert sich nun an Frederick Lugards Nigeria-Theorie: einheimische Eliten an der Macht lassen, Prestige und symbolische Vorrechte unangetastet, aber Steuerwesen, Streitkräfte und Außenpolitik diskret in britischer Hand.

Durchsetzungsstarke Tagträumerin

Sie wird diesen Imperialismus mit weicherer Fassade auf der epochalen Kairo-Konferenz 1921 durchsetzen, als einzige Frau am Tisch neben einem so schlecht rasierten wie gelaunten Winston Churchill. So ordnen sie binnen weniger Tage den Nahen Osten neu. Bell ist nicht davor zurückgeschreckt, ihren Gegenspieler Sayyid Talib nach Ceylon entführen zu lassen. Die Scheichs, die zu Verhandlungen in ihr Büro kommen, bringen es auf den Punkt: „Wir wissen alle, dass Allah die Frau schwächer gemacht hat als den Mann. Doch wenn schon die englischen Frauen so schlau und verständig sind, müssen die Männer richtige Löwen sein. Wir täten gut daran, mit ihnen Frieden zu schließen.“

Im Epilog geht Guez hart mit seiner durchsetzungsstarken Tagträumerin, die nie heiratete, ins Gericht: Wie Lawrence, der verbittert auf dem Motorrad verunglückte, habe sich Bell „ganz dem Großen Spiel verschrieben“ – weil es ihnen ermöglichte, „vor der Realität zu fliehen, vor ihrer Geburt, ihrem Milieu und ihrer Identität“. Sie rissen sich Dinge an, „die ihnen nicht zustanden, politische Vorhaben, die sie nur ausführend hätten begleiten sollen“. Als das Spiel vorbei war, seien „sie zu Fremden auf Erden geworden“. In der neuen Weltordnung war kein Platz mehr für sie. Vor ihrem frühen Tod mit nur 57 Jahren in Bagdad widmete sich Bell archäologischen Grabungen und gründete das Nationalmuseum des Irak. Die Bronzebüste, die dort an sie erinnerte, wurde 2003 gestohlen, als amerikanische Soldaten tatenlos zusahen, wie das Museum geplündert wurde. Sie ist nie wieder aufgetaucht. Die Leere, die sie hinterlässt, steht symbolisch für die Hoffart des Westens, dem Rest der Welt seinen Willen aufzuzwingen.

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