Popliteratur, kann es das heute überhaupt noch geben, wo „Pop“ doch quasi zur Werkseinstellung unserer digital kuratierten Oberflächengegenwart geworden ist? Wer genug Zeit hat, sich mit solchen Fragen zu befassen, kam am Samstag nach Augsburg, wo zum dritten Mal der „Deutsche Popliteraturpreis für Magic, Pop und Ewigkeit“ verliehen wurde.

Hinter der Veranstaltung mit dem ambitionierten Titel steckt das Literaturhaus Augsburg, ein 2014 von drei Freunden gegründetes Kollektiv, das sich über die Jahre professionalisiert hat, ohne dabei seinen anarchischen Gründungsgeist verloren zu haben. Mal trifft man sich zum Literaturtalk in einer abbruchreifen Augsburger Metzgerei, mal veranstaltet man eine Lesung zum Thema „Erotische Literatur“. Ein anderes Mal hat das „Literaturhaus“-Trio, das entgegen dem Anschein über gar kein physisches Haus in der Stadt verfügt, die „Duftbar“ aus Eckhart Nickels Roman „Hysteria“ nachgebaut.

In diesen halb improvisierten und doch irgendwie schillernden Style reiht sich die Preisverleihung im Augsburger Lettl-Museum für surreale Kunst ein. Dort hängen die Werke des 2008 verstorbenen Surrealisten Wolfgang Lettl, der in den 1980er-Jahren unter anderem für die WELT die Titelseiten der Buchbeilagen gestaltete.

Zu Beginn des Abends betritt Stefan Bronner, Gründer des Literaturhauses, mit seinen zwei Mitstreiterinnen Franziska Diller und Katrin Montiegel die Bühne. Bronner trägt einen sandfarbenen Anzug (wahrscheinlich von Comme des Garçons oder Tiger of Sweden) mit einem ziegelroten Silikon-Einstecktuch. In Deutschland gebe es immer den Konflikt zwischen Tiefe und Oberfläche, meint er zur Begrüßung in leicht schwäbelndem Sound.

„Alles muss mit Ernst zelebriert werden, als ob Kunst davon besser wird.“ Genau das überwinde Popliteratur. „Wir sind diesen falsch verstandenen Realismus leid, der die Banalität der Gegenwart in ebenso banaler Sprache spiegelt. Aber auch die deutsche Tradition der feinfühligen Innenschau langweilt uns maßlos.“

Stefan Bronner, Gründer des Literaturhauses Augsburg

Die Jury unten in der ersten Reihe nickt. Neben Julia Holbe, früher Lektorin beim S. Fischer-Verlag und mittlerweile Autorin, sitzen dort auch Knut Cordsen, Literaturkritiker beim Bayerischen Rundfunk, sowie WELT-Autor Frédéric Schwilden.

Ehe die drei Finalisten aus ihren Büchern vorlesen, ruft Moderatorin Miriam Fendt vom BR „die Stimme der Wissenschaft“ auf die Bühne. Heinz Drügh, Professor für Neuere Deutsche Literatur und Ästhetik in Frankfurt am Main, geht in seinem Impuls-Vortrag der Frage nach, was Pop denn heute noch sei. Obwohl der Begriff zunächst nach trivialem Tand klinge, forme er schließlich doch die ästhetische Attitüde. Ausgehend von Andy Warhols Credo „Once you got pop, you can never see a sign the same way again“ gelte es, Pop zu „getten“, also irgendwie zu peilen und zu verstehen.

