Thomas Mann war „eigenartig berührt“: So braun hatte er sich Weimar nicht vorgestellt. Als der Literaturnobelpreisträger 1932 nach Thüringen kam, um die Goethe-Medaille entgegenzunehmen, ging er davon aus, die Klassikerstadt im Goethe-Fieber vorzufinden. Immerhin stand der 100. Todestag des berühmtesten deutschen Dichters an. Doch Mann wurde eines Besseren belehrt: „Weimar ist eine Zentrale des Hitlertums“.

Im Stadtbild dominiere der „Typus des jungen Menschen, der unbestimmt entschlossen durch die Stadt schritt und sich mit dem römischen Gruß begrüßte“, notierte er, befremdet über die allerorten sichtbare „Vermischung von Hitlerismus und Goethe“. 

Ob Mann wusste, wie ausgesprochen gern Adolf Hitler inzwischen nach Weimar kam, wie regelmäßig er im Hotel „Elephant“ abstieg, mit der Berufsangabe „Schriftsteller“ auf dem Meldeschein, als Kollege also, der er seit der Veröffentlichung von „Mein Kampf“ gewissermaßen war? 

Weimar, seinerzeit Hauptstadt des aus Adelsterritorien neu entstandenen Landes Thüringen, hatte sich früh zur NS-Hochburg gemausert. Hier hielt Hitler 1925, vor geladenen Parteimitgliedern, seine erste Rede nach der Entlassung aus der Haft (zu der er nach dem Münchner Putschversuch vom 9. November 1923 verurteilt worden war). Hier fand 1926 der erste Reichsparteitag der wiedergegründeten NSDAP statt. Letzteres geschah im Deutschen Nationaltheater, also just da, wo 1919 die erste deutsche Republik gegründet worden war, die von ihren Gegnern bald als „Weimarer Republik“ diffamiert wurde – der offizielle Staatsname lautete weiterhin „Deutsches Reich“. Hitler hatte 1926 noch öffentliches Redeverbot in Deutschland, weswegen er seine zahlreichen Fans auf der Straße nur stumm, aber erstmals öffentlich mit dem Hitlergruß bedachte.

Von den Jahren 1919 bis 1939 in Weimar erzählt Katja Hoyer in ihrem neuen Buch. Die in England lebende Journalistin und Historikerin ostdeutscher Herkunft schreibt im Original auf Englisch, für ein angelsächsisches Publikum, und ist dort mit Büchern zur DDR und zum deutschen Kaiserreich populär geworden. Sie prägt den internationalen Blick auf die deutsche Geschichte mit. Während ihre Werke in Deutschland teilweise kritisch kommentiert werden, sind sie in England vor allem Bestseller. Beides liegt an der journalistischen Machart.

Ein Zusammenbruch in Episoden

Das Verfahren ist das Wimmelbild, die episodenhafte Erzählung in Revue-Form, die in Deutschland vor allem durch Florian Illies populär geworden ist. Wobei die Weimarer Republik – spätestens seit dem Welterfolg der Serie „Babylon Berlin“ – zum Boomgenre solcher Darstellungen geworden ist, man denke an die Konjunktur der Bücher zum Krisenjahr 1923 oder auch an Harald Jähners „Höhenrausch“. Der besondere Thrill aller erzählenden und erklärenden Zugriffe auf die Weimarer Republik – auch den akademisch einschlägigen, etwa durch Heinrich August Winkler oder Helmut Lethen – liegt seit jeher im Studium der Kippmomente und ihrer Vorzeichen vor 1933: „Die Weimarer Republik ist das krasseste und erschreckendste Beispiel für den Zusammenbruch einer Demokratie in der westlichen Geschichte. Der Name der Stadt, in der sie gegründet wurde, ist untrennbar mit dieser Geschichte verbunden“, schreibt Hoyer – und macht aus dieser Feststellung eine Mikrogeschichte, die Deutschland im Kleinen, am Schauplatz Weimar, schildert. 

Hoyer zeigt Mitläufer und Mitwisser, Täter und Opfer, Fanatiker und Verfolgte – und dass diese Rollen im Einzelnen kaum sortenrein zu fassen sind. Auch Buchenwald, das seit 1937 auf dem nahegelegenen Ettersberg eingerichtete NS-Konzentrationslager, spart sie nicht aus, zumal das Krematorium der Stadt bis 1940 dessen Leichen zu entsorgen hatte. Man war Kunde bei Topf & Söhne, dem Unternehmen aus dem benachbarten Erfurt, das später die Öfen für Auschwitz entwarf.

Reizvoll in Hoyers kaleidoskopischer Chronik sind prominente Konstellationen, etwa Elisabeth Förster-Nietzsche und Harry Graf Kessler. Die Schwester des 1900 gestorbenen Philosophen Friedrich Nietzsche und der liberale, weltgewandte Dandy, der das Bauhaus nach Weimar gebracht hatte, waren befreundet, obwohl sie politisch konträr verortet waren. Er, ein Anhänger der Republik. Sie: eine, die dem Kaiserreich nachtrauerte und jetzt Mussolini-Fan war, während sie den Nationalsozialisten eher skeptisch gegenüberstand, weil die diskutierten, ob Nietzsche überhaupt in ihrem Sinne philosophiert habe (Ergebnis: ja, mit Abstrichen). Es gibt schillernde Szenen im Buch, etwa als Graf Kessler 1927 mit Oswald Spengler bekannt gemacht wird, dem Untergangspropheten, der regelmäßig Vorträge im Nietzsche-Archiv hält und Kessler nur stöhnen lässt: „das abgedroschenste, trivialste Zeug. (…) Spengler hat es fertiggebracht, Nietzsche langweilig zu machen.“

Harry Graf Kessler (1868 bis 1937), gemalt von Edvard Munch

Hoyer gelingt mit „Weimar“ mehr als eine Chronik, weil sie mit Empathie von Einheimischen erzählt, deren Spuren sie bei der Quellenarbeit im Stadtarchiv findet: Spuren von Carl Weirich etwa, dem Schreibwarenhändler, der zeitweise NS-Sympathisant war, dessen Laden aber plötzlich dem GAU-Forum weichen sollte. Oder von Rosa Schmidt, der jüdischen Betreiberin des Hotels „Hohenzollern“ am Bahnhof, die ihre Herkunft lange verschleiern konnte und Rotbund-Kongresse ebenso ausrichtete wie NS-Anlässe, ehe sie 1944 enttarnt, deportiert und in Auschwitz ermordet wurde. 

Hoyers Buch ist gelungen, weil es eine gesellschaftsweite Alltäglichkeit von Verstrickungen zeigt. Wo es mehr als 80 Jahre danach immer öfter nur noch Täter oder Opfer, Widerstandskämpfer oder Nazis zu geben scheint, droht die graue Masse dazwischen verloren zu gehen. Von ihr muss weiterhin erzählt werden.

Katja Hoyer: Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte. Hoffmann und Campe, 592 Seiten, 28 Euro

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