Nikolai Kononow, geboren 1980 in Moskau und heute im Berliner Exil lebend, ist Journalist, Schriftsteller und langjähriger Beobachter der russischen Tech-Szene. Sein neues Buch „The Populist: The Untold Story of Pavel Durov and Telegram“ ist gerade beim unabhängigen Exil-Verlag Freedom Letters erschienen, der sich auf in Russland verbotene oder unterdrückte Werke und Autoren spezialisiert hat.
WELT: Seit einiger Zeit kursieren in Russland Gerüchte, dass Telegram landesweit ganz blockiert werden könnte. Zurzeit ist die Nutzung bereits stark eingeschränkt. Glauben Sie, dass die russischen Behörden tatsächlich in der Lage wären, Telegram vollständig abzuschalten?
Nikolai Kononow: Die russischen Blockadeversuche sind bisher wenig erfolgreich. Viele Menschen nutzen VPNs, die sich nur schwer komplett unterbinden lassen. Es gibt keine technischen Mittel, um Telegram vollständig abzuschalten – man kann den Zugang erschweren, mehr nicht. Das eigentliche Ziel ist, Druck auf Durow auszuüben. Da er nicht kooperiert, versucht man stattdessen, die Bevölkerung einzuschüchtern. Die Menschen passen sich jedoch an: Viele richten sich mithilfe ihrer Kinder oder Enkel VPNs ein. Sogar ältere Leute lernen schnell, wie es geht. Selbst der Kreml-Sprecher Peskow musste öffentlich erklären, dass Telegram in den Grenzregionen nicht abgeschaltet werden soll. Eine totale Blockade ist nicht nur technisch unmöglich, sondern auch politisch riskant.
„Das hat ihn offenbar tief gekränkt“: Biograf KononowWELT: Warum schaltet Durow Telegram für militärische Zwecke nicht ab?
Kononow: Genau darin liegt der Kern seiner Idee: Durow will Telegram möglichst nicht einschränken. Bei konkreten Strafverfolgungsfällen – etwa schwerem Kindesmissbrauch – ist er bereit zu kooperieren. In geopolitischen Konflikten jedoch will er keine Seite bevorzugen. Genau das erklärt auch die Stabilität von Telegram. Die Plattform wird in Russland von allen genutzt – von Bürgermeistern bis zu Ministern –, teils sogar aktiv von der Präsidialverwaltung gefördert. Hinzu kommt: Telegram funktioniert auch bei sehr schlechter Internetverbindung zuverlässig, was in einem Land wie Russland ein großer Vorteil ist. Durow sieht sich nicht als politischer Akteur, sondern als Betreiber eines Mediums. Seine Haltung ist zugleich ideologisch und wirtschaftlich sinnvoll – und entspricht offenbar seiner persönlichen Überzeugung.
WELT: Würden Sie sagen, dass sich Durows persönliches Freiheitsverständnis direkt in der Architektur von Telegram widerspiegelt?
Kononow: Sie besteht aus zwei Teilen. Der erste ist der konsequente Fokus auf Meinungsfreiheit – der teilweise in völlige Regellosigkeit übergeht, also eine totale, kaum eingeschränkte Redefreiheit. Diese Linie vertritt er seit 13 oder 14 Jahren. Gleichzeitig gibt er staatlichen Behörden weltweit Informationen nur im minimalsten Umfang weiter. Das russischsprachige Medium iStories, das mit dem internationalen Rechercheverbund OCCRP verbunden ist, hat dazu eine Karte veröffentlicht: Sie zeigt, wie viele Anfragen von Strafverfolgungsbehörden aus verschiedenen Ländern an Telegram gestellt wurden – und wie wenige davon tatsächlich erfüllt wurden. Die Zahlen sind äußerst niedrig.
WELT: Manchmal hat man den Eindruck, dass Durow die Europäische Union heftiger angreift als die russische Politik.
Kononow: In den letzten Monaten hat Pawel Durow auch Russland scharf kritisiert. Er nannte die Politiker „erbärmlich“, weil sie aus Angst vor den eigenen Bürgern das Internet einschränken. Er lieferte laufend Anleitungen, wie man die Blockaden mit VPNs umgeht. Europa bleibt für ihn aber ebenfalls ein Thema. Als in der EU über schärfere Überwachung der Kommunikation (Deep Packet Inspection) diskutiert wurde, reagierte er noch am selben Abend: Er forderte die Europäer auf, auf die Straße zu gehen und ihre Meinungsfreiheit zu verteidigen. Solche scharfen Reaktionen zeigen, wie sensibel er auf jede Form von Zensur anspricht – sei es in Russland oder in Europa.
WELT: Würden Sie sagen, dass Pawel Durow grundsätzlich keine Grenzen akzeptiert – besonders nicht, wenn sie ihm von Institutionen oder Personen gesetzt werden, die er für weniger kompetent hält?
Kononow: Er ist daran gewöhnt, der Klügste im Raum zu sein – oder hält sich zumindest dafür. Wenn Menschen, die er für weniger kompetent hält, ihm Grenzen setzen wollen, reagiert er oft mit Wut und Widerstand. Besonders dann, wenn er das Gefühl hat, dass andere nicht verstehen, was er eigentlich aufbauen will, geht er schnell in die Offensive. Das zeigte sich auch in Frankreich: Nachdem Geheimdienste versucht hatten, Telegram zu stärkerer Kooperation bei der Herausgabe von Nutzerdaten zu bewegen, reagierte Durow öffentlich und erklärte, er werde auf solchen Druck niemals eingehen. Auf seinem Telegram-Kanal kritisiert er regelmäßig europäische Regulierungsbehörden und Politiker wie Emmanuel Macron – oft sehr direkt und ohne große diplomatische Zurückhaltung.