Pop könne alles sein, ein Kleidungsstück, eine Sonnencrememarke oder auch einfach ein bestimmter Käse aus dem Kühlregal im Supermarkt, so Drügh. Dabei sei etwa Donald Trump, der McDonald’s und Diet-Coke liebende Präsident, der Baseballkappen trägt und Gastauftritte in „Sex and the City“ und „Kevin allein zu Haus“ vorzuweisen hat, gerade kein Pop. „Trump gettet es eben nicht“, behauptet Drügh. „Pop muss vorbehaltlich und ambivalent sein und dabei zugleich zurückhaltend bleiben.“

Aber Moment mal, fragt sich da der kulturkritische Stinkstiefel: Popliteratur, ist das nicht wie die Zeitung von vorgestern, eine olle Kamelle aus dem letzten Jahrhundert? „Nein, gar nicht“, wird Bronner später in der Pause entgegengehalten, während das Publikum nebenan am Buffet feine „Amuse-Bouches“ vom Augsburger Sternekoch Simon Lang verlustferkelt. „Pop ist ein Gegenentwurf zu einer Kultur, die Kunst vor allem als moralisches oder identitätspolitisches Statement begreift. Wir sind im Vergleich zum aktuellen Literaturbetrieb geradezu ketzerisch unpolitisch und konservativ mit unserem Drang zum Kanon“, meint Bronner und fasst sich an das dicke, bernsteinfarbene Gestell seiner Brille. Dann nimmt er einen tiefen Schluck vom Aperol Spritz, der hier aus kleinen Flaschen vom Edel-Caterer Käfer getrunken wird. Sein Anzug sei übrigens von Etro, teilt er auf Nachfrage mit. Ist notiert.

Dass „Pop“ heute mehr bedeutet, als ein paar Markennamen zu droppen und angeberisch über die gesehenen und gehörten Platten und Filme zu schreiben, zeigt Paula Steiner, die erste Finalistin des Abends. Obwohl sich ihr Coming-of-Age-Roman „Die Welt hat blaue Haare“ thematisch an zeitgenössischer Literaturbetriebsprosa orientiert – es geht um Queerness, Gender, Rassismus und so –, schafft es das Buch, die Realität irgendwie zu „getten“. Steiner erzählt leichtfüßig von Luisa, die in die blauhaarige Dunja verliebt ist. Die wird zur ironisch gebrochenen Projektionsfläche einer Jugend zwischen Periodenschmerz, einem Freund, den sie nicht leiden kann, und Erstsex auf der Schultoilette.

An das extreme Ende unserer Gegenwart geht auch Finalist Stefan Sommer mit seinem Roman „Party People“. Das Buch schaut durch die Augen eines erfolgreichen Techno-DJs in eine Welt schillernder Oberflächen und des großen Geldes: französische Richkids, die Instagram-kredibel in Tausend‑Euro-Burberry-Fellwesten auf Dayraves abhängen, und Tech-Oligarchen, die sich das Gesicht zur Hautstraffung mit Lachssperma einreiben.

Die Gewinnerin an diesem Abend aber ist Svea Mausolf mit ihrem französisch ausgesprochenen Roman „Image“ über eine Dauerstudentin Ende dreißig, die von ihren Eltern abrupt den Geldhahn zugedreht bekommt. Mit Mausolfs Roman gehe der Preis an ein Werk, „in dem der Mensch in all seinen Dimensionen und auch Perversionen zum Tragen“ komme, so Juror Cordsen. Mit ihrem drastischen Blick auf den menschlichen Körper und den expliziten Beschreibungen von Körpersäften aller Art erinnert dieses „saugeile, hingefickte Buch“ (Juror Schwilden) stellenweise an Charlottes Roches „Feuchtgebiete“. Bekannt wurde Mausolf auf Instagram mit ihrem Meme-Account „sveamaus“, auf dem sie schonungslos die dunklen Ecken des bundesdeutschen Kleinbürgertums ausleuchtet.

Nach der Verkündung überreicht Bronner in Gameshow-Manier einen Geldkoffer mit dem Preisgeld von 3000 Euro. „Davon werd‘ ich meinen Studienkredit abbezahlen. Und die Corona-Soforthilfe muss ich auch noch abstottern“, meint die Gewinnerin nach zahlreichen weiteren Aperol Spritz und Peroni aus der Dose, ehe sie in die Augsburger Nacht verschwindet. Hinter der exzessiven Feier der Literatur schlummert dann doch die triviale Wirklichkeit. Eigentlich auch wieder wahnsinnig Pop. Insofern haben sie es in Augsburg wirklich „gegetted“.

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