WELT: Kann man Durow als ernsthaften Streiter für die Meinungsfreiheit sehen, oder ist das nur die schöne Seite seines extremen Individualismus?
Kononow: Er ist radikaler Individualist und überzeugter Verfechter der Meinungsfreiheit. Genau diese Mischung – ihre Anziehungskraft und ihre Schattenseiten – steht im Mittelpunkt meines Buches. Geprägt wurde er durch die späte Sowjetunion und das frühe Internet. Während er die eingeschränkte Meinungsfreiheit der Sowjetzeit erlebte, erfuhr er das frühe Netz als Raum völliger Freiheit und Selbstentfaltung. Schon in der Schule lehnte er Autoritäten ab und bestand auf seinem eigenen Weg. Daraus entwickelte sich sein radikaler Freiheitsbegriff: Freiheit bedeutet für ihn vor allem maximale Unabhängigkeit von Staaten, Institutionen und gesellschaftlichen Zwängen. Kollektive Werte wie Gerechtigkeit oder Solidarität spielen bei ihm eine untergeordnete Rolle.
WELT: Die konsequente Wette auf radikale Meinungsfreiheit. Wohin hat das bei Telegram geführt?
Kononow: Es ist eine sehr bunte Mischung: Impfgegner, Flacherdler, Steuergegner und Leute, die einfach die Nase voll haben von Politikern wie Merz oder Scholz. Dazu kommen Menschen, die sich vom gesellschaftlichen Mainstream komplett entfremdet fühlen. Was sie alle verbindet, ist der Wunsch, der „offiziellen“ Welt zu entkommen. Und genau da kommt Pawel Durow ins Spiel. Er verspricht ihnen, ihre Daten nicht preiszugeben – und bemüht sich, dieses Versprechen zu halten. Gleichzeitig bleibt er selbst maximal unabhängig: kein Land, dem er sich dauerhaft unterordnet. Nach einem Treffen mit Putin hat er schnell seine verbleibenden russischen Geschäfte verkauft und das Land verlassen. Lange Zeit konnte ich diese Episode nicht verifizieren. Erst nach Durows Verhaftung bestätigte Putin selbst öffentlich, dass es dieses Treffen gegeben hat.
WELT: Wie ging es mit ihm weiter?
Kononow: Die USA hat er wegen des starken FBI-Interesses abgelehnt, Paris wegen hoher Steuern und der Sozialpolitik des Staates. Stattdessen sitzt sein Team jetzt in Dubai – strategisch sehr clever, weil Telegram dort und in Asien enorm stark ist. Die App hat weltweit etwa eine Milliarde Nutzer. Besonders spannend ist der Iran: Trotz staatlicher Sperren bleibt Telegram beliebt. Regimekritiker umgehen die Blockaden mit VPNs, während sogar iranische Staatsmedien die Plattform nutzen, um Gegenpropaganda zu betreiben.
WELT: Ist Pawel Durow ein russischer Elon Musk?
Kononow: Elon Musk ist radikaler und deutlich vermögender. Trotzdem hat Musk Durow mehrfach öffentlich verteidigt, etwa nach dessen Festnahme in Frankreich. Für Durows PR ließ er sich jedoch nicht einspannen – als Durow eine mögliche Zusammenarbeit mit X zu früh ankündigte, widersprach Musk sofort. Trotzdem ist Durow nicht einfach „der russische Musk“. Was ihn besonders auszeichnet, ist seine extreme Unabhängigkeit: Er bleibt alleiniger Eigentümer und die zentrale Entscheidungsfigur von Telegram.
WELT: Klingt, als wäre er sehr ambitioniert.
Kononow: Er hat sogar versucht, den US-Markt mit einer eigenen Kryptowährung zu erobern. Das Projekt scheiterte 2018 am Libra-Debakel von Facebook und der politischen Lage. Durow blieben 1,8 Milliarden Dollar Schulden. Später integrierte er das Projekt trotzdem über eine Schweizer Stiftung in Telegram.
WELT: Haben Sie Sympathien für Durow?
Kononow: Wir haben uns zerstritten, seitdem spricht Pawel Durow nicht mehr mit mir. Der Auslöser waren unangenehme Fragen: Warum es bei Telegram in 13 Jahren keine einzige weibliche Entwicklerin gab. Und ob er nicht erkenne, dass Telegram längst mehr als sein privates Eigentum ist – ein gesellschaftliches Medium, bei dem Nutzer Mitspracherecht verdienen. Ich schlug ihm vor, ein unabhängiges Gremium mit NGOs, Aktivisten und anderen Vertretern einzurichten, das für mehr Transparenz sorgt. Er lehnte das schroff ab und meinte, solche NGOs seien ohnehin alle von „Big Money“ finanziert. Ich musste lachen, weil ich selbst seit Jahren im zivilgesellschaftlichen Bereich aktiv bin. Das hat ihn offenbar tief gekränkt.
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